Viel Monolog, wenig Kommunikation Die Kunst spricht, der Besucher hört zu: Die Ausstellung „TALK. Show“ im Wuppertaler Van-der-Heydt-Museum zeigt vor allem die Kunst des Monologs, nicht die „Kunst der Kommunikation“ Von Tilman Baumgärtel Bei dieser Ausstellung quatschen einen sogar die Tische zu: Die Arbeit „To touch“ (1996) von der Engländerin Janet Cardiff besteht aus einem rohen, mit Ölfarbe verschmierten Holztisch, der auf Berührung anfängt, mysteriöse Storyfragmente von sich zu geben - ‘s steckt ein Schnack in allen Dingen. Die Ausstellung „TALK.
Show“, die zur Zeit im Wuppertaler Van-der-Heydt-Museum zu sehen ist, beschäftigt sich mit der Reflektion von Massen- und Telekommunikationsmedien in der Kunst. Und dafür haben die beteiligten Künstler einen kleinen, postindustriellen Maschinenpark aufgefahren. Doch obwohl die Ausstellung im Untertitel verspricht, die „Kunst der Kommunikation“ zu zeigen, fehlt bei ihr gerade die Art von Kunst, die es sich in besonderem Maße zur Aufgabe gemacht hat, mit Kommunikationsprozessen zu arbeiten: die Netzkunst. Das Internet ist in diesem Teil des Kunstbetriebs offenbar schlichtweg noch nicht angekommen. Nicht als Publikationsmedium oder Kommunikationsinstrument - und schon gar nicht als Plattform für künstlerische Experimente. Entsprechend eingleisig kommuniziert auch die Kunst, die in Wuppertal zu sehen ist: Statt eines Dialog gibt es fast nur Monologe zu hören - die Kunst spricht, der Besucher hört zu. Bei den meisten anderen Arbeiten, die bei „TALK.
Show“ zu sehen sind, handelt es sich um Galerien- und Kunstbetriebskunst. Man hätte den beiden Kuratoren Susanne Meyer-Büser und Bernhart Schwenk etwas mehr Neugier gewünscht, um einmal abseits der üblichen neokonzeptuellen Verdächtigen nach „Kunst der Kommunikation“ zu suchen. Nach wie vor scheinen aber die künstlerischen Experimente, die seit den 70er Jahren mit jedem nur erdenklichen Telekommunikationsmedium unternommmen worden sind, im traditionellen Kunstbetrieb unbekannt zu sein. Auch der - eigentlich sehr durchdachte - Katalogtext von Bernhardt Schwenk finden sich zwar eine Reihe von kunstgeschichtlichen Referenzen zur „Kunst der Kommunikation“, aber die künstlerischen Telekommunikationsprojekte der frühen Jahre - von der Mail Art über Nam June Paiks Videokonferenzschaltungen bis hin zu Douglas Davis oder Mobile Image - werden mit keinem Wort erwähnt. So mag es an dieser seltsamen Kontextlosigkeit liegen, daß etwa die Hälfte der Ausstellungsteilnehmer einschlägig bekannte Kunstbetriebsnudeln sind, deren Arbeiten man zum Teil nur mit sehr viel gutem Willen Kommunikationsfreude unterstellen mag: von Clegg & Guttmann, Christine Hill, Mike Kelly, Yana Milev, Thomas Locher, Tony Oursler, Richard Prince, Pipilotti Rist, Sam Taylor-Wood und Heimo Zobernig stammen bei „TALK.
Show“ nicht nur die schwächeren Beiträge, sondern auch durchgehend diejenigen Arbeiten, bei denen sich die „Kommunikation“ auf die One-to-many-Austrahlung von Statements beschränkt. Mal abgesehen davon sind einige dieser Arbeiten - wie Clegg & Guttmanns „Verité“ und Thomas Lochers „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ - schon sattsam bekannt. Ihre Hängeordnerästhetik hat inzwischen eine gewisse Patina angesetzt, wird aber an akademischer Staubigkeit von Heimo Zobernigs Beitrag zu „TALK.
Show“ sogar noch übertroffen: der Wiener Künstler hat in der Wuppertaler Innenstadt Großplakate aufgehängt, auf denen „Kunst“ und „Kommunikation“ steht (Site-specific! Intervention in den öffentlichen Raum! Künstlerischer Kommentar zur Institution Ausstellung!), bei denen sogar die Typographie noch als kritisches Statement zur klassische Moderne zu verstehen ist. Nun gut... Doch trotz aller Kritik: „TALK.
Show“ ist eine interessante und ungewöhnlich Ausstellung, die einiges wagt, was im Museum normalerweise nicht auf der Tagesordnung steht. Schon beim Betreten der Ausstellungsräume wird man von Handygeklingel empfangen, als sei man in einem ICE-Großraumwagen. Das Video „Telephones“ von Christian Marclay, eine Found-Footage-Kompilation aus Filmszenen mit Telefonierenden, verfolgt den Besucher mit seinem Gebimmel durch das ganze Van-der-Heydt-Museum. Auch die simple, aber effektive Arbeit von Rirkrit Tiravanija durchschallt das Museum: der Kochkünstler hat im ganzen Museum Leseecken mit Telefonen aufgestellt, durch die man sich unbekannterweise miteinander in Verbindung setzten kann wie mit den Tischtelefonen beim „Ball Paradox“. Auch wenn die Arbeit bei einem Besuch an einem normalen Wochentag mangels Publikum nur von den Museumswärterinnen benutzt wurde, verleihen die beiden Beiträge der Ausstellung eine ungewöhnliche Weltzugewandheit. Ganz schön gewagt auch „1999 - Wie entgehen wir der Sinnflut?“ von dem Künstlerduo „M+M“, deren Installation vor Ort im Museum nur aus einer Reihe von acht knall-blauen Anrufbeantwortern besteht. Nur wer von außen anruft, bekommt von acht welthistorischen Marias (Marie Curie, Maria Callas, Rainer Maria Rilke etc) Antwort auf die Frage, die die Installation stellt. Es ist ein Verdienst von „TALK.
Show“, das es auch die Produktion von Arbeiten wie dieser, aber auch schöne Installationen von dem Berliner Wortkünstler Adib Fricke oder den künstlerischen Katalogbeitrag von Eran Scharf möglich gemacht hat. „TALK.
Show“ ist daher zwar keine durchweg gelungene, aber trotzdem sehenswerte Ausstellung. TALK. Show - Die Kunst der Kommunikation, Van-der-Heydt-Museum, Wuppertal, bis zum 24. Mai 1999, vom 8. Oktober 1999 bis 9. Januar 2000 im Haus der Kunst, München Katalog: 38 Mark Die Kunst der Kommunikation