Reader und CD-Rom „New Media Culture in Europe“ ist erschienen
Von Tilman Baumgärtel
Die unabhängige Medienszene Europas beginnt sich zu formieren: schon seit einiger Zeit auf Konferenz mit geheimnisvollen Namen wie „From Practise to Policy“ oder „Cultural Competence“, nun auch in Buchform. „New Media Culture in Europe“ heißt ein Reader, den die „Virtual Agenda“, eine Gruppe Amsterdamer Medienaktivisten, zusammengestellt hat.
Zweck dieser hektischen Aktivitäten ist es, auf das seit mehr als einem halben Jahrzehnt existierende Netzwerk von Medien-Gruppen aufmerksam zu machen, die zum größten Teil selbstorganisiert und ohne nennenswerte öffentliche Förderung an einem Netzwerk stricken, das Ost- und Westeuropa miteinander verbindet und bei Konferenzen, Workshops und Ausstellungen zusammenbringt. „The Lounge has sought to include organisations that use electronic networks to further culturally productive missions around the intersection of art, culture and politics“, heißt es in „New Media Culture in Europe“.
Nicht zuletzt um die Beamten der Europäische Union auf sich aufmerksam zu machen und an die in Brüssel vermuteten Fleischtöpfe Ägyptens zu kommen, wird daher nun fleißig Lobby-Arbeit geleistet (sogar der Buchpreis ist schon in Euro angegeben) und recht staatstragend die Bedeutung der Medien- und Netzkultur für die europäische Kultur erläutert: „If Leonardo were alive today, he would be a graphic designer“, steht gleich auf Seite 5 der Anthologie. Wahrscheinlich würde er außerdem in Holland wohnen, Bücher wie „New Media Culture in Europa“ gestalten, und hätte eine Email-Adresse bei „XS4ALL“ und einen Lehrauftrag an der Rjiksakademie. Guter, alter Leonardo!
Die folgenden Seiten zieren verschiedene, digitale Versionen der europäischen Landkarte, damit gar kein Zweifel daran aufkommt, daß die Neue-Medien-Leonardos allesamt gute Europäerer sind. In den anschließenden Texten wird dann etwas arg gebetsmühlenhaft auf die wirtschaftliche Bedeutung der unabhängigen Medienkultur in Europa hingewiesen: „It is in the nature of art and design that it creates demand through innovation. Innovation involves time and opportunity for trial and error“, liest man da, oder, noch deutlicher: „Europe’s egde-based media culture can be interesting to business - as a source of wayward thinking, strange work practices, and all-round interesting stuff.“ Mal abgesehen davon, daß es zweifelhaft erscheint, ob die europäische Multimedia-Industrie wirklich auf diese Medien-Subkultur angeweisen ist - ist es wirklich das Beste an dieser ganzen Szene, das sie als potentielle Inspiration für europäische Medienunternehmen dienen könnte?
Eine Website (www.medialounge.net) mit allem, was im Internet gut und mit langen Download-Zeiten behaftet ist (Flash und Qucktime), ergänzt das Angebot; für normale Computeruser ohne T-1-Standleitung ist die Site dem Buch als CD-Rom beigelegt. Hier ist in einer Datenbank alles zusammengefasst, was es an unabhängiger Medienkultur in Europa gibt: von Großveranstaltungen wie der ars electronica bis zu Künstlerduos wie Station Rose oder auch dieses Magazin.
Als Gimmick haben die Macher die Daten auf der CD-Rom so programmiert, daß man seine eigene Privatstatistiken nach verschiedenen, etwas merkwürdigen Themen zusammenstellen kann. So erscheint Portugal auf einer Europa-Karte plötzlich als ein Zentrum der technikfeindlichen Ludditen - und das, obwohl nur zwei Adressen aus diesem ganzen Land in der Datenbank sind. Auch zwischen den verschieden Gruppen und Initiativen kann man sich die Beziehungen graphisch anzeigen lassen: Welche Gruppe kennt welche andere? Welche steht mit welcher anderen „im Dialog“? Und welche arbeitet mit welcher zusammen?
Begonnen worden war diese CD-Rom übrigens als Dokumentation des „Hybrid Workspaces“ bei der documenta x in Kassel. Darum gibt es auf der CD-Rom auch diverses Material aus dem Medienstudio der letzten documenta, in dem sich viele der hier vorgestellten Gruppen vorgestellt oder getroffen haben. Und ein Bild von Christoph Schlingensief in NATO-Tarnanzug vor einer alten DDR-Fahne...
New Media Culture in Europe, published by Uitgeverij de Balie and the Virtual Platform, Editors: Frank Boyd, Chaty Brickwood, Andreas Broeckmann, Lisa Haskel, Eric Klutenberg, Marleen Stikker, Amsterdam 1999, 18 Euro, Bezug: uitgever@balie.nl, Website: www.medialounge.net
New Media Culture in Europe