Wenn ich mich vor zwei Jahren mit A. treffen wollte, verabredeten wir uns zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Das war einmal. Inzwischen haben wir Handys. Seither vereinbaren wir nicht mehr einen Zeitpunkt für das Treffen, sondern für ein Telefonat. "Lass uns morgen Abend telefonieren", sagen wir, um alle Details unserer Verabredung so lange wie möglich flexibel zu halten. Wir können uns jederzeit in Verbindung setzen, um Ort und Zeit optimal auszuhandeln - und zwar in Echtzeit, während wir uns durch die Stadt bewegen, im Supermarkt einkaufen, auf der Allee Fahrrad fahren oder beim Arzt im Wartezimmer sitzen.
Was macht das Handy mit uns? Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn eine Mehrheit ihrer Mitglieder plötzlich immer und überall erreichbar ist? Wie ändert das unseren Sinn für Ort und Zeit? Was tun Handys mit unseren Beziehungen? Was mit dem Ablauf unserer Tage?
Handys haben sich in den vergangenen Jahren von einem Alpha-Tier-Merkmal für Manager zu einem Alltagsgegenstand entwickelt, der fast so selbstverständlich herumgetragen wird wie Handtasche, Geldbörse oder Feuerzeug. Ein Statussymbol sind Handys schon lange nicht mehr; inzwischen ist es eher ein Privileg, das sich nur noch wenige Menschen vorbehalten: nicht ununterbrochen und an jedem beliebigen Ort angerufen werden zu können.
Die Dumping-Preise, die die deutschen Telekommunikationskonzerne lange Zeit für Handys verlangt haben, lagen oft deutlich unter dem Warenwert der Geräte. Diese Subventionierungen haben dazu geführt, dass inzwischen nicht nur Grundschüler eigene Handys mit sich herumtragen, sondern auch Ersatzgeräte für den Notfall in Handschuhfächern, Schreibtischschubladen und Erste-Hilfe-Kästen liegen.
Handys sind so alltäglich und so billig geworden, dass sie in Tankstellen und im Supermarkt neben der Kasse angeboten werden. Obwohl sie eine Art leistungsfähiger Minicomputer voll komplexer Technik sind, werden sie zum Teil für weniger als hundert Mark verkauft. Knapp fünfzig Millionen Bundesbürger sollen inzwischen ein Handy besitzen. Wenn sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren ungebremst fortsetzt, wird es bereits 2003 in Deutschland mehr Handys als Einwohner geben. Hinweise darauf, dass sie eine kurzzeitige Mode wie Tamagochis sind, heute hip und morgen vergessen, gibt es nicht. Das Handy ist eine technische Innovation, die gekommen ist, um zu bleiben.
Trotzdem gibt es bisher nur wenig systematische akademische Forschung über seine Auswirkungen auf unserer Leben. Auch am Feuilleton ist das Phänomen vollkommen vorbeigegangen. Während die möglichen Konsequenzen der gegenwärtigen Entwicklungen in der Gentechnologie für die ferne Zukunft ausführlich durchdacht werden, sind die Veränderungen, die mobile Telekommunikationsmedien in der Gegenwart auslösen, merkwürdig unbeachtet Die Diskussion beschränkt sich bisher aufs Anekdotische.
Stand-Up-Comedians haben in den Besitzern von Freisprechanlagen, die wie verwirrte, vor sich hin murmelnde Obdachlose durch die Straßen laufen, einen dankbaren Gegenstand für ihre Witze gefunden. Auch in den Zeitungen finden sich immer wieder Kurzmeldungen zum Thema. Da war zum Beispiel das verschüttete Erdbebenopfer in Indien, das per Handy auf sich aufmerksam machte. Oder der Chirurg in Hongkong, der während einer Operation am offenen Herzen per Mobiltelefon über den Kaufpreis eines BMW verhandelte. Die Eheleute, die gemeinsam vor dem Fernseher sitzen und sich mit SMS-Nachrichten über das Programm, das sie sehen, austauschen. Oder das Fundbüro der Londoner U-Bahn, in dem Mobiltelefone inzwischen der am häufigsten abgegebene Gegenstand sind.
Risto Linturi, der Chef-Wissenschaftler von Nokia, hat davon gesprochen, dass Mobiltelefonie eine "praktizierte Form der Telepathie" sei. Das mag ein Scherz gewesen sein, aber es sagt auch etwas darüber, dass man den Einzug des Mobilfunks in unseren Alltag immer noch als etwas Wunderbares betrachten kann. Auch in vielen Meldungen, die in der Presse veröffentlicht werden, erscheinen Handys, als hätten sie eine Art Unheil verhindernde, fast magische Kraft: Eine 19-jährige Britin rettete mit einer SMS-Nachricht sich selbst und 18 Reisegefährten das In Cuxhaven konnte ein Polizist bereits sechzig ausrangierte Handys an alte und gebrechliche Menschen weitergeben, die sich damit schützen sollen, wenn sie auf der Straße überfallen werden. In manchen Diskotheken werden liegen gelassene Handys Frauen mitgegeben, die spät in der Nacht alleine nach Hause gehen. Aber das sind alles nur zufällig zusammengetragene Geschichten über Funktelefone, die über das gesellschaftliche Phänomen wenig sagen.
Um Handys verstehen zu können, muss man sich zunächst einmal klarmachen, was ihre genuinen medialen Eigenschaften sind. Sie verbinden, kurz gesagt, einen Menschen mit einem anderen. Das mag banal klingen, ist aber ein wichtiger Unterschied zum Festnetz-Telefon. Mit diesem ruft man einen Ort an, obwohl man eigentlich einen Menschen erreichen will. Mit dem Handy wählt man keine Stelle auf dem Schreibtisch mehr an, sondern eine Person.
Telekommunikation wird so dezentralisiert. Sie findet nicht mehr wie ein normales Telefongespräch von Punkt zu Punkt statt, sondern schafft eine Art immateriellen Ort jenseits des physischen Territoriums. Der wird im Englischen schon weihevoll "The Wireless" genannt - das Drahtlose, ein "raumloser Raum", den man mit dem "Äther" oder dem "Cyberspace" früherer Mediengenerationen vergleichen kann. Das klingt ein bisschen geheimnisvoll und ein bisschen nach Xanadu.
Mobilfunkgeräte sind unsere Verbindung zu diesem virtuellen Informationsraum. Weil das drahtlose Handy die Telekommunikation vom Ort ablöst und an eine Person bindet, verändert es die Art und Weise, wie wir mit räumlichen und zeitlichen Beschränkungen umgehen. Das Treffen von Entscheidungen, das Mikro-Management unseres Alltagslebens wird durch Handys zu einem dynamischen, wandelbaren Prozess, dessen Resultate nicht mehr im Voraus planbar sind, sondern sich aus einer ständigen Interaktion mit anderen In der Zeit vor dem Handy arbeiteten wir Tag für Tag eine weitgehend feststehende Liste von vorbestimmten Verpflichtungen und Arrangements ab; mit dem Handy wird unser Tagesablauf durch ein Input ständiger neuer Daten zu einer Abfolge
Wir verabreden uns nicht mehr an einem Ort und zu einer Zeit, sondern zu einem Telefonat über Ort und Zeit. Vielleicht regnet es an dem Tag, an dem wir uns treffen wollen, und wir einigen uns auf einen Treffpunkt, den wir beide auf dem kürzest möglichen Weg erreichen. Oder der eine hat gesehen, dass das Café, in dem wir uns treffen wollen, überfüllt ist, und wir treffen uns später oder in einer anderen Bar. Noch während wir uns zum Treffpunkt bewegen, können wir umdisponieren.
Im Golfkrieg wurden zum ersten Mal so genannte "Smart Bombs" eingesetzt, die noch Informationen verarbeiten konnten, während sie bereits auf ihr Ziel zurasten und auf Grund dieses Inputs ihre Flugbahn änderten. Genauso modifizieren auch wir als urbane intelligente Bomben unser Verhalten auf Grund der Daten, die uns über das Handy erreichen. Die mobile Kommunikationstechnologie steuert uns, als wären wir ein Modul in einem kybernetischen Regelkreis. Die Auswirkungen, die das hat, kann man in Westeuropa, das übrigens den USA in dieser Hinsicht wenigstens einmal technologisch voraus ist, inzwischen an jeder Straßenecke beobachten. Der Ehemann, der sich im Supermarkt von seiner Frau per Handy zum Gewürzregal manövrieren lässt, ist genauso ein ferngesteuertes Projektil geworden wie die Teenagerin, die ihren Freund über das in kanariengelbes Kunstfell verpackte Mobiltelefon im
"Du, mein Zug hat fünf Minuten Verspätung. " - "Ich stehe an der Bushaltestelle vor dem Flughafen. " - "Soll ich Brötchen mitbringen?" - "Beim Frisör hat es länger gedauert, aber jetzt bin ich unterwegs. " So klingen die meisten Handykonversationen, die man zufällig und unfreiwillig im öffentlichen Raum mithört. Wahrscheinlich wird die überwiegende Zahl von Handytelefonaten über Entfernungen zwischen hundert Metern und fünf Kilometern geführt. Auch wenn eine Reihe von Werbekampagnen das Handy als eine Art portable Single-Party, als ein Mittel gegen Einsamkeit zu verkaufen versuchen: Es scheint kein Medium zu sein, mit dem man sich über größere Distanzen hinweg mit Fremden verständigt, Doch das Handy hat in den Umgang mit Freunden, Verwandten und Bekannten einen neuen Grad von Zwanglosigkeit eingeführt. Früher machte man Verabredungen und hielt sich daran; heute ist der alte, in Minuten und Stunden, Tage und Wochen unterteilte Zeitplan von einem niemals endenden Strom von Verhandlungen, Vereinbarungen, Um- und wieder Umdisponierungen abgelöst Fast jeder kennt inzwischen Anekdoten darüber, wie man stunden-, wenn nicht tagelang ohne Erfolg versucht hat, mit einem Bekannten per Handy ein Treffen zu arrangieren - wahrscheinlich ein häufiges Ende der Verabredungen, "heute Abend einmal zu Das Handy dient dabei dazu, den Kontakt aufrechtzuerhalten, ohne die eigene Entscheidungsfreiheit aufgeben und sich in irgendeiner Form verpflichten zu müssen. Die Beteiligten wollen sich die Möglichkeit offen halten, ihren Tagesablauf ununterbrochen zu optimieren, ohne dadurch andere Optionen aufzugeben.
Die sozialen Winkelzüge, die sich aus dabei getroffenen Arrangements ergeben, könnten sich - würde man sie aufschreiben - wie eine Intrige aus Choderlos de Laclos "Gefährliche Liebschaften" lesen. Aber keine Sorge, was wir machen, ist schon o. k. Es ist sozial akzeptabel geworden, Verbindlichkeiten zu Gunsten der Optimierung des eigenen Vergnügens zu minimieren, und der andere tut genau dasselbe. Noch vor wenigen Jahren war es nur hochkarätigen Politikern und Managern vergönnt, mit solchen Methoden ihre Arbeitstage zu organisieren. Inzwischen kann das, auch in der Freizeit, praktisch jeder.
Noch interessanter werden die neuartigen Kommunikationsphänomene wohl, wenn sie größere Gruppen von Körpern in Bewegung zu setzen beginnen. Was für Massenphänomene der Handy-Gebrauch auslösen kann, wird auf dramatische Weise deutlich, wenn - bei Kollektivereignissen wie zum Beispiel Silvester - regelmäßig alle Funk-Netze zusammenbrechen. Ist es hier die Masse, die die Technologie übermannt, ist es an anderer Stelle zunehmend die Technologie, die die Masse übermannt. Bei Protest-Aktionen wie denen gegen den G-8-Gipfel in Genua oder bei den 1. - Mai-Krawallen in Kreuzberg setzen die Demonstranten immer häufiger Handys ein, um ihre Bewegungen zu koordinieren. So entsteht eine "Menge ohne Kopf", die nicht mehr von einer Einsatzleitung oder von einem Demonstrationskomitee gelenkt wird, sondern durch einen - zum Leidwesen der Polizei - schwer zu steuernden und zu durchschauenden Prozess des Finnische Soziologen haben diese Art Abläufe mit den Prozessen verglichen, mit denen sich Vogelschwärme koordinieren. Scheinbar ohne Anführer und ohne von Außenstehenden wahrnehmbare Methode der Abstimmung bewegen sich große Gruppen von Körpern kollektiv durch den Raum.
Was passiert wohl, wenn diese Vorgänge nicht mehr durch Gespräche von einem Handy-Besitzer zum anderen, sondern vernetzt zwischen vielen stattfinden? Heute schon existieren Dienste, die mobile Empfangsgeräte zu Massenmedien werden lassen. Die Mitglieder von "New York Celebrity Sightings" etwa versenden SMS-Nachrichten an die 160 Mitglieder dieses Zirkels, wenn sie zum Beispiel Robert de Niro in einem Restaurant sitzen sehen. Was mag es wohl für unvorhersehbare Massenaufläufe auslösen, wenn derartiges nicht mehr das Hobby eines kleinen, verschworenen Zirkels ist, sondern 160 000 Mitglieder erreicht? Und wozu mag etwa das Angebot der Internetfirma Zappybaby führen, die Frauen, die schwanger werden wollen, per SMS auf ihre fruchtbaren Tage aufmerksam macht?
Je fragmentierter und dezentraler organisiert unsere Gesellschaft ist, je stärker Flexibilität als wichtigste Grundtugend im Lebenskampf in den Vordergrund rückt, desto größer wird die Bedeutung des Handys bei der Bewältigung dieses Alltags werden. Das Handy erlaubt uns ein nie zuvor genanntes Maß an individualisierter Zwanglosigkeit in der Interaktion mit anderen.
Je wichtiger das Handy als Verlängerung des Körpers wird, umso mehr scheint es sich auch im Design an den Körper anzupassen. Auffallenderweise sehen viele der Prototypen der Handys für UMTS-Anwendungen so ähnlich aus wie das biomorphe Computerspiel in David Cronenbergs Film "eXistenZ": rund, weich und irgendwie organisch, so als könnte man an ihnen lutschen und saugen. Durch diese Form tragen sie einem Bedarf nach oraler Befriedigung Rechnung, der über das Gespräch hinausgeht.
Auch die Alltagsmode trägt der Entwicklung Rechnung. Die meisten Handtaschen, Koffer und Rucksäcke haben inzwischen ein eigenes, oft gepolstertes Fach für das Handy. Auch die so genannten "Cargo-Pants" - Hosen mit Seitentaschen an den Beinen, die wirken, als seien sie dazu gedacht, alle elektronischen Geräte für den Alltagsbedarf unterzubringen - sind aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken.
Wie die Cargo-Pants kommt auch das Handy einer Lebenshaltung der Mobilität und Flexibilität entgegen; sie erfüllen einen Bedarf, der vorher schon latent da war, aber erst durch den Erfolg des Mobiltelefons manifest geworden ist. Sie erlauben es, in Kontakt mit anderen zu stehen, ohne ihnen physisch nahe sein zu müssen. Sie erlauben Austausch ohne soziale Verpflichtung. Sie sind eine Art elektronische Nabelschnur zur Bezugsgruppe, die man - wenn sie lästig wird oder die Optimierung des eigenen Vergnügens behindert - durch einen Knopfdruck unterbrechen kann.
Das Handy wirkt darum wie ein wahrgewordener Traum, den unsere postmoderne, flexibilisierte Gesellschaft schon lange geträumt hat, ohne von ihm zu wissen. Mobiltelefone sind der Maschine-gewordene Zeitgeist der neo-liberalen, flexibilisierten Informationsgesellschaft.