Nur fünf Worte dürfen die Gewinner des Webby Awards sagen. Die Kurz-Dankesrede, die Sieger Tim Cavanaugh sich ausgedacht hat, lautet: "Bankrott war noch nie schöner." Denn Plastic, die Website, an der Cavanaugh mitarbeitet, ist seit gut einem Monat offiziell pleite. Nichts beschreibt den derzeitigen Zustand der Web-Wirtschaft besser als die Tatsache, das die Leute, die einen wichtigen Internet-Preis gewonnen haben, nicht auf Firmenkosten anreisen können - weil es keine Firma mehr gibt. Plastic war im Januar dieses Jahres als Nachrichten- und Diskussionsforum gestartet, im Juni ging der Mutterfirma Automatic Media das Geld aus. Nun wird die Site von Freiwilligen wie Cavanaugh betrieben. Plastic ist ein Opfer der dot.com-Krise, wie viele Internet-Unternehmen, die vor wenigen Jahren mit großen Hoffnungen gegründet worden waren. "Do you still believe? We do!", hieß es viel sagend auf der Einladung zur Webby Awards-Preisverleihung. ("Glauben Sie noch daran? Wir schon.") Oscars des Internets Seit fünf Jahren wird der Preis, der gerne als "Oscar des Internets" bezeichnet wird, in einer von Jahr zu Jahr glamouröser werdenden Gala vergeben. Gastgeber ist die selbst ernannnte "International Academy of Digital Arts and Sciences", zu der unter anderem David Bowie, Björk, Oracle-Chef Larry Ellison und Regisseur Francis Ford Coppola gehören sollen. 3 000 Besucher waren am Mittwochabend in Zu den Gewinnern gehörten unter anderem Yahoo!

Finance in der Kategorie Wirtschaft, die BBC in der Kategorie Radio, und National Geographic in der Kategorie Bildung. Als beste Nachrichtenseite gewann das Medienmagazin "Inside" gegen CNN, BBC und Salon. Die beste private Homepage ist "Dancing Paul", eine digitaler Hampelmann, der im Web zusammen mit einigen Freunden die Hüften kreisen lässt. Während sich der tanzende Paul keine Sorgen um die "Re-Fianzierung" seines "Business-Models" machen muss, sieht es bei einigen der anderen Gewinner düsterer aus: vier der fünf Websites, die in der Kategorie "News" nominiert sind, haben im letzten Die Firma "Popular Power", deren Website in der Kategorie "Technische Erneuerungen" nominiert war, gibt es schon gar nicht mehr. Auch den Gewinnern der vergangenen Jahre hat der Preis, der wie eine durch die Matratze gebohrte Bettfeder aussieht, nicht immer Glück gebracht. Im Jahr 2000 wurde zum Beispiel Napster-Gründer Shawn Fanning bei der Webby-Verleihung gefeiert. In diesem Jahr steht seine Firma kurz vor dem Aus. Doch dass es der Mehrheit der E-Commerce-Unternehmen nicht gut geht, heißt nicht, dass es um das Internet an sich schlecht bestellt ist. Wenn die Webby Awards ein Indikator für den Zustand des Netzes sind, dann sind es nach wie vor nicht große, mit Investitionskapital verwöhnte Unternehmen, sondern vor allem einzelne Bastler oder kleine Gruppen von Enthusiasten, von denen die Dazu gehört zum Beispiel "VolunteerMatch", ausgezeichnet in der Kategorie "Aktivismus". Die vierköpfige Gruppe hat eine Website entwickelt, auf der man nach Praktika im sozialen Bereich suchen kann - wenn man es sich recht überlegt, wohl eine sinnvollere Anwendung des Internets als Webportale zum Thema Gartenwerkzeug oder Netz-Versände Auch die ausgezeichnete Website "Craigslist" verzichtet auf Bannerwerbung und große Einkünfte. Obwohl sie von Freiwilligen in ihrer Freizeit zusammengebastelt wird, gilt sie inzwischen als die erfolgreichste Jobbörse in der Bay Area. Im Gegensatz zu den E-Commerce-Unternehmen sind übrigens die Websites, die in den vergangenen Jahren in Kategorien wie "Private Homepage", "Kunst", "Humor" oder "Seltsam" geehrt wurden, fast alle noch am Netz. Steve Johnson, der Herausgeber des Internetmagazins "Feed", trauert den gescheiterten dot.coms daher nicht nach: "Die Risikokapitalisten haben vor allem eine gigantische Web-Ausbildungskampagnen finanziert. Sie haben dazu beigetragen, dass heute 50 Prozent der Bevölkerung weiß, was Hypertext ist."