Verbraucherschützer warnen vor Online-Banking

Von Tilman Baumgärtel

„Internet-Banking ist unsicherer und umständlicher als nötig und hält nur selten, was es verspricht. Offenbar haben Rationalisierungseffekte und vermeintliche Wettbewerbsvorteile Vorrang vor der Orientierung an den Kundenbedürfnissen nach Information und nach Sicherheit.“

Es ist kein positives Fazit, das Anne Lore Köhne, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände (AgV) (www.agv.de) in Bonn, aus zwei Untersuchungen über Online-Banking zieht. Die Verbraucherschützer haben eine Studie in Auftrag gegeben, für die 23 Banken untersucht wurden, die den Vertriebsweg Internet benutzen. Ein Rechtsgutachten ergänzt die Untersuchung. Das abschließende Urteil: „Die Möglichkeiten des Internet-Banking werden weithin überschätzt, der organisatorische Aufwand wird falsch eingeschätzt und vor allem werden die Folgen für das Kunde-Bank-Verhältnis unterschätzt.“

Für die Verbraucherschützer ist Online-Banking „in erster Linie Rationalisierungsinstrument, das Kosten verringern hilft, indem immer Tätigkeiten auf den Kunden abgewälzt werden.“ Gerade Kunden mit geringer Bildung würden dabei durch das Online-Banking regelrecht überfordert.

Die Ergebnisse der Studie stehen in krassem Gegensatz zu der heiteren Welt fröhlicher Kunden in der Werbung, die ihre Bankgeschäfte per Laptop bei Kaffee und Kuchen am Wohnzimmer-Tisch oder per Handy in malerischer Landschaft erledigen.

Bei der Untersuchung erhielten die meisten Direktbanken schlechte Noten in punkto Service und Nutzerfreundlichkeit: „Der Vertragsabschluß ist bei fast allen Banken kompliziert, langwierig, unübersichtlich und für den Kunden intransparent. Die Kontofreischaltung erfordert 2 bis 6 Wochen“, urteilen die Verbraucherverbände. Keine Rede also vom schnellen Bankgeschäft im Internet „mit wenigen Mouse-Clicks“.

Auch die Beratung der Kunden läßt bei den meisten Online-Banken zu wünschen übrig: „Die Mitarbeiter waren in den meisten Fällen nicht qualifiziert, weitergehende inhaltliche Fragen zu beantworten. Teilweise antworteten ohnehin nur freundliche Telefonvermittler“, fanden die Verbraucherschützer bei ihrer Untersuchung heraus.

Das Angebot der Direktbanken war für die AgV ebenfalls ungenügen: „Die Produktpalette im Internet-Banking ist deutlich eingeschränkt. Verbraucherkredite gehören häufig nicht zum Angebot, obwohl sie ausdrücklich beworben werden. Auch bei der Geldanlage stellen viele Institute nur eine begrenzte Auswahl von Produkten zur Verfügung. Wertpapierorders sind bei Anbietern wie Advance Bank und Allgemeine Deutsche Direktbank nur telefonisch möglich, bei der Quelle-Bank sogar nur schriftlich. Damit besteht beim Online-Banking unter Umständen sogar ein Mehraufwand und ein Zeitnachteil gegenüber dem Filial-Banking.“

Doch nicht nur mangelnder Service wird den deutschen Online-Banken vorgeworfen. In einer juristischen Untersuchung kommen die deutschen Verbraucherschützer zu dem Schluß, daß die juristische Lage beim Online-Banking unklar ist: Die Fernabsatzurichtline der EU, die zur Zeit als Entwurf vorliegt, sei hoffnungslos antiquiert: „Wie unzureichend der bislang vorgelegte Entwurf ist, zeigt sich schon daran, daß er nicht einmal den Begriff ‘Online-Banking’ kennt, dafür aber so unvergleichbare Vertriebskanäle wie Telefon-Banking und Internet-Banking über einen Kamm schert“, kommentiert AgV-Geschäftsführerin Köhne.

Besonders kritisch sieht man bei den Verbraucherverbänden die „digitale Signatur“, die nach dem EU-Entwurf in Zukunft die eigenhändige Unterschrift ersetzen soll: „Wird die Unterschrift durch ein elektronisches Pendant ersetzt, ist künftig per Mausklick auch ein Kreditengagement möglich, das in eine lebenslange Überschuldung mündet“, warnt Professor Udo Reifner, der das juristische Gutachten für die Verbraucherschützer erstellt hat.

Besonders problematisch findet Anne-Lore Köhne, daß bei einem Online-Vertrag das nationale Recht des Herkunftslandes des Anbieters und nicht das Recht des Wohnsitzes des Verbrauchers gelten. So bestünde die Gefahr, daß Online-Anbieter sich bevorzugt in Ländern mit niedrigen Schutzstandards niederlassen.

„Dadurch entsteht Druck auf Staaten mit einem besseren Verbraucherschutzniveau, ihre Regelungen aufzuweichen. Die Bundesregierung muß sich in Brüssel dafür einsetzen, daß diese fatale Entwicklung verhindert wird“, verlangt die AgV-Geschäftsführerin, denn sie fürchtet: „Beim elektronischen Handel droht uns uns eine Abwärtspirale in Sachen Verbraucherschutz.“

Alle Ergebnisse der Studie unter:

http://www.agv.de/neues/kurzbankinternet.htm

Getestet wurden: 1822 direkt, Advance Bank, Allgemeine Deutsche Direktbank, Bank 24, Bank GiroTel, Comdirekt Bank. Direkt Anlage Bank Deutsche Postbank und Quelle-Bank.