Ellen Allien // DIE 33-JÄHRIGE hat 1991 im Berliner Club Fischbüro angefangen, Platten aufzulegen. Heute leitet sie ihr Label Bpitch Control. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie ihre erste CD "Stadtkind" und arbeitet nun an der zweiten.

ZUM ERSTEN MAL hörte sie1987 im Wag Club in London Acid House, einen Vorläufer von Techno. Den ersten "Kontakt zur Musik der Zukunft" hatte sie dann 1988 im U. F. O, dem ersten Houseclub von Berlin.

BEIM RADIO-SENDER KISS-FM machte sie einige Zeit die Sendung "Braincandy".

Wann waren Sie zum ersten Mal in einem Club?

Als ich elf war. Meine Schwester war sechs Jahre älter als ich und musste immer auf mich aufpassen. Wir lebten in Lichtenrade, und bei uns um die Ecke gab es einen Jugendclub. Meine Schwester hat mich mitgenommen. Unser Nachbar war dort Türsteher, deswegen kam die kleine Ellen auch immer in den Club rein.

Was war das für ein Erlebnis?

Der wichtigste Moment, an den ich mich erinnern kann, war, als ich dort getanzt habe, und plötzlich "Das Modell" von Kraftwerk lief. Das war für mich komplett neu. Sonst lief da nur Michael Jackson und so ein Zeug, aber dieses Stück war auf Deutsch. Ich konnte es verstehen und mitsingen. Die ganze Neue Deutsche Welle, Sachen wie "Da da da" von Trio und "Eisbär" von Grauzone waren für mich musikalisch super wichtig und haben mich bis heute geprägt.

Damals gab es in Berlin nicht so eine Clubkultur wie heute. In den 80er-Jahren war das Metropol am Nollendorfplatz in Schöneberg der wichtigste Club. Sind Sie dort auch hingegangen?

Ja, da war ich 16. Ich habe meine Mama angelogen und gesagt, ich schlafe bei meiner Freundin. In Wirklichkeit sind wir aber ins Metropol gegangen. Das war absolut cool. Es gab dort ganz viele Schwule mit großen Fächern. Da war richtig Show. Das war schon so ähnlich wie später in der Techno-Szene, in der auch verschiedene Szenen zusammenkamen. Ich war zu jung, um da reinzukommen, aber ich habe es gesehen. Dann wurde das Metropol geschlossen.

1989 ist die Mauer gefallen. Wie hat sich dadurch die Clublandschaft in Berlin verändert?

Plötzlich gab es im Osten neue Locations, zum Beispiel das Planet in der Köpenicker Straße in Mitte. Da war alles in Gelb-Orange gehüllt. Es gab große Leinwände mit sehr schönen Figuren, und die hatten auch Transenshows, bei denen sich die Leute verkleidet haben. Da bin ich erst mal rein und dachte: Das ist gut. Ich habe die Augen zugemacht und getanzt. Das hatte nichts mit Drogen zu tun, sondern einfach nur mit der Musik. Ich habe da so nette Leute kennen gelernt, auch viele Schwule, Künstler und Leute, die anders waren. Da war das ja noch Underground, und alle sind reingekommen. Damals fing diese Musik an, für mich interessant zu werden.

Diese Musik war Techno. Verbinden Sie Techno mit dem Mauerfall?

Ja. Das Zusammenkommen von Ost und West habe ich eigentlich im Planet erlebt, und später im E-Werk. Ich habe viele Ossis kennen gelernt, mit denen ich auch meine Tage verbracht habe. Wo sonst hätten wir uns kennen lernen sollen außer in den Clubs? Wir waren ja schon zu alt, um uns auf dem Spielplatz zu treffen. Ich habe mich dann immer mehr im Osten aufgehalten, und auf einmal war die Musik ganz wichtig für mich. Techno war die Jugendbewegungsmusik der 90er-Jahre, in denen wir zusammengekommen sind. Deswegen ist Techno für mich auch immer noch so wichtig. Denn das ist die Musik meiner Jugend und das Spiegelbild von Berlin. Ich habe Leute getroffen, die ich nie kennen gelernt hätte, wenn die Mauer noch da gewesen wäre. Die waren so nett, und ich habe eine Trauer in mir getragen, dass ich so lange von ihnen und von dem anderen Teil der Stadt getrennt worden bin. Der Fall der Mauer war eine Befreiung, die wir zelebriert haben. Und es war auch eine Befreiung der Frau und der Homosexuellen.

Eine Schwulenszene mit eigenen Clubs gab es aber auch schon in West-Berlin.

Aber es gab nirgendwo so einen großen Laden wie das Planet, wo Heten und Schwule, junge und ältere Menschen, Ossis und Wessis zusammenkamen.

In dieser Zeit haben Sie mit dem Auflegen angefangen. Wie kam es dazu?

Ich habe eine Akrobatikausbildung gemacht, musste nebenbei arbeiten und habe mir dafür das Fischlabor ausgesucht.

Was war das?

Das Fischlabor war eine Art Bar in Schöneberg, ein Treffpunkt für Musiker und DJs. Da waren alle, und die wichtigsten DJs haben aufgelegt - zum Beispiel Minski, DJ Disko oder Dr. Motte. Dort hatten wir unser eigenes Biotop, und ich habe gemerkt, dass ich davon auch leben kann, in unserer eigenen Welt. Ich habe hinter der Bar gearbeitet, und es gab einen guten Stundenlohn. Und da habe ich dann Tapes gemixt, um meinen Arbeitsraum zu verschönern. Irgendwann haben die mich gefragt, ob ich nicht auch mal auflegen will. Fanden sie wahrscheinlich lustig, weil ich ein Mädchen war.

Wie hat sich Techno in Berlin etabliert?

Ende der 80er-Jahre haben viele Leute in verschiedenen Ländern eine bestimmte Art Musik produziert, nämlich Techno. In Berlin gab es viele Clubs, weil es hier billige Räume gab. Die Clubbesitzer haben diese Leute eingeladen. Techno war ja die interessanteste Musik der Zeit, und auf einmal kamen ganz viele interessante Leute aus der ganzen Welt nach Berlin. Dadurch wurde das immer größer.

Das Besondere in Berlin war zu dieser Zeit, dass die Mauer gefallen war. Was hat das für die Musik bedeutet?

Da fällt eine Mauer und alle denken: Cool, Mauern kann man zerstören - auch in sich selbst. Du hast gemerkt, dass sich von heute auf morgen alles verändern kann. Das kann in der Politik passieren, aber es kann auch in deinem Leben passieren. Durch die Musik hat sich bei mir unheimlich viel verändert. Ich habe zum Beispiel nicht mehr diese Angst gehabt.

Was für eine Angst?

Von 1990 bis 1995 habe ich in einem besetzten Haus gewohnt. Damals hatte ich eine totale Krise. Ich hatte wirklich Paranoia - der ganze Stadtlärm, der Dreck, die Autos, die Spiegelungen von den Fenstern. Das hat mich irre gemacht. Ich bin durch die Stadt gerannt und fast ausgerastet, weil ich überhaupt nicht klar gekommen bin. Durch die Techno-Musik habe ich die Angst verloren und eine Liebe zu der Stadt, in der ich lebe, wiedergefunden.

Was hatte das denn mit Techno-Musik zu tun?

Die Klänge von Techno waren für mich die Klänge, die ich auch draußen gehört habe, wenn ich auf der Straße herumlief. Die Stadt, dieser Großstadtwahnsinn klang bei diesen Sounds durch. Immer, wenn ich in der U-Bahn saß, habe ich Paranoia gekriegt. Ich dachte, ich muss wegen der ganzen komischen Geräusche gleich schreien. Durch Techno habe ich gelernt, diesen Sound zu mögen. Techno ist nicht so warm, man arbeitet eher mit klaren Melodien, mit harten Beats. Nachdem ich Techno gehört hatte, saß ich in der U-Bahn, die Türen gingen auf, und ich habe auf einmal Tracks gehört.

Eigentlich wird Techno aber mit Computern gemacht, und nicht mit Maschinen, wie die U-Bahn eine ist.

Diese Elektrobeats klingen aber schon so, als ob du in der Fabrik bist, und einer haut mit dem Hammer auf ein Stück Stahl. Als ich die ersten Male Techno gehört habe, habe ich nichts verstanden. Da war nichts, da kam das gar nicht in mir. Techno war ja wirklich eine neue Musik, die nur im Club funktioniert. Man lernt das nicht, weil man das lernen muss. Man geht ein paarmal da hin, und entweder es macht bumm oder nicht.

Viele betrachten Techno als eine seelenlose, stumpfe Musik, mit der man keine Gefühle ausdrücken kann.

Ich mache Techno, der ausdrückt, was ich fühle. Und da ist auch ganz viel Platz bei Techno, um das sprachlich oder durch Harmonien zu zeigen. Jeder Ton macht irgendwas mit dir. Als Jugendliche war ich echt nicht glücklich. Es gab vorher nichts, was mich interessiert hat. Ich fand alles furchtbar. Durch die Musik habe ich einen Weg gefunden, mich auszudrücken und etwas ganz Wahres zu empfinden.

Was ist die Rolle des DJs in einem Club?

Die Rolle des DJs? Die Leute zu beglücken.

Toller Beruf!

Die Leute kommen in den Club, zahlen Eintritt und wollen dafür Spaß haben oder einfach beschäftigt werden. In Clubs zu gehen ist eine der wichtigsten Freizeitbeschäftigung der Jugend. Dadurch werden die Leute zur Musik geführt. Vielleicht trauen sie sich ja sogar, selbst etwas zu machen, weil sie Vorbilder haben - nämlich die DJs. Dann haben sie ein schönes Hobby.

Das klingt ja, als ob der DJ einen pädagogischen Auftrag hat!

Wie wachsen Kinder denn so auf? Gibt es wirklich Kinder, die mit den Eltern so richtig frei zu Hause tanzen? So richtig abrocken, Augen zu, rumschreien, rumtoben. Richtig frei? Ich persönlich kann mich kaum daran erinnern, dass ich als Kind so etwas hatte. In der Stadt wächst man mit tausend Verboten und Regeln auf. Ich glaube, dass ein Club für die Jugend ein Ort ist, an dem es keine Regeln gibt. Man kann sich austoben, tanzen, sich locker machen. Es ist, als ob man Sex hätte. Aber die meisten können ja nicht mal Sex richtig genießen. Oder wenn sie gestreichelt werden. Beim Tanzen kann man die Augen zu machen und Freiheit genießen. Manche Leute rasten auf der Tanzfläche richtig aus. Wenn die Spaß haben, dann springen sie rum und schmeißen sich durch den Raum. Es gibt im Club so etwas wie eine freie Gruppendynamik, das ist wie Therapie. Und du merkst: Oh, ich habe ja eine Hüfte. Und eine Schulter. Du bewegst dich nicht, damit es schön aussieht oder damit dich jemand anguckt, sondern nur für dich oder für denjenigen, der dir gegenübersteht. Ich mache das auch gerne.

Sie gehen also selbst noch weg?

Ja. Ich bleibe zwar nicht die ganze Nacht, das finde ich anstrengend, weil ich ja sonst als DJ unterwegs bin. Aber ich quatsche ein bisschen mit den Leuten und tanze ein bisschen.

Wie bereitet sich ein DJ auf einen Abend vor, an dem er auflegt?

Ich habe einen Plattenkoffer, da sind 80 bis 100 Platten drin.

Und damit kann man eine Nacht durchmachen?

Kann man. Es sind zwar immer die gleichen Platten, aber sie werden anders gemixt. Was und wie ich auflege, kommt darauf an, wie der Raum auf mich wirkt und wie die Leute sind. Oder wie ich mich gerade fühle. Ich probiere den Punkt zu finden, an dem ich reinkomme. Am Anfang ist es eigentlich erst mal so ein Abschalten. Man versucht, gar nicht mehr darauf zu achten, was um einen herum ist. Manchmal dauert es länger, manchmal geht es schnell. Wenn ich drin bin, kriegen die Leute das auch mit. Die meisten Leute, die ausgehen, kennen ja schon viele DJs. Sie merken, ob da ein DJ steht, der überhaupt keinen Plan hat und einfach nur irgendwelche Platten zusammen mischt oder nur Hits spielt. Aber wenn sie spüren, dass du etwas ausdrücken willst, dann freuen sie sich darüber und gratulieren dir damit, indem sie viel tanzen oder auch mal schreien. Das ist ein Dankeschön für die Musik.

Ist das das Begeisternde daran, ein DJ zu sein?

Es ist eher die Herausforderung, meine Platten so zusammenzumischen, dass es Sinn macht, dass es eine Geschichte schreibt. Und die Leute dazu zu bringen, das zu akzeptieren, was ich tue. Ich probiere, etwas zu machen, was die Leute fordert. Das ist wahrscheinlich der einzige Motor für mich. Es ist ja nicht immer so lustig, rumzureisen, irgendwo zu landen, zu essen und dann in einem Club aufzulegen. Danach bin ich echt gerädert. Das ist auch Arbeit.

Sie stehen im Club hinter den Decks, die Leute davor tanzen. Sie müssen sich sehr konzentrieren, während das Publikum ausgelassen ist. Ist das schwierig?

Wenn ich drin bin, ist das wie ein Film. Dann bin ich mit meiner Technik beschäftigt. Es ist wie bei jemandem, der Klavier spielt. Wenn der so drin ist, läuft alles von alleine. Das ist ein Adrenalinschub, und dann habe ich den Laden auch im Griff. Und wenn die Leute abfahren und ich abfahre - da ist gar kein Platz mehr zum Nachdenken.

Aber können Sie als DJ die Tänzer nicht auch kontrollieren?

Doch. Ich weiß manchmal ganz genau: Wenn ich die Platte spiele, dann passiert das und das. Aber eigentlich mag ich keine Berechnung. Alles, was ich berechnen kann, langweilt mich. Ich probiere eigentlich immer, etwas Neues zu machen, was ich wieder nicht berechnen kann.

Im Club bekommt man ja immer eine direkte Reaktion des Publikums.

Man kriegt unheimlich viel von den Leuten. Die kommen an, die bedanken sich, die schenken dir Sachen. Das ist einfach total schön, vor allem wenn man nicht aufgelegt hat, um Platten zu verkaufen, sondern sich wirklich aus seinem Inneren heraus ausgedrückt hat. Ein guter DJ muss ein sehr gefühlvoller Mensch sein.

Betrachten Sie das Auflegen als Kunstform?

Natürlich. Es gibt zwar auch DJs, die machen es nur, um die Party zu rocken und Geld zu verdienen. Aber es gibt auch Leute, die auflegen, was ihnen Spaß macht. Das probiere ich.

Kann man auch auflegen, wenn man betrunken ist oder Drogen genommen hat?

Ich nicht. Wenn ich zwei Sekt trinke - und das ist schon ein paarmal passiert - dann bin ich betrunken und mir geht die Platte aus. Das ist total peinlich. Die Leute finden es zwar immer lustig, wenn der DJ auch so ein bisschen angeschickert ist. Aber für mich ist das nicht gut. Ich habe auch zu viele Kollegen, die Drogen nehmen. Damit will ich nichts zu tun haben.

Welche Rolle spielt der DJ in der Musikwelt?

Der DJ ist der Motor für die ganze Musikindustrie, derjenige, der die Platten im Club zu Hits macht. Die Leute kommen zu mir und fragen: Was ist das für eine Platte, die du da spielst? Der DJ bringt den Leuten neuartige Musik nahe. Und dann ist der DJ auch ein Idol für viele: Was er lebt, wie er lebt. DJ ist immer noch ein Traumberuf. Mitte der 90er-Jahre haben sich alle Schallplatten gekauft. Die Kids haben ihr ganzes Geld für Platten ausgegeben und sich Plattenspieler gekauft. Das war lustig. Jeder wollte DJ werden.

Kann denn jeder DJ werden?

Es dauert ewig, bis du ein guter DJ bist. Die Geräte kennen zu lernen, das dauert Jahre. Und je länger ich DJ bin, desto weniger schlechte Platten spiele ich. Das hörst du auch bei den älteren DJs, die haben ein ganz anderes Gehör für Dinge. Man merkt es auch im Plattenladen. Früher habe ich vielleicht zehn Platten pro Woche gekauft und jetzt kaufe ich mir, wenn es hoch kommt, eine oder zwei. Das ist ein Lernprozess, wie hören, riechen oder fühlen. Wenn ich heute Platten kaufe, geht das unheimlich schnell. Man guckt aufs Label und weiß ungefähr, was drauf ist. Du siehst die Platten an und hörst schon, welches Lied klasse klingt.

DJs arbeiten nachts in verrauchten Clubs. Wie lange kann man so einen Lebensstil aufrecht erhalten?

Ich glaube, ich werde lange auflegen. Vielleicht nicht mehr so viel wie jetzt. Aber so lange es wichtig ist, dass ich da bin, werde ich da sein.

Die Club- und Techno-Kultur ist eine Jugendkultur. Mit vierzig oder wenn man Kinder hat, kann man nicht mehr bis sechs Uhr ausgehen.

Ich glaube, ab 38 wird es schwierig. Aber Jugendlichkeit hat nicht nur etwas mit deinem Erscheinungsbild und deinem Alter zu tun, sondern auch mit dem Spaß an deiner Sache. Irgendwann bekommt man wahrscheinlich Probleme mit den Beinen oder dem Rücken. Dann kannst du es nicht mehr machen. Ich werde nicht mit einem Gehörsturz noch in den Club gehen. Aber es gibt ganz viele tolle Menschen, Musiker oder Künstler, die alt und wichtig sind. Ich habe keine Angst älter zu werden. Im Gegenteil, je älter ich werde, umso wohler fühle ich mich in meiner Haut als Frau. Weil ich jetzt genau weiß, was ich will und genau wählen kann. Ich will auch irgendwann mal Kinder haben. Ich habe noch so viele Aufgaben, die ich nicht erfüllt habe. Ich bin nicht nur DJ.

Über das Thema "Frau in der DJ-Männerwelt" haben wir noch gar nicht gesprochen.

Früher war das nicht einfach für mich. Wenn du in so einer Männerdomäne arbeitest, egal in welchem Bereich, musst du die Sprache des Mannes lernen. Ich glaube, dass eine Frau im Club auf jeden Fall erst mal exotischer wirkt und dadurch Vorteile hat. Dann hören die Leute vielleicht auch mehr hin.

Heißt das, Sie mussten nicht kämpfen?

Kämpfen darf man gar nicht. Man kann nur lernen. Als ich angefangen habe, war es als Frau schon schwierig, weil es wenig weibliche DJs gab. Aber darüber ist man inzwischen hinaus. Ich merke das nicht mehr, aber ich lasse das auch nicht an mich ran. Ich denke eher, das hat was mit Leistung zu tun. Wichtig wirst du dann, wenn du was zu sagen hast. Ich glaube, dass ein gesunder, lebensfroher Mensch immer einen Weg findet. Ok, Marlene Dietrich, eine hervorragende Schauspielerin, hat im Alter kein Geld mehr gehabt, um ihre eigene Miete zu zahlen. Darum muss man sich absichern. Dr. Motte hat mir früher, als ich angefangen habe, immer gesagt: Ellen, leg das ganze Geld zurück. Spar es.

Heute haben Sie ein eigenes Plattenlabel, im vergangenen Jahr haben Sie nach zehn Jahren als DJ Ihre erste CD mit eigenen Tracks veröffentlicht. Was hat sich in diesen zehn Jahren verändert?

Berlin hat sich inzwischen absolut verändert. Es gibt einen ganz klaren Kontrast zwischen Arm und Reich, viel stärker als vor fünf Jahren. Damit habe ich mich jetzt abgefunden. Es gibt junge Leute mit Geld, die vielleicht eine gute Ausbildung oder ein reiches Elternhaus haben und nur in den Club reingelassen werden, weil sie die und die Schuhe tragen. Es gibt kaum noch einen Club, der alles vermischt.

Sie würden also sagen, dass Anfang der 90er-Jahre alles egalitärer war?

Ja, klar. Das ist jetzt durch die Bundesregierung und die ganzen Medien, die hergekommen sind, anders geworden. Selbst bei den Demonstrationen geht es jetzt anders ab. Das Bild von Berlin hat sich absolut verändert. Vor drei Jahren habe ich es mit der Angst bekommen. Ich wusste, ich muss mich jetzt hier positionieren. Darum habe ich auch ein Label gegründet. Jetzt kommen viele Leute hierher, die ganz andere, größere Strukturen haben: Medienfirmen und große Plattenfirmen, die sich hier reinpflanzen und dieses Biotop für sich ausnutzen. Das ist mir klargeworden, und ich habe gesagt: Ok, jetzt mache ich dasselbe. Ich bin Berlinerin, ich bin hier groß geworden, ich probiere, die Leute zusammenzuführen, die hier etwas bewegen. Hiermit fordere ich den Kultur- und den Wirtschaftssenator auf, uns billige Mieten zu geben. Die holen Major-Plattenfirmen wie Universal hierher, geben denen Millionen, und dann sagen sie uns, wir sollen unsere Clubs schließen. Wo soll die Musik denn dann gedeihen? Das funktioniert ja nur in Clubs.

Das Gespräch führten Susanne Lenz und Tilman Baumgärtel.