Im Internet gehen eigene Fernsehsender an den Start. Die Newcomer wollen in Deutschland Spartenprogramme im Netz anbieten

Von Tilman Baumgärtel

Die Videokamera ist nicht viel größer als eine Zigarrenkiste; für das Stativ, auf dem sie befestigt ist, wirkt sie zu klein. Sie steht mitten im hellen Sitzungssaal der Berliner Investitionsbank, und nimmt eine Konferenz über im Internet auf. Hinter ihr lehnt eine Kamerafrau an einer Säule und sieht ab und zu durch das Objektiv. Mit solchen Kameras werden normalerweise Familienfeiern und Sommerurlaube dokumentiert. Aber die Bilder, die das kleine Kistchen aufnimmt, können sofort Menschen auf der ganzen Welt zu sehen - wenn sie einen Computer, ein Modem und eine schnelle Online-Verbindung haben.

Schon seit Mitte der 90er Jahre werden im Internet auch bewegte Bilder übertragen. Die Tagesschau oder das laufende Programm von n-tv kann man sich schon seit einiger Zeit online ansehen. Doch jetzt sind in Deutschland gleich zwei Firmen ans Netz gegangen, die eigene Programme für das Internet machen wollen. TV1 (www.tv1.de) und Inet-TV (www.internetsender.de), beide aus München, wollen in Zukunft den Spartenkanälen mit eigenen Online-TV Konkurrenz machen.

Die beiden Unternehmen sind so neu, daß sie bis vor kurzem noch nicht einmal etwas vom „Mitbewerber“ wußten. Während Medienkonzerne wie die KirchGruppe noch immer erfolglos versuchen, die deutschen Fernsehzuschauer vom „TV-on-demand“ zu überzeugen, sind die Netzsender schon weiter: auf ihren Websites kann man Sendungen abrufen, ohne zu einer bestimmten Zeit vor dem Monitor sitzten zu müssen.

Bisher übertragen die Netzsender freilich vor allem Pressekonferenzen und Aktionärsversammlungen im Auftrag großer Unternehmen. „Besonders innovative Firmen aus dem High-Tech-Bereich präsentieren sich gerne so ihren Kunden“, sagt Alfons Schultewolter von Inet TV, der es sich während einer kurzen Konferenzpause in einen der cremefarbenen Sessel im Bankfoyer bequem gemacht hat. Aber auch Modenschauen und Parteitage hat er schon im Internet übertragen. Der Vorteil für die Firmen: Ihre Veranstaltungen können nun von Interessenten verfolgt werden, die nicht vor Ort sein können - in Echtzeit und am Arbeitsplatz. Auch wer gar nicht zu einer Konferenz gekommen wäre, kann sich per Internet zuschalten. Schultewolter: „Viele denken sich: wenn es mir so einfach gemacht wird, gucke ich mal hin.“

Auch Journalisten müssen nicht mehr zur Bilanzpressekonferenz anreisen, sondern können aus ihrer Redaktionen an der Veranstaltung teilnehmen. Und wenn sie die Konferenz verpasst haben sollten, können sie den auf der Website der Firma gespeicherten Film auch später ansehen. „Die Übertragung hat im Prinzip keine regionale oder nationale Beschränkung“, sagt Günther Müller von der Nürnberger Firma NeTVision (www.netvision.de), die unter anderem die Pressekonferenzen der Bundesanstalt für Arbeit im Internet übertragen hat. „Durch den Abruf von gespeicherten Veranstaltungen besteht auch die Möglichkeit, Zeitzonen zu überwinden.“

„Einen kompletten Tag zu verlieren, können sich viele Manager gar nicht mehr leisten, von den Fahrtkosten mal ganz abgesehen“, weiß Mathias Wölfel vom Konkurrenzunternehmen tv-1. Seine Internet-Übertragungen liefern „einen Eindruck von dem Unternehmen. Der Aktionär will doch wissen, mit was für Menschen er es zu tun hat.“ Doch die Übertragungen seien auch ein „Service für die Mitarbeiter“, die ihren Vorstand so wenigstens auf dem Computermonitor von Zeit zu Zeit zu sehen bekommen.

„Wir dürfen alles machen, was das Fernsehen nicht macht“, freut sich Gunther Müller. Im Gegensatz zum Massenmedium TV kann man im Internet auch Programme übertragen, die nur eine winzige Einschaltquote haben. In den schnellen „Intranets“ der Firmen sind sogar Übertragungen möglich, die fast Fernsehqualität haben. Die Aufnahmen, die im langsameren Internet übertragen werden, können da noch nicht mithalten: die Bilder ruckeln, ihre Auflösung ist verschwommen, der Ton hallt blechern. Immerhin: mit Software wie dem „Real Player“ von der Firma Real Media aus den USA müssen die Bilder nicht erst auf den Computer geladen werden. Sie werden als „Stream“ verbreitet, und können darum wie ein Fernsehprogramm verfolgt werden, während die Daten durchs Netz geflossen kommen.

Die Kameraleute müssen sich beim Internet-Fernsehen darum zurückhalten: abrupte Schwenks und schnelle Zooms kommen beim Zuschauer oft nur als abstrakte Farbfelder an, statische Bilder von Rednern, die sich kaum bewegen, lassen sich leichter übertragen. „Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis wir die nötige Bandbreite haben, um auch bewegte Bilder mit Fernsehqualität zu übertragen“, sagt Schultewolter. Schon jetzt könnten über eine ISDN-Leitung Aufnahmen von akzeptabler Qualität verbreiten werden.

Mathias Wölfel träumt daher schon von einer „virtuellen Hauptversammlung“, die ausschließlich im Internet stattfindet. Dann könnten alle Abstimmungen und Anfragen online durchgeführt werden, während die Aktionäre mit den Vorständen „chatten“. Außerdem sollen Pressemitteilungen oder Grafiken als Dateien zum Abruf bereitliegen. Doch auch Wölfel muß zugeben, daß hierfür noch die rechtlichen Rahmenbedingungen fehlen: bisher ist noch nicht geklärt, ob auch für das Fernsehen im Internet die Landesmedienanstalten zuständig sind.

„Bei Internet-Fernsehen kann man mit wenig Aufwand viele erreichen“, sagt Schultewolter. Während richtige Fernseher zur Liveübertragung mit großen Lastwagen und viel teurer Technik anrücken, passt seine Ausrüstung in einen VW Bus: Kameras, einige Computer und ein Server, über den die „encodierten“ Bilder in wenigen Minuten ins Internet übertragen werden. Dafür genügt ein normaler Telefonanschluß. Auch die Kosten sind im Vergleich zu normalen TV-Übertragungen gering: die Übertragung einer Pressekonferenz, die anderthalb Stunden dauert und von 100 permanenten Zuschauern verfolgt wird, schlägt mit 5000 Mark zu Buche.

Doch die kleinen Sender haben größere Pläne: tv-1 wollen auch Nachrichten im Internet verbreiten und in Zukunft eigene Spartenprogramme produzieren. Die Konkurrenz ist da schon weiter: mit „Tisch 5“ (www.tisch5.de) hat Inet TV im Mai zum ersten Mal eine eigenen Talkshow aus einem Münchner Nobelrestaurant ausgestrahlt, im Juli ging die Dating-Show „Flaschendrehen“ (www.flaschendrehen.de) zum ersten Mal ans Netz. Im nächsten Jahr will man bei Inet TV sogar schon mit einem eigenen Internet-Spartensender loslegen: eigene Kanäle für Männer und Frauen, über Sport und Mode sollen im Jahr 2000 aus München „ausgestrahlt“ werden. In den USA ist die Web-TV-Entwicklung schon weiter. Der Internetsender „ForeignTV (www.foreigntv.com) hat im Mai sogar den bekannten Ex-CNN-Mann Peter Arnett angeheuert, um ihn für Interviews um die ganze Welt zu schicken.

Wer all das bezahlen soll, ist freilich noch nicht klar. Mathias Wölfel kann sich „Pay-per-View“-Programme im Internet vorstellen. Vielleicht wird das Web-Fernsehen der Zukunft auch durch Bannerwerbung finanziert. Sogar die Übertragung von Spielfilme kann sich Wölfel im Internet vorstellen. Wer weiß: vielleicht gibt es bei tv-1 demnächst „Star Wars“ mit Werbebannern für Handys und Jägermeister?

Ein Loch im Raum