VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Themen wie schnell steigende Mieten und die Gentrifizierung ganzer Innenstadtbezirke sind an Kantinentischen und auf Partys zu einem gängigen Gesprächsthema geworden. Und nicht nur dort: Die aktuelle Ausgabe des amerikanischen Intellektuellen-Magazins "The Baffler" beleuchtet auf acht Seiten den Zusammenhang zwischen der Kommerzialisierung des Berliner Stadtlebens und dem Zuzug einer Spezies von kreativen Jungmenschen aus der ganzen Welt in XXL-T-Shirts, mit neon-farbenen Sonnenbrillen, Jute-Beuteln, Röhrenjeans und Vollbärten. In dem Essay "Die Plünderung von Berlin: Wie Expats, Hipster, Yummies und Smartphones eine Stadt ruinierten" beschreiben der amerikanische Historiker Quinn Slobodian und die Autorin Michelle Sterling, wie sich die Stadt in den letzten Jahren zum Abenteuerspielplatz des internationalen Hipstertums entwickelt hat.
Ihr Lamento mag jedem bekannt vorkommen, der am Sonntagmorgen seinen Weg zum Bäcker durch die Überbleibsel einer beschwingten Party-Nacht in Form von Konfettihaufen, Holi-Pulver-Flecken und Bierflaschenscherben angetreten hat. Slobodian, der Berlin seit 2003 regelmäßig für Studienaufenthalte besucht und seine Doktorarbeit über die deutsche Studentenbewegung geschrieben hat, lernte die Stadt bei seinen ersten Besuchen als einen Ort kennen, in dem gelebte Utopien möglich waren: Als Untermieter einer Ost-Berlinerin in einem Haus in Mitte erlebte er, wie die Nachbarn gemeinsam kochten, im Hinterhof Filmabende veranstalteten und sich gegenseitig halfen: "Es sah so aus, als hätten die Leute hier einen anderen Grund zum Leben gefunden als Profitinteressen."
Bei Folgebesuchen beobachtete er wie im Zeitraffer, wie Berlin sich zu verändern begann: "2010 servierten Kalifornier Parisern in Hosen, die mit Azteken-Mustern bedruckt waren, Huevos Rancheros für acht Euro", heißt es in dem Aufsatz, "während neben ihnen Dänen in formloser schwarzer Sackkleidung Lychee-Bionade schlürften. Spanier kochten auf den Märkten riesige Paellas und geschäftstüchtige Briten betrieben Trödel-Spekulation, indem sie Seiden-Pullover aus den 80ern auf den Flohmärkten der türkischen und arabischen Viertel im Süden der Stadt kauften, und sie dann für wesentlich höhere Preise in den Hipster- und Touristen-Gegenden im Norden anboten."
Andere Neu-Berliner verdienen sich das Geld für ihren Boheme-Lebenswandel als "freischaffende Cupcake-Bäcker, Yoga-Lehrer, Fahrrad-Mechaniker, Show-Promoter und IPod-DJ". Slobodian und Sterling arbeiten viele der bekannten Symptome der sich verändernden Stadt ab: die "Berlin doesn't love you"-Aufkleber, Hipster-Olympiaden, Silicon Allee, die "No-US-Hipsters-allowed"-Schilder an Szene-Kneipen, Bürgermeister Wowereits "Arm, aber sexy"-Slogan.
Aber sie haben auch weniger bekannte Phänomene wie das "Yummie Net" aufgetan - ein Wifi-Netz der Außenwerbefirma Wall, das sich an konsumfreudige "Young Urban Mobiles" richtet. Als Gegenleistung für Gratis-Netzzugang wird die Zielgruppe mit maßgeschneiderten Werbebotschaften für Hipster bombardiert. Slobodian, der inzwischen Professor am Wellesley College ist, hält Berlin jedoch die Treue. Gerade ist er als Gastforscher an der FU und findet: "Trotz aller Probleme bietet Berlin immer noch Möglichkeiten, dem kommerzialisierten Leben zu entkommen, wie ich sie nirgendwo sonst gesehen habe."
THE BAFFLER Nur vermeintlich heiter: The Baffler.