BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Hinter dieser orangen Wand verbirgt sich die Media Lounge der Transmediale.
Mensch, wo kommen denn plötzlich all diese vielen Menschen her? 2 000 Besucher und mehr schoben sich am Dienstagabend bei der Eröffnung der Transmediale mit Weinglas in der Hand durch das Foyer im Haus der Kulturen der Welt (HKW). So viele Leute waren wohl noch nie bei der Vernissage des jährlichen Berliner Medienkunst-Festivals. Geduldig saßen sie sich durch die etwas langweilige Eröffnungszeremonie, die auch durch den Auftritt des amerikanischen Künstlers Randall Packer als angeblicher US-Minister für Kunst und Technologie nicht unterhaltsamer wurde. Dann bildeten sich schnell lange Schlangen vor den Computern in der Media Lounge, vor der Medienkunst-Ausstellung und den Getränkeständen.
Neue Zielgruppen
Vormals traf sich bei der Transmediale ein eher verschworener Kreis von einigen hundert Medienkunst-Fans in den dunklen Gängen des Podewil. Da das Kulturzentrum in der Klosterstraße zurzeit umgebaut wird, ist die Transmediale in diesem Jahr in die ehemalige Kongresshalle umgezogen - wo sie hoffentlich auch in den nächsten Jahren bleiben wird. Denn das elegante Foyer im 50er-Jahre-Stil scheint ganz neue Zielgruppen anzuziehen: Neben den üblichen Verdächtigen aus der Medienkunst-Szene konnte man in diesem Jahr verstärkt Menschen aus der Berliner Clubszene, aus Multimedia-Agenturen und
Das ist auch ein persönlicher Triumph für Susanne Jaschko und Andreas Broeckmann, die vor zwei Jahren das etwas vor sich hin dümpelnde Festival übernommen und ihm neues Leben eingehaucht haben. Nun müssen sie allerdings ein Programm bieten, das nicht nur Spezialisten zufrieden stellt, sondern auch den neu erschlossenen Besuchern etwas sagt. Das Interesse an Kunst, die mit neuen Technologien arbeitet, ist groß, und der Bedarf nach einer Debatte über die sozialen, politischen und kulturellen Auswirkungen neuer Medien wächst in dem Maß, in dem Computer, Internet, Handy etc. wahrnehmbar Beides will die Transmediale bieten.
Zum ersten Mal gibt es in diesem Jahr eine große Ausstellung mit Medienkunst. Waren in den vergangenen Jahren bei der Transmediale immer nur einige, wenige Installationen zu sehen, kann durch die Unterstützung des Hauptstadtkulturfonds diesmal eine große Präsentation von 15 Arbeiten im HKW gezeigt werden. Und diese Ausstellung deutet bereits auf das Dilemma hin, in das die Transmediale durch das gewachsene Publikumsinteresse gerät.
"Repräsentativ" für den Stand der Medienkunst soll die Ausstellung nach dem Willen von Kuratorin Susanne Jaschko sein. Tatsächlich repräsentiert die Show aber fast ausschließlich Arbeiten von Künstlern, die den relativ kleinen Zirkel von Medienkunst-Festivals und von spezialisierten Institutionen (wie dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe) Künstler, die mit Medien arbeiten, sich aber nicht ausdrücklich als Medienkünstler labeln und nicht in dieser überschaubaren Szene operieren, fehlen weitgehend.
Es mag sein, dass Künstler wie Pipilotti Rist, Douglas Gordon, Sam Taylor-Wood oder Daniel Pflumm, die im ganz normalen Kunstbetrieb mit neuen Medien arbeiten, wenig Interesse an der Präsentation ihrer Werke bei einem Medienkunst-Festival haben. Ob aber das größer gewordene Transmediale-Publikum, das solche Arbeiten zum Teil aus den Institutionen der High Art kennen dürfte, viel mit der Kunst anfangen kann, die nun im Haus der Kulturen der Welt zu sehen ist?
Zu viele der Arbeiten sind konzeptionell uninteressant oder erschöpfen sich in der Faszination des technisch Machbaren. Ein besonders grausames Beispiel für solche Werke aus dem Reich des Junggesellenmaschinenbaus sind die "juke-bots" von der Künstlergruppe Robotlab: zwei Industrieroboter,die auf Knopfdruck Platten auflegen und scratchen. Cool, was?
Mit erfrischendem Understatement unterläuft "Crank The Web" von Jonah Bruckner-Cohen solche Techno-Materialschlachten: Je kräftiger man an einer Kurbel neben dem Computer dreht, desto schneller lädt dieser Daten aus dem Internet. Auch Alexei Shulgins alter Rechner "386 DX", der im Freien als eine Art digitaler Straßenmusikant mit leiernder Computerstimme Oldies-but-Goldies interpretiert, gehört zu den sympathischeren, weil unprätentiösen Arbeiten der Ausstellung. Allerdings reist der singende PC schon seit vier Jahren durch die Welt der Medienkunst-Festivals.
Aufregend sind Wolfgang Staehles Webcam-Projektion "Empire 24/7" (1999), die à la Warhol non-stop ein Bild vom Empire State Building in New York zeigt, und Phillipp Lachenmanns "Surrogat I" aus unmerklich zusammenmontiertem Videomaterial. Doch insgesamt hinterlässt die Ausstellung einen durchwachsenen Eindruck, den die Performances, Podiumsdiskussionen und Screenings in den nächsten Tagen hoffentlich wettmachen.
Informationen zum Programm unter www.transmediale.de