VON TILMAN BAUMGÄRTEL

Dass Computerspiele eine Jungsangelegenheit sind, ist immer noch ein gängiges Klischee. Dass Jungs in ihren Computerspielen gerne Helden haben, die richtige Kerle sind und am Schluss die schöne Heldin bekommen, ist ein anderes Klischee. Und seit der Frühzeit der Mediengattung haben Spieleentwickler sich bemüht, dieses Klischee zu bedienen. Schon in "Donkey Kong", einem der ersten Spiele mit identifizierbaren Protagonisten, muss ein kleines Männchen, das später unter dem Namen "Super Mario" weltberühmt wurde, eine Prinzessin aus den Klauen eines Riesengorillas befreien.

Gefiederte Transwesen

Und auch sonst denkt man bei Computerspielern wohl eher an Geballer und Geprügel von muskelbepackten Machos als an positive, queere Repräsentationen. Doch wer genauer hinsieht, findet auch schon in frühen Computerspielen überraschende Hinweise auf sexuelle Differenz abseits von gängigen Geschlechternormen. In "Super Mario 2" von 1985 taucht zum Beispiel ein vogelartiges Wesen namens Ostro auf, über das es in der Spielanleitung heißt: "Hält sich für ein Mädchen und würde es bevorzugen (sic). Er spuckt Eier."

Und dieses gefiederte Transwesen ist nur eine der Figuren, die schon in der Vor- und Frühgeschichte des Computerspiels daran erinnerten, dass es nicht nur Männer, Frauen und heterosexuelle Lust und Liebe gibt, sondern auch alle möglichen Varianten und Alternativen. Die Ausstellung "Rainbow Aracade" im Schwulen Museum zeigt in Berlin, wie auf Computerspiele mit schüchternen und versteckten Anspielungen, die nur Eingeweihte verstanden, Games folgten, in denen Homosexualität mehr oder weniger selbstverständlich dargestellt wird. Nach Angaben der Veranstalter ist "Rainbow Arcade" die international erste Ausstellung, die sich mit dieser Thematik beschäftigt.

Und plötzlich sieht die Geschichte des Mediums ganz anders aus. Die Kuratoren haben die Entwicklung der Games akribisch nach Zeichen von "Queerness" durchsucht. Als erstes offen schwules Computerspiel haben sie dabei "Caper in the Castro" von 1989 identifiziert, dessen Handlung im Schwulenviertel von San Francisco spielt. Zu dieser Zeit waren Computerspiele noch vergleichsweise einfach zu programmierende Angelegenheiten. So konnten einzelne Entwickler ihren Obsessionen freien Lauf lassen.

Als das Spiel "Citadel of the Dead" seinem Programmierer Ryan Best nicht genug einbrachte, schrieb er es um und nannte die neue Version "GayBlade". Anders als beim Originalspiel mussten man hier nicht als mittelalterliche Recke gegen Drachen kämpfen. Stattdessen traten Dragqueens mit Kondomen, Handtäschchen und Diademen bewaffnet gegen schwulenfeindliche Polizisten, Politiker und TV-Prediger an.

Für den Entwickler war das Spiel eine Art Psychotherapie. Ein Mitschüler hatte ihn in der Highschool im konservativen Illinois geoutet, und Ryan Best wurde von seinen Mitschülern so terrorisiert, dass er an Selbstmord dachte. In einem Interview erinnerte er sich später: "In dem Spiel kam jeder, der mich gemobbt hatte, als Monster vor, das man erledigen musste. Als das Spiel fertig und veröffentlicht war, war mein Trauma weg. Ich hatte neues Selbstbewusstsein erworben und meine schlimmen Erinnerungen an meine Schulzeit waren vergessen." Zu seiner eigenen Überraschung verkaufte sich das Spiel sehr gut. Und sogar in Deutschland berichtete der Spiegel über das "erste Computerspiel für Schwule und Lesben". In der Ausstellung kann man es auf einem Apple Macintosh aus den 80er-Jahren spielen.

Stereotype Darstellungen

Außer einer Reihe von spielbaren Titeln gibt es auch Konzeptzeichnungen, Fan-Kunst und Dokumentationen von Online-Communities, in denen sich "Gaymer" mit schwul-lesbischen Spielen auseinandersetzten. Viele Exponate stammen aus den LGBTQ-Game-Archiven der Temple University, die die Professorin und Mitkuratorin Adrienne Shaw zusammengetragen hat.

Natürlich gibt es auch Negativbeispiele: Eine Sektion der Ausstellung befasst sich mit stereotypen und diskriminierenden Darstellungen von Schwulen, Lesben und Transen in Games. Aber Spiele wie "Grand Theft Auto" sind ambivalenter als man zunächst erwarten würde. Zwar werden homosexuelle Figuren oft negativ dargestellt. Aber andererseits sind in einer Version des Spiels, die in San Francisco spielt, die Straßen mit der Regenbogenfahne beflaggt.

Seit den 00er-Jahren haben Programme wie Unity es wieder einfacher gemacht, als einzelner Entwickler komplette Computerspiele zu erstellen. Durch das Internet ist es gleichzeitig leichter geworden, solche Spiele unabhängig von den großen Spielefirmen zu vertreiben und damit Geld zu verdienen - auch wenn die große Online-Spieleplattform Steam immer wieder Games wegen sexueller Inhalte aus dem Programm genommen hat. (Exzessive Gewaltdarstellungen waren seltener ein Problem.)

Doch die "Independent Games", die so im vergangenen Jahrzehnt entstanden sind, erlauben wesentlich persönlichere und freimütigere Darstellungen queerer Identität als die großen Blockbusterspiele. Ansonsten bleibt immer noch die Möglichkeit, seine eigenen Modifikationen von existierenden Spielen zu schaffen. Dem beliebten Spieleheld Full Metal Solid wurde von Fans zum Beispiel ein männlicher Liebhaber zur Seite gestellt.

30 JAHRE MEDIENGESCHICHTE

Premiere: Nach Angaben der Veranstalter ist "Rainbow Arcade" die international erste Ausstellung, die sich mit der queeren Geschichte von Videospielen beschäftigt.

Programm: "Rainbow Arcade" ist bis zum 13. Mai 2019 im Schwulen Museum zu sehen. Ein umfangreiches Rahmenprogramm ist angekündigt und im April soll ein Katalog erscheinen.

Preis: Besucher zahlen regulär 7,50 Euro für den Eintritt. Im Schwulen Museum werden in der Ausstellung vielfältige Exponate aus gut

30 Jahren Mediengeschichte gezeigt.

--- BILDUNTERSCHRIFTEN / ZUSATZANGABEN ---

Bildunterschrift: Szene aus "Radiator 2", das Spiel kam im vergangenen Jahr auf den Markt. SUCCULENT Um sexuelle Orientierung geht es in "Butterfly Soup" aus dem Jahr 2018. BRIANNA LEI Die Ausstellung zeigt Exponate aus den vergangenen 30 Jahren, unter anderem spielbare Titel, Konzeptzeichnungen und von Fans geschriebene Modifikationen. SCHWULES MUSEUM