Mutierte MärchenDie Gebrüder Grimm sind jetzt Pop. Hollywood erlaubt sich respektlose Neuinterpretationen Von Tilman Baumgärtel Eine interessante Diskussion am Mittagstisch. Der Nachbarsjunge will die Kinderrunde mit den Titeln der Superhelden-Filme beeindrucken, die er schon gesehen hat: Batman, The Avengers, X Men, Iron Man, Thor...

Die neunjährige Tochter, die solche Filme noch nicht gucken darf, muss sich etwas einfallen lassen, um mithalten zu können. Zwischen zwei Löffeln Linseneintopf teilt sie mit: „Es gibt eine Filmfirma, die macht aus Kindermärchen Horrorfilme. Diese Firma heißt Grimm.“ Woher sie das denn hat? „Das steht auf Plakaten, die überall hängen. Auf denen steht `Schaurig, aber wahr´, und daneben sind gruselige Märchenfiguren. Und darunter steht `Grimm´.“ Ohne es so richtig zu verstehen, hat die Tochter eine jener vollkommen unerwarteten Volten erkannt, die die Popkultur gelegentlich schlägt. Als gingen Hollywood die Geschichten aus, stürzt sich die amerikanische Filmindustrie gerade auf altbekannte Märchen. Nach der nicht enden wollenden Flut von Superhelden-Filmen, nach der Verfilmung von Klassikern der Fantasy-Literatur (Der Herr der Ringe, Die Chroniken von Narnia) ist Hollywood auf der Suche nach massentauglichen Stoffen nun im Märchenwald fündig geworden. Die US-Studios haben in den europäischen Märchen eine Gans gefunden, die goldene Eier legen kann: Da gibt es Figuren, die gut eingeführte Unterhaltungsmarken sind und die man niemandem erklären muss. Sie sind schon so bekannt wie Batman oder Spiderman. Für diese Figuren muss man - anders als bei den Comic-Superhelden - keine sündhaft teuren Urheberrechte bezahlen. Und man kann mit ihnen machen, was man will, ohne dass sich die Rechteinhaber oder nervige Nachfahren des Autors einmischen. Es ist wie im Märchen. Zunächst waren es die Shrek-Animationsfilme, in denen dekonstruierte Figuren aus bekannten Märchen in Nebenrollen auftraten. Einige von ihnen - wie der gestiefelte Kater alias Puss in Boots - bekamen schließlich sogar ihren eigenen Film. Dann folgte eine Reihe von Spielfilmen, deren Geschichten man als mutierte Märchen bezeichnen könnte. Das ging los mit Brothers Grimm (2005) von Terry Gilliam, der aus den beiden hessischen Germanisten zwei abgebrannte Möchtegern-Hexenjäger machte. Catherine Hardwickes Red Riding Hood (2011) nahm die Geschichte von Rotkäppchen als Ausgangspunkt für einen Goth-Heimatfilm. Sowohl Rupert Sanders´ Snow White and the Huntsman (2012) wie Tarsem Singhs Spieglein Spieglein (2012) unterzogen die Mär von Schneewittchen einer Totaloperation. Gerade ballern sich in deutschen Kinos Hänsel und Gretel in Tommy Wirkolas Hänsel und Gretel: Hexenjäger als spätmittelalterliche Terminatoren durch den deutschen Forst und klopfen dabei Sprüche wie: „Wir sind auf den Geschmack von Blut gekommen. Hexenblut.“ Und in Jack and the Giants ist zu sehen, wie man das Märchen von Hans und der Bohnenranke zu einem dröhnenden 200-Millionen-Dollar-Actionfilm voller digitaler Spezialeffekte in 3-D verwurstet. „Wer glaubt, er kennt diese Geschichte, der wird sich wundern!“ Der Slogan von Jack and the Giants gilt für alle diese Filme: Werktreue sollte man von solchen „Märchen reloaded“ nicht erwarten. In amerikanischen Kritiken ist von „Re-Imaginings“ die Rede. Jack and the Giants ist ein gutes Beispiel für die fröhliche Chuzpe, mit der Hollywood hilflose Märchen durch den Wolf dreht. Es gibt in den Film zwar einen Jungen namens Jack (Nicholas Hoult), Riesen, Zauberbohnen und Bohnenstauden, die in den Himmel wuchern. Aber ansonsten hat der Film nichts mit dem historischen Märchen aus Cornwall zu tun. Die vier Drehbuchschreiber haben aus der Fabel eine Art mittelalterliche Invasion aus dem Weltall gemacht, in der es vor allem kracht und knallt. Regie führt ein Experte für solche Spektakel: Bryan Singer, der auch schon einige X-Men-Filme und Superman returns gedreht hat. Und es sind nicht nur Kinofilme: Zwei der derzeit erfolgreichsten US-Fernsehserien wildern ebenfalls im Märchenrevier. Once upon a time - eine Soap Opera, die in einem Vorort voller Märchenfiguren spielt, die ihr Gedächtnis verloren haben – läuft seit vergangenem Jahr in Deutschland auf RTL. Und bei Vox ist seit Februar die Polizeiserie Grimm zu sehen, bei der schon der Titel deutlich macht, wo sich die Macher bedient haben: Detective Nick Burkhard (David Giuntoli) ist ein Nachfahre der Gebrüder Grimm. Die haben allerdings nach Lesart der Serie keine Märchen gesammelt, sondern Tatsachen aufgeschrieben. Denn die Welt ist von Märchenkreaturen unterwandert, die als normale Mitmenschen getarnt sind und die nur ein „Grimm“ erkennen kann. (Es waren die Werbeplakate für diese Serie, die der Tochter den letztlich zutreffenden Eindruck vermittelten, ihre Lieblingsmärchen würden nun zu Horrorfilme verarbeitet.) In diesen Serien heißt das Rotkäppchen plötzlich Red und ist ein Werwolf. Schneewittchen überfällt Wanderer im tiefen, dunklen Wald und raubte sie aus. Der große, böse Wolf ist ein Serienmörder, der Bach hört, während er seine Opfer zu Fleischpastete verarbeitet. Und Rumpelstilzchen kann sich nicht mehr freuen: „Ach wie gut, dass niemand weiß“, weil es nämlich gar nicht mehr Rumpelstilzchen heißt, sondern Mr. Gold und wegen Entführung und Körperverletzung im Gefängnis sitzt.

Man muss ob solcher respektlosen Verballhornungen nicht gleich den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören. (Interessanterweise hat bisher weder das deutsche Feuilleton noch sonstige berufene Instanzen - wie Germanistikprofessoren oder die Grimm-Gesellschaft - Anstoß an diesem Recyling deutschen Kulturguts genommen.) Denn ursprünglich waren solche Varianten geradezu der Gehalt von Märchen. Bevor die Gebrüder Grimm die deutschen Märchen aufschrieben, gab es von populären Märchen so viele Variationen wie es Großväter gab, die diese Geschichten ihren Enkeln erzählten. Solange die Märchen durch mündliche Erzählung überliefert wurden, konnten sie der Region, dem Publikum und der Zeit, in der sie erzählt wurden, angepasst werden. Dem fröhlichen Fabulieren war Tür und Tor geöffnet. Die Märchensammlung von Wilhelm und Jacob Grimm mag eine der bedeutendsten philologischen Leistungen des Biedermeiers gewesen sein. Ohne sie würden wir viele Märchen nicht mehr kennen, weil sie in der Zeit der industriellen Revolution den sich ändernden Lebensumständen zum Opfer gefallen wären. Doch die Grimms schufen auch einen narrativen Kanon. Mit ihren – oft von sexuellen Derbheiten gereinigten - Fassungen hatten sie die Version der Geschichten zu Papier gebracht, an der sich alle künftigen Varianten zu messen hatten. Die Zeit des fröhlichen Fabulierens war vorbei, die Geschichten im Druck fixiert. Die amerikanischen Filme und Fernsehserien, die sich nun der Märchenstoffe annehmen, erobern sich die Unabhängigkeit der Geschichtenerzähler von einst wieder. Es wäre schön, wenn sie das auf etwas charmantere und weniger stereotype Weise tun würden. Aber die Freiheiten, die sie sich mit ihren Geschichten nehmen, passen in eine Zeit, in der die Produktion und Rezeption von Kultur in technologisch ausgelöste Bewegung geraten sind. Das Internet hat eine neue Form von Folklore möglich gemacht. Amateuren veröffentlichen im Netz ihre eigenen digitalen Varianten von Geschichten, Liedern oder Filmen. Seien es „Mash-Ups“, Remixe und eigene Fan-Videos zu beliebten Songs, seien es selbst-gedrehte Varianten von populären Filmen – die Art und Weise, wie Fans heute ihre eigene Versionen von Kunstwerken schaffen können, erinnert daran, wie sich einst Folklore anonym am Ofen oder am Lagerfeuer entwickelt hat. Eine postmoderne und internetbasierte Fortführung der mündlichen Überlieferung und Transformation von Geschichten ist die sogenannte Fan Fiction. Das ist eine riesige Internet-Subkultur, an der sich zwar Hunderttausende in der ganzen Welt beteiligen, die aber in der Mehrheitsgesellschaft kaum bekannt ist. Fans, die aus den offiziellen Quellen nicht genug Stoff für ihre Obsession bekommen, schreiben ihre eigenen Plots für bekannte Filme oder TV-Serien, und veröffentlichen sie im Internet auf Websites wie fanfiction.net. Ohne finanziellen Anreiz liefern sie neue Geschichte für narrative Universen wie Star Treck, Star Wars oder Harry Potter. Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins, Professor an der University of Southern California, der mehrere Bücher über Fankulturen veröffentlicht hat, betrachtet dieses Weiterspinnen bekannter Stoffe als Uminterpretation und Kommentierung der Vorlagen. Für ihn sind solche Fans keine passiven Couch Potatoes, sondern aktive Teilnehmer an der Weiterentwicklung dieser Stoffe. Und sie tun das mit Der Herr der Ringe ebenso wie mit tradierten Märchen wie Aschenputtel oder der Kleine Seejungfrau. Die Wiederauferstehung der alten Märchen in Film und Fernsehen sollte vor diesem Hintergrund betrachtet werden: als Hommage, Neuinterpretation oder Parodie der Originale im Geiste der Fan Fiction. So macht Snow White and the Huntsman aus Schneewittchen eine proto-feministische, schwertschwingende Amazone mit Dreck unter den Fingernägeln, die im Kampf mit der Armee der bösen Stiefmutter genauso grunzt wie ihre Truppe, die reichlich verwahrlosten sieben Zwerge. Dieser Film, aber auch die amerikanischen Serie geben ihren Märchenvorlagen auch einen Teil der Düsterkeit und Gewalttätigkeit zurück, die die Grimms in ihren Bearbeitungen weg redigiert hatten. Anders als bei der Fan Fiction geht es bei den Filmen freilich um sehr viel Geld. Wenn sie nicht gestorben sind (und wenn sie weltweit 400 Millionen Dollar einspielen wie Snow White and the Huntsman, an dessen Fortsetzung schon gearbeitet wird) - dann wird der Boom der Märchenfilme und -serien wohl so schnell kein Ende nehmen.