Der Zusammenschluss zwischen AOL und TimeWarner betrifft ein deutsches Unternehmen in besonderer Weise: Bertelsmann. Der Gütersloher Medienkonzern kooperiert zwar in Europa mit AOL, doch in den USA dürfte das Geschäft für die Deutschen nicht leichter werden. Mit Bertelsmanns Multimedia-Vorstand Klaus Eierhoff sprach Tilman Baumgärtel.

Das "Wall Street Journal" schreibt in seiner Dienstag-Ausgabe, dass Bertelsmann durch den Merger zwischen AOL und TimeWarner "zurück ins zweite Glied verwiesen worden ist". Wird Bertelsmann auf dem internationalen Markt durch diesen Deal abgehängt?

Davon kann keine Rede sein. Bertelsmann hat in vielen Bereichen des internationelane Mediengeschäfts führende Positionen inne und vor allem auch im Multimedia- Bereich eine starke Stellung erreicht. Wir sind von dieser Kooperation nicht überrascht worden, weil wir mit so einer Entwicklung am Markt gerechnet und unsere ganze Strategie darauf ausgerichtet haben. Dass das klassische Mediengeschäft und das Internetgeschäft zusammenwachsen werden, ist eine Erfahrung der Zeit. Bertelsmann hat aus dieser Erfahrung schon vor fünf Jahren die Konsequenz gezogen und mit AOL eine europäische Tochter gegründet haben.

Trotzdem haben AOL und TimeWarner jetzt eine komplette Infrastruktur. Sie produzieren mediale Inhalte und können sie nicht nur über die klassischen Vertriebswege vertreiben, sondern auch über das Breitbandkabelnetz von TimeWarner und den Onlinedienst von AOL.

Ich kann mir vorstellen, dass wir von der neuen Zusammenarbeit profitieren werden. Denn wir haben mit AOL eine exzellente Partnerschaft. Und wir freuen uns, dass über den neuen AOL-Partner TimeWarner bei AOL-Europe nun neue Produkte und Dienstleistungen hinzukommen, die wir für unsere Geschäfte nutzen können. Für die Kunden ist das hervorragend.

Aber ist das auch für Bertelsmann so positiv? Wenn AOL-Europe die Nachrichten von CNN übernimmt, können Sie dort nicht mehr die Nachrichten von ihrem Sender RTL verwerten.

Bertelsmann will natürlich einerseits seine Produkte und Dienstleistungen auf jedem verfügbaren Weg anbieten, keine Frage. Aber andererseits bestimmt letztlich nicht Bertelsmann sondern der Kunde durch seine Auswahl, was über die verschiedenen Kanäle vertrieben wird. Unsere Vertriebswege dienen nicht ausschließlich dem Zweck, unsere eigenen Angebote zu verbreiten. Bei unserem Internet-Buchversand BOL beispielsweise werden nicht nur Bücher aus Bertelsmann-Verlagen verkauft, sondern auch die von konkurrierenden Verlagen.

In den USA hat AOL TimeWarner durch das Fernsehkabelnetz eine exzellente Infrastruktur zum Vertrieb von Movies-on-demand, Musik und Multimedia-Angeboten, Bertelsmann nicht.

Wie Sie richtig sagen: In den USA hat AOL TimeWarner diese Infrastruktur für Musik und Filme. Bei anderen klassischen Medien sieht das schon anders aus. Nehmen wir das Buch: Wir sind weltweit das größte Verlagshaus, und wir verfügen mit barnesandnoble. com und BOL auch über die elektronischen Vertriebswege. Und wir haben die Buchclubs, auch in den USA, die wir momentan mit Hochdruck in das Internet verlagern. Und was den Aufbau der Infrastruktur angeht, müssen wir sagen: Uns ist daran gelegen, dass sich die Netze verbessern, damit mehr Menschen die Angebote nutzen können. Und wenn dann der Ausbau durch einen Partner vorangetrieben wird, mit dem wir seit Jahren glänzend zusammenarbeiten, so ist uns das nur willkommen.

Es ist noch zu früh, diese Frage zu beantworten. Aber es dürfte grundsätzlich wohl kaum Sinn machen, einen der Hauptwettbewerber zu kontrollieren.

Wussten Sie selbst vorher von dem Zusammenschluss von TimeWarner und AOL?

Darüber möchte ich keine Auskunft geben.

Hat AOL Bertelsmann einen ähnlichen Zusammenschluss vorgeschlagen?

Wenn ich diese Frage beantworte, würde ich damit auch die vorherige Frage beantworten.

Könnten Sie sich vorstellen, dass jetzt TimeWarner-Firmen zum Verkauf stehen, die für Bertelsmann interessant sind?

Nach so einem Riesendeal stehen immer Portfolio-Bereinigungen an. Ich kann mir vorstellen, dass es Angebote gibt, die für uns interessant sind. Konkret können wir aber noch nichts sagen.

Ein Aktientausch wie der zwischen TimeWarner und AOL ist bei Ihnen ausgeschlossen. Befürchten Sie, dass Sie das in Zukunft in Ihrer geschäftlichen Flexibilität behindern wird?

Wir müssen da zwischen Muttergesellschaft und Töchtern unterscheiden. Das Mutterunternehmen und die Kerngeschäfte stehen für solche Transaktionen nicht zur Verfügung, die Töchter sehr wohl. Mit "barnesandnoble. com" und Pixelpark sind wir schon an die Börse gegangen, mit anderen Unternehmen wollen wir es tun. Wir haben eine Reihe von Kandidaten, auf die sich die Börse freuen würde. Ich sehe nicht, dass uns unsere Unternehmenskonstruktion behindert.