Für Künstler sind Online-Angebote wie Napster eine gute Sache, weil sie ihnen erlauben, ihre Musik unabhängig von Plattenfirmen weltweit zu verbreiten." Das findet der Rapper Chuck D, und das ließ er die Herrschaften von der Presse gestern auch noch einmal unmissverständlich wissen. Das Mitglied der HipHop-Formation Public Enemy äußerte sich vor dem Beginn einer Senats-Anhörung zum Thema "Digitale Musik im Internet".

Die Anhörung war einberufen worden, um die Auswirkungen des "Digital Millennium Copyright Act", einem Gesetz zur Sicherung von Urheberrechten im Internet, zu diskutieren. Doch in den letzten Tagen war aus der Veranstaltung ein Spektakel um die Firma Napster geworden, die im Internet den Tausch von Musikdateien zwischen Internet-Usern möglich macht.

Erstaunlicherweise waren die Musiker, die sich bei dem Hearing zu Wort meldeten, gar nicht so sehr gegen Internet-Tauschbörsen wie die Vertreter der Plattenindustrie. Die Sängerin Alanis Morissette sagte vor dem Ausschuss: "Als Künstlerin will ich mich direkt an mein Publikum wenden. Wenn die Plattenfirmen und andere Vermittler mir dabei helfen, sind sie mir willkommen."

Nicht einverstanden sei sie, wenn die Plattenfirmen den Kontakt zu den Fans schwieriger als nötig machen würden, betonte Morissette, und fügte hinzu: "Die Vermittler und die Künstler haben nicht immer dieselben Interessen." Auch sie sei zunächst skeptisch gegenüber den Filesharing-Angeboten gewesen, die "aus dem Web-Underground" gekommen seien. Doch inzwischen glaube sie, dass "die so genannte Piraterie im Internet den Musikern helfen" könne, weil sie durch Dienste wie Napster ein größeres Publikum erreichten.

Zugesehen und nichts getan

Alt-Rocker Don Henley, ehemaliges Mitglied der Eagles und heute Sprecher der Recording Artist s Coalition, schlug in dieselbe Kerbe: Das Internet erlaube es Musikern, ihre Musik möglichst vielen Fans zugänglich zu machen, ohne auf die Zustimmung der Während der Musikvertrieb im Internet sich entwickelt habe, haben die Plattenkonzerne "nur zugesehen und nichts getan". Firmen wie Napster, die mit erfolgreichen, neuen Musikvertriebs-Ideen auftraten, seien sogar noch verklagt worden.

Zwar wollen auch Henley und Morissette ihre Musik im Internet nicht verschenken. Aber beide betonten, dass die meisten Künstler vom Musikvertrieb der Plattenfirmen oft ebenfalls nicht profitieren würden. Henley klärte den Ausschuss auf: "Die meisten Bands kriegen nur einen Vorschuss von den Musikkonzernen. Alles, was die Plattenfirma in sie investiert, vom Studio bis zum Marketing, müssen sie zurückzahlen, wenn mit ihrer Musik Geld verdient wird. Viele Musiker verdienen keinen Dollar, bevor sie nicht eine halbe Million CDs verkauft haben."

Die Anhörung vor dem Senat war überschattet von der Gründung der Firma MusicNet, die von einer Allianz der Entertainment-Riesen EMI, AOL Time Warner und Bertelsmann am Vortag bekannt gegeben worden war. Bei der Online-Plattform sollen Unternehmen, die im Internet Musik anbieten wollen, die Lizenzen dafür erwerben können. Dazu soll auch Napster gehören, was das Geschäftsmodell des Unternehmens legalisieren könnte.

In dem Unternehmen sind drei der fünf größten Musikfirmen der Welt zusammengeschlossen, welche die Rechte an etwa 40 Prozent aller veröffentlichten Kompositionen halten - unter ihnen Künstler wie Madonna, Robbie Williams oder Christina Aguilera. Ihre größte Konkurrenz sind die Musikkonzerne Sony und Universal (u.a. Ricky Martin, Mariah Carey), die zusammen im Sommer ein ähnliches Online-Angebot namens Duet anbieten wollen. Verschiedene Quellen berichteten, dass über einen Austausch von Lizenzen zwischen Duet und MusicNet bereits verhandelt wird.

Mit MusicNet geben zum ersten Mal einige der größten Entertainment-Konzerne der Welt den Internet-Vertrieb ihrer Musik frei. Bisher litten Internet-Musikangebote wie Liquid Audio oder BeSonic unter mangelndem musikalischem Angebot, weil ihnen die großen Plattenfirmen keine Genehmigung für den Online-Einsatz ihrer Musik erteilten. BeSonic-Marketing-Chef Patrick Schlieder begrüßt deshalb die Entscheidung: "Die neue Plattform gibt kleinen Angeboten endlich die Chance, auch die Songs der großen Stars anzubieten." Bisher wagten sich hauptsächlich kleine Labels an die neue digitale Vertriebsform.