Die Massenmedien werden bei der Berichterstattung aus Jugoslawien behindert. Doch auf Websites und Mailinglisten finden sich ungefilterte Augenzeugenberichte aus dem Land
Von Tilman Baumgärtel
Ivanka Besevic ist mit ihren 74 Jahren seit mehr als zehn Jahren im Ruhestand. Doch neuerdings veröffentlicht die ehemalige Journalistin wieder täglich Artikel - nicht in der Zeitung, sondern im WorldWideWeb. Ihre Berichte aus Belgrad schickt die Serbin jeden Tag per Email an ihre Tochter, die in den USA lebt, und die Berichte ihrer Mutter auf einer eigenen Website im Internet veröffentlicht. Mutter und Tochter wollen diese Berichte so lange unter der Netzadresse http://www.keepfaith.com/ veröffentlichen, wie Jugoslawien bombardiert wird. "Wir können nicht verstehen, was hier vorgeht", schrieb die alte Damen am Ostersonntag an ihre Tochter. "Mir kommt das alles wie ein böser Traum vor. Ein Land, dessen Demokratie und Toleranz wir verehrten haben, ist nun zu einem Schlächter geworden, der uns umbringen will."
Ivanka Besevic ist nur eine von vielen Netznutzern, die seit Beginn des NATO-Angriffs auf Ex-Jugoslawien aus dem bombardierten Land berichtet. In Jugoslawien ist jeder Mensch mit einem Computer und einem Modem zum potentiellen Kriegsberichterstatter geworden. Das ist zum Beispiel Bruder Sava Janjic, ein serbisch-orthodoxe Mönch, der durch die NATO-Bomben vom einen auf den anderen Tag Kriegsreporter wurde. Denn das mehr als 600 Jahre alte Kloster, in dem Bruder Sava lebt, liegt im Kosovo, nicht weit von der albanischen Grenze. Von dem Bergkloster Decani aus verbreitet der Mönch Augenzeugenberichte aus der Region via Internet in der ganzen Welt. Schon am Tag nach dem Beginn der NATO-Angriffe schrieb Bruder Sava, daß „trotz der offiziellen Versprechungen, daß die Angriffe sich nur gegen militärische Ziele richten würden, schon verschiedene zivile Gegenden angegriffen wurden.“ Seine Meldungen aus dem Kosovo werden auf einer eigenen Website und über eine Mailingliste in der ganzen Welt verbreitet.
Seit die jugoslawische Regierung alle Journalisten aus NATO-Staaten des Landes verwiesen und die einzige Fernseh-Satellitenverbindung unterbrochen hat, ist das Internet die letzte direkte mediale Verbindung in das Land. Auch die wenigen Medien in Jugoslawien, die vor dem Beginn der Angriffe als objektiv und vertrauenswürdig gelten konnten, wurden von der Belgrader Führung rechtzeitig zum NATO-Angriff mundtot gemacht. Der unabhängige Belgrader Sender B92, der bereits in der Vergangenheit immer wieder von der Regierung schikaniert und 1996 bereits einmal verboten worden ist, wurde am Tag vor der ersten Bombardierung geschlossen.
Gegen den freien Fluß der Informationen im Internet konnte die Belgrader Führung - anders als bei den Massenmedien Fernsehen und Radio - bisher allerdings wenig tun. In den letzten drei Wochen sind auf der ganze Welt Websites entstanden, die Berichte und Informationen aus dem Krisengebiet sammeln. Nicht nur Bruder Salva Janjic und Ivanka Besevic, sondern viele andere Jugoslawen aller „Ethnien“ beschreiben im Netz, wie der Krieg aus der Perspektive der Bombardierten aussieht.
Im Internet entsteht durch die Augenzeugenberichte auf Mailinglisten, Websites, in Newsgroups und per persönlicher Email ein anschauliches Bild vom Leben unter ständigem Bombardement. Vor allem aus dem Städten, aber auch aus dem umkämpften Kosovo, kommen die Augenzeugenberichte per Computer und Modem. Im Fernsehen verschwindet der Krieg hinter abstrakten Begriffen wie „Angriffswelle“, „Strategie der Nadelstiche“ oder „NATO-Offensive“. Aber wenn die NATO „Handlungsfähigkeit beweist“, indem sie „den militärischen Druck verstärkt“, heißt das für Jugoslawen im Klartext, daß vielleicht morgen ihr Haus nicht mehr steht. Mailinglisten wie „Syndicate“ oder „Kosovo-Reports“ (http://www.egroups.com/list/kossovo-reports) quellen derzeit über vor lauter Echtzeit-Berichten von Amateurreportern aus dem Kriegsgebiet.
„Ich gehe nicht oft in den Luftschutzkeller“, schreibt ein Serbe aus Belgrad. „Meine Freunde machen das, aber im Untergrund festzustecken und von allen Kommunikationsmitteln abgeschnitten zu sein, macht mir mehr Angst, als im 9. Stock zu sein, vom Balkon den Bombeneinschlägen zuzusehen und im Fernsehen die Berichterstattung zu verfolgen.“ In einer anderen Email aus Novi Sad heißt es: „Wenn ich aus dem Luftschutzkeller nach Hause komme, schnappe ich mir nicht als erstes etwas zu Essen, sondern die Tastatur von meinem Computer. So lange wir noch Strom haben, so lange das Telefon noch funktioniert, und mein Modem (das schon ganz schön alt ist) noch geht, werde ich weiter schreiben, um das hier festzuhalten.“ Die serbische Literaturprofessorin, die das aus Novi Sad berichtete, hat seit Anfang des Kosovokonflikts tägliche Berichte aus der jugoslawischen Stadt verschickt. Ihre letzte Nachricht wurde am 10. April im Internet veröffentlicht, und ihre Leser können nur spekulieren: ist sie von einer Bombe getroffen worden? Mußte sie aus der Stadt fliehen? Oder ist bloß ihr Computer kaputt?
Auch über die erste Bombarierung von Pristina oder die Zerstörung der historischen Brücke von Novi Sad war oft schon nach Minuten im Internet zu lesen, während diese Neuigkeiten erst Stunden später im Fernsehen und Radio aufgegriffen wurden. Inzwischen spricht viel dafür, daß der NATO-Einsatz gegen Jugoslawien als der erste Internet-Krieg in die Geschichte eingehen wird. Der Vietnamkrieg war der erste Krieg, bei dem das Fernsehen eine kriegsentscheidende Rolle spielte. Beim Golfkrieg wurden die TV-Berichterstatter darum so sparsam mit Informationen versorgt, daß das Fernsehen ausschließlich als Verlautbarungsinstrument des amerikanischen Gerneralstabs diente; von Medienkritikern wurde die „Operation Desert Storm“ als „Videospiel-Krieg“ verhöhnt.
Beim Konflikt um den Kosovo unterwandert nun das Internet die offiziellen Nachrichtensperre. Zwar hat das „Netz der Netze“ bei allen großen Konflikten der 90er Jahre ein Rolle gespielt - vom Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens über den Golfkrieg bis zur Belagerung von Sarajevo. Obwohl gerade Länder, in denen Krieg herrscht, oft nicht zu denen gehören, die über gute Internet-Anbindung verfügen, waren es oft Universitätsstudenten, die über das akademische Comptuernetz Kontakt zum Rest der Welt herstellen konnten. Informationen aus von der Welt abgeschnittenen Städten und Gegenden gelangten über das Internet ins internationale Bewußtsein.
Doch noch nie hat das Netz es so vielen Betroffenen erlaubt, ihre eigenen Beobachtungen und Berichte einer internationalen Öffentlichkeit zugänglich zu machen - freilich nicht immer mit aufklärerischer Wirkung. Da es im Internet keine Form der redaktionellen Prüfung und Bearbeitung gibt, kann hier jeder, auch die schlimmsten serbischen Nationalisten, seine private Wahrnehmung der Lage in Jugoslawien verbreiten. Da im Netz die journalistischen „gatekeeper“ fehlen, kann auf serbischen und albanischen Websites unwidersprochen die haarsträubendste Greuelpropaganda verbreitet werden. Der Gemeinplatz, daß das erste Opfer eines Kriegs immer die Wahrheit sei, wird hier eindrucksvoll illustriert.
Gerade viele der direkten Mitteilungen aus Belgrad wirken für westliche Leser selbstmitleidsgetränkt. Oft wird mit keinem Wort auf die Situation der Flüchtlinge aus dem Kosovo eingegangen und nur das eigene Schicksal beklagt. Viele Belgrader scheinen von den ethnischen Säuberungen im Kosovo entweder nichts zu wissen oder es nicht wissen zu wollen; die wenigen, die in Jugoslawien noch internationale Fernsehsender wie CNN empfangen können, scheinen den Berichten über die Fluchtwelle aus dem Kosovo nicht zu glauben. Das macht einige dieser Emails schwer zu ertragen. Aber dennoch sind sie direkte Mitteilungen aus einem bombardierten Land, in dem viele das Vertrauen in alle anderen Massenmedien verloren haben.
Die widersprüchlichen, von Standpunkt des Autoren gefärbten Informationen, die über das Internet in die Welt gelangen, überlassen es dem Leser, sich seine eigene Wahrheit aus dem Datenstrom zusammenzusuchen. Was ist zum Beispiel mit den serbischen Hacker, die angeblich die Website der NATO lahmgelegt haben? Wahrheit oder Internet-Legende? Die Behauptung, daß alle jugoslawischen Universitäten auf Regierungsanordnung vom Netz abgehängt wurden? Tatsache oder Gerücht aus dem Netz? Viele Serben sind übrigens davon überzeugt, daß die internationale Friedenstruppe in Mazedonien den Kosovo besetzten wird, sobald die NATO-Luftangriffe vorbei sind. Auch dieses Gerücht geistert durchs Internet, genauso die Mär von den CIA-Agenten, die angeblich die Kosovo Liberation Army vor dem NATO-Angriff mit Waffen unterstützten hat.
Wenn es bei einem Krieg heute vor allem darauf ankommen sollte, die Medien unter Kontrolle zu bekommen, dann hat das Internet diese Aufgabe ein gutes Stück schwieriger gemacht. In Jugoslawien kann es freilich mit dem Informationsfluß im Netz freilich jederzeit vorbei sein: Telekommunikationsexperten schätzen, daß man das Land mit drei gezielt plazierten Bomben komplett vom Internet abschneiden könnte. Zu den NATO-Zielen dürfte auch die Telekommunikations-Zentrale in Belgrad zählen. Wenn die getroffen werden sollte, würde dadurch wohl der gesamte jugoslawischen Telefon-Verkehr lahmgelegt.