BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Hartwig Masuch: "Kopiert wurde immer - heute halt auf die Festplatte. "
Auf der heute beginnenden New Media-Konferenz BerlinBeta ist der Musik-Vertrieb im Internet ein zentrales Thema. Hartwig Masuch ist Geschäftsführer des Musikverlags der Bertelsmann Music Group (BMG) in Berlin. Masuch, in den achtziger Jahren Sänger der Neue-Welle-Band Rambus und Produzent der Gruppe Extrabreit, ist seit 1991 bei der BMG. Das Unternehmen vertritt Künstler wie Rammstein, Peter Maffay, Sasha, Scorpions, Die Ärzte und die Toten Hosen.
Herr Masuch, was würden Sie als Musikmanager einem Sechzehnjährigen sagen, dessen Computer voll gepackt ist mit illegal aus dem Internet heruntergeladenen Popmusik-MP3s?
Ich persönlich würde ihm sagen, dass sein Spaß an Musik mich hoch erfreut. Mit 25 wird das wahrscheinlich ein extrem musikbegeisterter Mensch sein, dem es dann zu mühsam ist, Musik bei Napster oder anderen Internetangeboten herunterzuladen. Der wird dann Musik auch bezahlt konsumieren.
Und dass unser Sechzehnjähriger für die Musik auf seinem Computer heute nicht bezahlt, stört Sie nicht?
Offiziell schon, aber vielleicht hat er ja am Tag vorher die zwei CDs, die ihm wirklich am Herzen liegen, im Laden gekauft, um sie als Original zu Hause stehen zu haben. Ich war früher genauso. Ich habe als Teenager sehr viel Geld für LPs ausgegeben, aber ich hatte auch Unmengen bespielter Kassetten zu Hause, auf denen ich Platten aufgenommen hatte, die ich mir ausgeliehen hatte. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass sich jemand überhaupt für Musik interessiert.
Viele ihrer Kollegen in der Musikindustrie sehen das anders: Sie behaupten, dass ihre Umsatzrückgänge in den letzten Jahre auf das Internet und auf schwarzgebrannte CDs zurückzuführen sind . . .
Ich glaube, im Moment weiß keiner genau, wie der Zusammenhang ist. Da gibt es das Internet, das für Musikfirmen schwer einzubinden ist, und dann gibt es große Probleme im Markt. Daraus schließen manche, dass dieses Phänomen Internet wohl eine Rolle bei den Umsatzrückgängen spielen muss, weil es ja keine anderen großen Verwerfungen gegeben hat. Das hört sich auch ganz gut an, aber es muss nicht unbedingt so sein.
Wieso?
Was wird dem Internet jetzt vorgeworfen? Dass kopiert wird. Aber kopiert wurde schon immer. Früher auf Kassetten, heute auf Festplatte.
Aber mit Hilfe des Internets kann man weltweit und in hervorragender Qualität kopieren.
Ich lese auch immer mit Interesse in der Fachpresse, dass im Internet für drei Milliarden Mark Tonträger kopiert werden. Das setzt ja voraus, dass jeder, der bereit war, drei Mark für einen CD-Rohling auszugeben, auch bereit gewesen wäre, 39,50 Mark für diese Tonträger auszugeben. Das bezweifele ich. Die Jugendlichen haben einfach kein Interesse daran, bestimmte Musik zu diesem Preis zu kaufen. In der heutigen Medienlandschaft kann ich die Musik, die mir gefällt, konsumieren, ohne dafür zu bezahlen. Ich kann zwischen drei Musik-TV-Kanälen und diversen Radiosendern wählen, die sehr unterschiedliche Profile haben. Warum soll man sich da für die Hälfte seines Taschengeldes einen Tonträger kaufen, wenn man diesen Klangteppich auch ganz anders beziehen kann? Ich kann auch verstehen, dass das Unrechtsbewusstsein bei 16-Jährigen nicht so ausgeprägt ist.
Wenn das so ist: Warum machen viele Musikmanager jetzt plötzlich das Internet für die Umsatzrückgänge verantwortlich?
Viele Manager haben jetzt Erklärungsbedarf. Die haben vor fünf Jahren Millionen in Internetprojekte investiert, weil es hieß, dass das die Zukunft sei. Aber die großen Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Das ist ja nicht nur im Musikbereich so. Aber Manager sagen ja selten: "Wir haben uns fundamental geirrt. " Und darum wird das Internet, das bis vor kurzem als die Rettung galt, zum Feindbild erklärt.
Also steckt die Musikindustrie in einer inhaltliche Krise?
Ja. Die Musikindustrie muss sich fragen: Sind unsere Produkte spannend und werden sie zu angemessenen Preise verkauft? Da ist die Antwort der Konsumenten ganz eindeutig - nämlich nein. Es gibt kaum etwas, womit sich das Publikum wirklich identifizieren will. Das ist als Ausdruck eines Lifestyles wichtig. Es gibt im Moment nur Musik als Klangteppich, nicht als Identifikationsangebot. Hauptsächlich wird Musik angeboten, die völlig berechenbar und kalkuliert ist. Jugendliche legen aber auch Wert darauf, dass sie kulturell gefordert werden. Die sagen sich: Warum sollen wir das kaufen? Musikalisch ist eins wie das andere.
Warum reagieren die Firmen nicht flexibel auf diese Marktsituation?
Weil sie zu groß geworden sind. Vor 20 Jahren gab es eine Vielfalt wirklich unabhängiger Labels; heute gibt es ja eigentlich nur noch fünf Gruppen, die relativ straff geführt werden und alles vermeiden, was ein bisschen in die kulturelle Breite geht und kommerziell unberechenbar Es fehlen auch Ansprechpartner für ambitionierte Künstler und der zentralisierte Handel ist auch nicht gerade offen für neue Produkte. Es ist auch gar nicht so, dass wir zu wenig einnehmen; wir geben zurzeit zu viel Geld aus. Es ist alles sehr behäbig und sehr groß geworden. Es ist absurd, wie viel Geld wir für Videos ausgeben, die wir Sendern wie Viva und MTV fast umsonst zur Verfügung stellen. Und gleichzeitig wird jeder Musikaustausch im Internet mit Prozessen überzogen. Vielleicht wäre es besser, die Tauschbörsen sich ein bisschen wilder entwickeln zu lassen, um Musik zu promoten anstatt sie immer sofort als Absatzkanäle einzuordnen mit entsprechenden Rentabilitätsanforderungen.
Das Interview führte Tilman Baumgärtel