Nein, er möchte nicht, dass die Presse aus seinem Vortrag zitiert. Wer etwas wissen will, könne ihn ja nachher fragen, sagt Louis Rosetto, Gründer der amerikanischen Zeitschrift "Wired". Er ist der Abschlussredner bei Berlinbeta, einer Konferenz zu digitalen Medien, die am Wochenende zum vierten Mal in Berlin stattfand. Und jetzt wollen wir erst mal eine Schweigeminute für Wau Holland einlegen, den deutschen Hacker, der Ende Juli mit 49 Jahren an einem Schlaganfall gestorben ist. Möchten sich die Anwesenden bitte erheben? Die etwa zweihundert Zuschauer in dem Kinosaal in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg stehen auf.
Nein, auf die Presse ist Louis Rosetto immer noch nicht gut zu sprechen - und das, obwohl er in den neunziger Jahren einer der innovativsten Blattmacher der USA war. 1993 gründete er zusammen mit seiner Frau Jane Metcalf die Zeitschrift "Wired", die "Wired" war kein Blatt mit Hardware-Tests und Preisvergleichen zwischen Tintenstrahldruckern, sondern das erste Lifestyle-Magazin für Computernerds.
Auch in Deutschland
Das Blatt berichtete über die "Computer-Bastler, die unsere Welt verändern", verlieh dem Internet den Glamour des Hippen und Subkulturellen. Mit "Hotwired" schuf die Redaktion eine der ersten journalistischen Websites, die speziell für das Internet entstand. Buchreihen und eine Fernsehshow wurden gestartet, es gab Lizenzausgaben in England und Japan, auch in Deutschland war ein "Wired"-Ableger geplant. Das Unternehmen wuchs bis Mitte der neunziger Jahre exponenziell, die Zahl der Mitarbeiter kletterte von zehn ins Dreistellige. Rosetto sammelte Millionen und Abermillionen von Investoren ein, die vom Cyber-Boom profitieren wollten.
"Wired" war eines der ersten Internet-Start-ups der USA - und auch eines der ersten, das vor die Wand fuhr. Zweimal versuchten Metcalf und Rosetto ihr Verlagsimperium an die Börse zu bringen, zweimal scheiterten sie. Plötzlich wollte niemand mehr in das Blatt investieren, der Cashflow stockte. Der Verlag Condé Nast (Vogue, GQ) übernahm "Wired", Lycos die Website www.wired.com, und Rosetto und Metcalf wurden nach wenigen Wochen ihrer Ämter enthoben.
Rosetto erzählt und erzählt aus der guten alten Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt. Auf einem TV-Monitor auf der Bühne brennt - witzig, witzig! - ein virtuelles Kaminfeuer, die beiden Moderatoren sind in ihre schweren Ledersessel zurückgesackt, versunken in Erinnerungen an die goldenen Jahre der New Economy, und haben in ihrem
Aber Louis Rosetto braucht gar keine. Ungestützt erinnert er sich an die Investitionen von dieser und jener Bank, an Details von Geschäftstreffen mit Managern von Gruner+Jahr. Und daran, dass bei einem Meeting mit Bankern plötzlich zwei Luftballons am Fenster vorbeigeflogen seien. Dann gingen die Kurse am Neuen Markt in den Keller, und dann musste "Wired" den Börsengang zum zweiten Mal absagen, und dann, ach ja, irgendwie leide er heute noch daran, dass man ihm vor drei Jahren sein Baby weggenommen habe.
Das Publikum der Berlinbeta kann Rosettos Schmerz mitfühlen. Denn auch viele von ihnen haben etwas verloren: vielleicht nicht gerade ihr Baby oder ihre Firma, aber oft ihren Arbeitsplatz und/oder den Glauben an die New Economy. Der Neue Markt ist im Keller, viele Internet-Start-ups sind pleite, und auch Berlinbeta musste Federn lassen: eine Unternehmensmesse gab es diesmal nicht, und die Zahl der Besucher sank auf 700.
Seit 1998 informiert Berlinbeta die digitale Wirtschaft über das Neueste aus der Branche. In den ersten Jahren war bei der Konferenz ununterbrochen von der Zukunft die Rede. Heute lauscht man versonnen den Erinnerungen eines Veteranen des Internethypes. Erst mal Luftholen nach dem Platzen der Internet-Blase.
Da sitzen sie nun, die Internet-Profiteure von vor zwei Jahren, mit superflachem Laptop auf dem Schoß und DJ-Umhängetasche neben sich, und brauchen dringend eine Konferenz, um sich zu vergewissern, dass sie überhaupt noch da sind. Doch wer jetzt noch da ist, wird es vielleicht lange bleiben. Diejenigen, die nach dem Hype und dem anschließenden tiefen Fall der New Economy weitermachen, könnten tatsächlich die Früchte des Internets ernten. Nicht durch sensationelle Börsengänge und den Versand von Hundefutter im Internet, sondern zur Abwechslung mal durch sinnvolle Geschäftsmodelle.
Unabhängig und selbstbestimmt
Interessanterweise sprachen viele der Referenten bei der Berlinbeta weniger von ihren Projekten, wie in den vergangenen Jahren üblich, sondern eher von der Organisation ihrer Firmen, die es kreativen Arbeitern ermöglicht, trotz wirtschaftlichen Viele der Internet-Unternehmen sind nicht zuletzt daran gescheitert, dass Finanziers und Manager sie aus Gier gezwungen haben, zu schnell Geld zu machen oder wie "normale" Unternehmen zu funktionieren.
Paulus Neef, Chef der krisengeschüttelten Berliner Multimedia-Agentur Pixelpark, sprach erstaunlich nüchtern und offen über die Krise seines Unternehmens: Man sei in den letzten Jahren zu schnell gewachsen, seine Mitte der neunziger Jahre profitable
Besser auf die wechselhafte Konjunktur eingestellt sind Kreativunternehmen, die als lose Assoziation oder "Netzwerk" organisiert sind. Justus Oehler beschrieb die Methode der Londoner Grafikagentur Pentagramm: Alle "Partner" haben einen eigenen Stab. So könne man allein kleinere Projekte realisieren oder bei größeren Aufträgen zusammenarbeiten. Sämtliche Einkünfte werden - quasi sozialistisch - geteilt, trotzdem kann sich niemand ausruhen, weil der kollektive Druck groß ist, gute Arbeit zu leisten.
Auch im Haus des Lehrers am Alexanderplatz kooperierten die Kreativen, die sich dort vorübergehend in kleinen Büros eingemietet hatten, oft ad hoc über den Flur: Der Grafiker machte dem Musiker das CD-Cover, die Typografin lieferte die Schrift. Das ist nun vorbei: Das Haus des Lehrers ist entmietet, das bunte, digitale Volk ins Haus des Reisens und zum Neuen Deutschland weitergezogen, und der neue Investor will konventionelle Büros für "richtige" Firmen einbauen.
Und Louis Rosetto? Der hat, scherzt er, zusammen Jane Metcalf ein neues Start-up-Unternehmen gegründet: zwei Kinder, von denen er nach eigenen Angaben zurzeit "viel lernt".