Citizen Kane (1941) von Orson Welles gilt vielen Cineasten noch immer als der beste Film aller Zeiten. Von 1962 bis 2002 belegte der Film auf der Top-Ten-Liste der vom British Film Institute herausgegebenen Zeitschrift Sight & Sound, die alle zehn Jahre von bekannten Regisseuren und Kritikern erstellt wird, regelmäßig den ersten Platz.
In Deutschland ist Citizen Kane derzeit nicht zu sehen. Jedenfalls nicht für die wachsende Zahl von Menschen, die Filme und Serien nur noch als Video-on-Demand im Internet gucken. Wer Citizen Kane bei der Suchmaschine werstreamt.es eingibt, die das Angebot von 17 hierzulande vertretenen Streamingdiensten katalogisiert, bekommt die Auskunft: "Es tut uns leid. Aktuell können wir leider kein Angebot finden."
Die Zahl der Menschen, die bewegte Bilder nur noch via Laptop, Tablet oder Smartphone aus dem Internet wahrnehmen, wächst. Harte Zahlen sind schwer zu bekommen, da die Branchenführer Amazon und Netflix keine Informationen über ihre Abonnenten veröffentlichen. Doch nach einer Schätzung des Kölner Marktforschungsinstituts Goldmedia sollen sich 2016 bereits 43 Prozent der Internetnutzer in Deutschland für kostenpflichtige Video-on-Demand-Angebote entschieden haben.
Wie viele Nutzer deswegen ihre DVD- und Blu-ray-Player entsorgt haben, ist statistisch ebenfalls nicht erfasst. Doch wenn Kaffeeküchengespräche und der persönliche Eindruck in den Wohnungen von Freunden und Bekannten ein Indiz sind, dann stehen diese Geräte samt der DVD-Sammlung im Bücherregal inzwischen auf der Liste der aussterbenden Arten wie vor zwei Jahrzehnten der Videorekorder samt Kassettensammlung. Auch bei Computern wird das DVD-Laufwerk zunehmend zur leicht antiquierten Rarität.
Doch Vorsicht – wer sich der Abspieltechnik für DVDs entledigt, dürfte früher oder später feststellen, dass ihm plötzlich der Zugang zu einem erheblichen Teil der Filmgeschichte ebenso verschlossen ist wie zu vielen aktuellen Art-House- und Independent-Filmen.
Denn nicht nur Citizen Kane fehlt im Angebot von Netflix, Amazon, Maxdome und iTunes. Auch andere kanonische Werke der Filmgeschichte sind in Deutschland nicht als Stream zu haben: weder der Science-Fiction-Pionier Metropolis von Fritz Lang noch Die sieben Samurai, La Strada oder Panzerkreuzer Potemkin. Denn auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag: Das Filmangebot der Streamingdienste ist überschaubar. Da Netflix selbst keine Zahlen veröffentlicht, ist man auf Schätzungen wie die des Blogs Exstreamist angewiesen, das herausgefunden haben will, dass Netflix in den USA Im Jahr 2016 etwa fünfeinhalbtausend Titel im Angebot hatte – das entspricht etwa der DVD-Sammlung der Bücherei einer deutschen Mittelstadt. In Deutschland dürfte die Auswahl bei Netflix etwa halb so groß sein.
Selbst Kassenschlager von einst – wie etwa die Sissy-Filme mit Romy Schneider oder Cinema Paradiso von Giuseppe Tornatore – fehlen. Nach Avantgardistischem und Schwierigem – Die Chronik der Anna Magdalena Bach von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet oder Pasolinis Die 120 Tage von Sodom – braucht man gar nicht erst zu suchen. Von Regisseuren wie Godard, Fassbinder oder Fellini gibt es einen Bruchteil des umfangreichen Gesamtwerks im Netz, von Abbas Kiarostami nur einen Film, von Robert Bresson, Yasujiro Ozu oder Lav Diaz gar keinen.
Die Filme, die es gibt, sind über diverse Anbieter verteilt, bei denen man sich jeweils mit Name, Adresse und Kreditkartendaten anmelden muss. Den "bequemen" Zugang zu Filmen, den Streaminganbieter oft versprechen, hat man sich anders vorgestellt. Möglicherweise auch billiger, denn viele aktuelle Erfolgsfilme sind als Stream teurer als eine Kinokarte: Der Superhelden-Film Avengers: Infinity War von 2018 kostet je nach Anbieter und Bildqualität zwischen 14 und 19 Euro. Wer noch eine der im Aussterben begriffenen Videotheken in der Nachbarschaft hat, zahlt selbst für aktuelle Kinohits pro Tag nur einen Euro.
Selbst einen Film auf einer Silberscheibe zu kaufen kann häufig billiger sein, als ihn zu streamen. Den Western-Klassiker Der schwarze Falke von John Ford gibt es als Gebraucht-DVD im Internet schon für einen Euro, die fabrikneue Blu-ray-Version kostet neun Euro. Dafür bekommt man eine frisch restaurierte, farbenprächtige, messerscharfe Version in HD-Qualität mit dem Original-Soundtrack sowie die deutsche Synchronfassung und Untertitel in Deutsch, Englisch und Französisch. Wer den Film in angeblicher HD-Qualität bei den gängigen Streamingdiensten guckt, zahlt vier Euro für die deutsche Synchronfassung. Die Bildqualität ist wesentlich schlechter als bei einer DVD. Wer die herrlichen Landschaftsaufnahmen im Monument Valley, für die John Ford bekannt ist, in guter Qualität sehen will oder John Wayne im O-Ton nuscheln hören möchte, ist also mit der DVD besser bedient.
Weiterhin bieten DVDs und Blu-rays oft ausführliches Bonusmaterial, ein Angebot, das bei Streamingdiensten so gut wie nie zu finden ist, obwohl diese Hintergrundinformationen eine Generation von Cineasten oft extrem detailliert mit Wissen über Filme und ihre Macher versorgt haben. Im Fall der DVD von Der schwarze Falke sind das zum Beispiel zwei Dokumentarfilme über die Produktion des Western-Klassikers sowie ein Audiokommentar des John-Ford-Biografen Peter Bogdanovich. Diese Art von Zusatzmaterial bringt dem Zuschauer oft mehr Einsicht in einen Film als ein ganzes Buch und war in den letzten Jahrzehnten auch eine wichtige Informationsquelle für die akademische Filmwissenschaft.
Aber es sind nicht nur Umfang und Art des Angebots, die Netflix und Amazon heute von der gut sortierten Videothek von einst unterscheiden: Letztlich geht es um das Recht, mit einem Film zu machen, was man will. Eine einmal gekaufte DVD kann man verleihen, verschenken, weiterverkaufen, kopieren oder sogar zerstören. Diese Autonomie des Verbrauchers war der Filmindustrie nie angenehm. Spätestens seit dem "Napsterschock" der späten Neunzigerjahre, als von CDs und DVDs "gerippte" Musik und Filme in großem Stil aus illegalen Tauschbörsen im Internet heruntergeladen wurde, wird versucht, den Kunden durch Kopierschutz und andere Maßnahmen das Teilen von Medien unmöglich zu machen.
Mit den Streamingdiensten, bei denen der Nutzer nie zum Eigentümer eines Films oder eines Stücks Musik wird, ist dieser Wunsch Wirklichkeit geworden. Hier gibt es nichts mehr zu tauschen oder weiterzugeben. Und auch die Möglichkeit, sich audiovisuelles Material kreativ anzueignen, ist drastisch eingeschränkt. CDs und DVDs lassen sich leicht remixen, um eine eigene Version der Kulturgüter unserer Zeit zu erschaffen. Das Internet ist voll von Satiren und Parodien auf Songs, Filme und Fernsehserien aller Art, der "Mash-up" von vorgefundenem Material ist ein wichtiges Kennzeichen der Netzkultur.
Selbst wenn man bei Amazon einen Film "kauft", bedeutet das nicht, dass man ihn herunterladen kann, um zum Beispiel seine eigene Version zu montieren. Er bleibt kopiergeschützt auf dem Server von Amazon.
Als Netflix noch ein Online-DVD-Verleih war, bot die Firma eine gute Auswahl an Filmklassikern und Filmkunst an. Doch im nun einsetzenden Konkurrenzkampf mit anderen Streaminganbietern wie Hulu oder Google Play war ein solider Filmkatalog nicht mehr genug: 2013 begann das Unternehmen eigene Serien wie House of Cards oder Orange Is the New Black zu produzieren. Amazon hat inzwischen mit Shows wie Transparent und The Man in the High Castle nachgezogen und zuletzt sogar die Rechte für Herr der Ringe gekauft. Auch Unternehmen wie Apple, YouTube und sogar die Deutsche Telekom arbeiten an eigenen Serien, die sich zum wichtigsten Verkaufsargument für Streaming-Abos entwickelt haben.
So sind künstlerisch beeindruckende, fesselnde Serien entstanden. Aber es bedeutet auch, dass Firmen wie Netflix zunehmend zu vertikal integrierten Film- und Fernsehstudios mit eigenem internationalen Vertriebskanal werden – da stören Fremdproduktionen im Grunde nur. Das gegenwärtige Angebot von Netflix und Co. gleicht einer Bücherei, in der nur noch die Bücher von Stephen King, John Grisham und vielleicht noch Juli Zeh zu haben sind, aus der aber Simplicissimus, Goethe, Rilke, Brecht und Rainald Goetz aussortiert wurden, weil sie nicht genug Konsumenten anziehen.
Leider hat sich bisher kein nichtkommerzieller Akteur gefunden, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Filme weiterhin zugänglich zu machen, die bei den Streaming-Multis durch den Rost gefallen sind. Angebote wie Film Friends, das neue Video-on-Demand-Angebot der Berliner Stadtbücherei, sind zwar gut gemeint, aber im Vergleich mit der kommerziellen Konkurrenz anämisch. Besonders für Jugendliche ist das Angebot extrem dünn. Dabei müsste gerade hier eine Alternative zu den US-Internetfirmen her, denn schon jetzt ist Netflix bei jungen Leuten im Begriff, zu einem Synonym für Streaming zu werden.
Was bei Netflix und Co. nicht zu haben ist, wird schon bald nicht mehr existieren – jedenfalls für eine Generation, die mit Film-Streams aus dem Internet aufwächst. Nischenanbieter wie Mubi, realeyz oder Alleskino haben zwar ein ambitioniertes, aber doch begrenztes Angebot; was das Repertoire und vor allem das Marketing und die technische Infrastruktur betrifft, können sie dem gegenwärtig entstehenden Duopol von Amazon und Netflix jedoch nichts entgegensetzen. Als Alternative bleiben bis auf Weiteres die physischen Medien DVD und Blu-ray, auf denen dann doch noch fast jeder Film und jede Serie veröffentlicht wird.
Wer sich seine Filmauswahl nicht von US-Internetunternehmen mit einschlägigen Geschäftsinteressen und "datengetriebenen" Produktionsmethoden abnehmen lassen möchte, sollte sein Abspielgerät für DVDs und Blu-rays also unbedingt behalten. Wer keins hat, müsste sich so schnell wie möglich eins anschaffen. Vielleicht werden diese Geräte irgendwann sogar Hipster-Statussymbol wie Turnbeutel, Schallplattenspieler oder Fixie-Fahrrad, mit denen man seiner Umwelt demonstrieren kann, dass man einen außergewöhnlichen Geschmack hat.