Die Präsentation von Microsoft bei der "Consumer Electronics Show" in Las Vegas war eine ausgelassene Angelegenheit: Bei der Veranstaltung, die in Amerika eine Art Computermesse und Funkausstellung in einem ist, zeigte sich das Unternehmen Anfang Bill Gates erschien im Kostüm des Filmhelden Austin Powers, der gewöhnlich in der Lage ist, die Welt zu retten. Sein Gegner: ein "Dr. Evil", der die Börse zum Zusammenbruch bringen will. Der Darsteller des fiesen Doktors: Steve Ballmer, damals Präsident von Microsoft, seit Donnerstag Chief Executive Officer, Vorstandsvorsitzender, des Unternehmens und damit Nachfolger von Bill Gates.
Es gab Gründe dafür, dass Ballmer in dem Laienspiel ausgerechnet die Börse zum Gegenstand seiner finsteren Pläne zu machen hatte. Ende September hatte er in einem Interview die Bewertung von Technologieaktien als "fast absurd" bezeichnet. Die Bemerkung ließ in wenigen Stunden die Kurse des technologielastigen Nasdaq-Index, zu dem auch die Aktien von Microsoft gehören, abrutschen. Mit seiner unbedachten Bemerkung hatte Ballmer sich und Millionen andere Aktionäre um mehr als eine Milliarde Dollar ärmer gemacht.
Der Elefant im Porzellanladen ist eine Rolle, in der man sich Ballmer ebenso gut vorstellen kann wie in der des "Dr. Evil". Auch einen Schläger oder einen Rausschmeißer könnte der breit gebaute 43-Jährige mit der Glatze glaubwürdig darstellen. Ein Weichling ist Bill Gates(Fortsetzung Seite 2) Ballmer, Fortsetzung von Seite 1 ---Nachfolger jedenfalls nicht. Wer glaubt, Ballmer würde in dem Monopol-Verfahren gegen Microsoft einen moderateren Kurs als der ehemalige Chef fahren, dürfte falsch liegen. Schon bei der Pressekonferenz, auf der Gates seinen Rücktritt bekannt gab, beantwortete Ballmer entsprechende Fragen mit markigen Sprüchen: das Verfahren sei "absurd" und "unfair", man werde alles tun, um die Aufteilung von Microsoft zu verhindern.
Auch sonst soll sich in der Struktur des Software-Konzerns nach dem Führungswechsel wenig ändern. Ballmer hatte bereits seit seiner Ernennung zum Präsidenten das Tagesgeschäft geführt, während Gates vorwiegend für die Präsentation des Unternehmens nach außen zuständig war. Intern allerdings dürfte in Zukunft ein noch rauerer Wind wehen als unter Gates. Ballmers Laufbahn wurde begleitet von Kündigungen. Seit er Präsident von Microsoft ist, haben bereits einige Manager das Unternehmen verlassen oder ausgedehnte "Denkpausen" weit weg von Ballmer eingelegt. Zu seinen prominentesten Opfern gehören der ehemalige Microsoft-Cheftechniker Nathan Myhrvold und der "WebTV"-Gründer Steve Perlmann. Sein aggressiver Management-Stil hat Ballmer den Spitznamen "Embalmer" (der Einbalsamierer) beschert.
Zu Microsoft stieß der Sohn Schweizer Emigranten 1980. Gates und Ballmer kannten sich seit den 70er-Jahren, als beide an der amerikanischen Elite-Universität Harvard studierten. Während Gates die Uni ohne Abschluss verließ, um Microsoft zu gründen, machte Ballmer seinen Abschluss in den Hauptfächern Mathematik und Betriebswirtschaft. Nach einem Gastspiel bei "Procter & Gamble" beendete er sein Studium an der Stanford University.
Bei Microsoft durchlief er mehrere Positionen. Er betreute den Kundendienst, später internationale Kontakte und stieg bis zum Verkaufschef auf. Heute ist er Mitglied des zwölfköpfigen Führungsgremiums von Microsoft.
Ballmer war Trauzeuge, als Bill Gates 1994 Melinda French heiratete. Die beiden Männer gelten als enge Freunde. Trotzdem soll Gates Ballmer im Frühjahr 1985 mit Rausschmiss gedroht haben, wenn das erste "Windows"-Betriebssystem nicht bis Ende des Jahres veröffentlicht würde. Im November wurde die Software ausgeliefert.