VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Für den koreanischen Videokünstler Nam June Paik bestand das Gute seiner Kunst darin, seine ganze Vergangenheit in der Tasche zu haben. Das sei, so Paik, ein Privileg, das früher noch nicht einmal Könige und Pharaonen gehabt hätten.
Die Äußerung Nam June Paiks von 2001 trifft auch auf Videokunst-Kuratoren zu. Irgendwann hat sich qua Amt ein Privatarchiv angesammelt, das die Stationen ihres Lebens festhält. Einer der bedeutendsten von ihnen, Wulf Herzogenrath, hat nun sein Privatarchiv an die Akademie der Künste übergeben, wo inzwischen mehr als die Hälfte der Betamax- und VHS-Kassetten aus seiner Sammlung digitalisiert worden sind. Eine Ausstellung im Foyer der Akademie am Hanseatenweg zeigt jetzt Werke aus diesem Bestand.
Aber zum "Vorlass" des Kurators - also einem Nachlass zu Lebzeiten - gehört noch viel mehr: In Vitrinen sind Briefe, Skizzen und eine Reihe von Gästebüchern zu sehen, in denen sich Hunderte von Künstlern verewigt haben, mit denen Herzogenrath zusammengearbeitet hat - zunächst ab 1973 beim Kölnischen Kunstverein, ab 1989 dann beim Hamburger Bahnhof, aus dem er 1994 von Sammler Erich Marx und seinem Kunstberater Heiner Bastian vergrault wurde.
Im selben Jahr wurde Herzogenrath Direktor der Kunsthalle Bremen, die er bis 2011 leitete. Heute ist er Direktor der Sektion Bildende Kunst der Akademie der Künste Berlin. In seinen privaten Gästebüchern haben sich neben Nam June Paik auch Künstler wie William Kentridge, Ulrike Rosenbach oder Björn Melhus verewigt.
Nach dem Tod Paiks im Jahr 2006 hat Herzogenrath (74) viel zur nachhaltigen Etablierung der Videokunst beigetragen. Beim "Projekt 74" in Köln - einer kurzlebigen, rheinischen Version der Documenta - richtete er eine Videowerkstatt ein, in der Künstler wie Peter Campus, Dan Graham, Michael Hayden und Douglas Davis neue Arbeiten produzierten. Die Beiträge über die Videokünstler wurden damals von den anderen Kuratoren in letzter Minute aus dem Katalog entfernt, und Herzogenrath veröffentlichte eine Videokassette mit ihren Arbeiten, die dann kaum jemand für 300 Mark kaufen wollte. Bitterkeit merkt man Herzogenrath deswegen heute nicht mehr an, vielleicht auch, weil ihm die Kunstgeschichte Recht gab. Bei der "Medien-Documenta" 1977 war er dafür mitverantwortlich, dass Performances von Joseph Beuys, Douglas Davis, Paik und Charlotte Moorman live im westdeutschen Fernsehen übertragen wurde. Das wäre heute gewiss undenkbar. Mit einer Retrospektive der Videoskulptur 1989 in Köln und der von der Bundeskulturstiftung unterstützten DVD-Edition "40 Jahre Videokunst" 2006 trug Herzogenrath zur Kanonisierung seiner Kunst bei, die nun in der Akademie der Künste einen angemessenen Platz erhält.
Wulf Herzogenrath Videokunst im Akademie-
Archiv, Akademie der Künste, bis zum
16. Dezember 2018