Die Künstlerin Lynn Hershman-Leeson hat einen Film über Ada Lovelace, die "Mutter aller Programmierer", gedreht. Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet die Amerikanerin mit Neuen Medien - jetzt auch mit dem Internet. Ein Portrait
Von Tilman Baumgärtel
In einer Vitrine im Berliner Kulturhaus Podewil http://www.bkv.org/podewil/index.html ist zur Zeit ein grausiger Puppenkopf namens "Tillie" zu sehen. Mit toten Augen sieht Tillie ihre Betrachter an, manchmal dreht sie sich unvermittelt nach rechts oder links.
Doch nicht nur die Besucher des Medienfestivals Transmediale http://www.transmediale.de , bei der Tillie zur Zeit zu sehen ist, können sich dem Puppenschädel nähern. Auch im Internet ist die Puppe zu finden: Auf der Homepage der amerikanischen Künstlerin Lynn Hershman-Leeson http://www.lynnhershman.com , der Schöpferin der Internet-Installation "Tillie", kann man durch die Augen des Puppenschädels sehen - denn in den Augenhöhlen von Tillie stecken zwei Webcams: "Werdet Tillies Augen", steht auf der Seite, darunter sind zwei Buttons, mit denen man ihren Kopf bewegen kann. Ich, das ist für Lynn Hershman http://www.netdreams.com/registry/hershman/index.html eine Andere.
Identität und Körper - Lynn Hershman, die heute Professorin an der University of California in Davis ist, hat sich an diesen Themen bereits abgearbeitet, als sie noch nicht zu modischen Gemeinplätzen der Kunstbetriebskunst avanciert waren. Schon in den 70er Jahren trat sie zeitweise als Roberta Breitmore auf. Unter dem Namen ihres Alter Egos gab sie Kontaktanzeigen auf und erschien zum ersten Date bei den Männer, die auf ihre Anzeigen geantwortetet hatten, als Roberta verkleidet. Die Gespräche mit den männlichen Kontaktsuchenden schrieb sie auf und zeigte sie zusammen mit Fotos von den Treffen in Galerien.
Fotos aus dieser Zeit zeigen Hershman unerkennbar verkleidet unter diversen anderen Robertas. "Für mich ist Wahrheit nur innerhalb des Nicht-Authentischen möglich", sagt Hershman heute. Damals ging ihr Verwirrspiel mit Identität und Verstellung so weit, daß eine ihrer ersten großen Ausstellungen im Fine Art Museum in San Francisco 1978 den Titel trug: "Roberta Breitmore is not Lynn Hershman, Lynn Hershman is not Roberta Breitmore" - quasi als nachträgliche Richtungstellung. Zur gleichen Zeit stellte sie ihre Arbeiten in Hotelzimmern http://arakis.ucdavis.edu/hershman/bc/dante.html und in Warenhaus-Schaufenstern aus, und begann, mit Video zu experimentieren. Außerdem schrieb sie unter falschem Namen Zeitungsberichte über ihre eigenen Werke.
Bei ihrer Arbeit "Lorna" (1979 - 1983) war ein anderes Alter Ego Hershmans zu sehen: wieder eine junge Frau, die sich vor lauter Angst nicht mehr aus ihrer Wohnung traut und mit der Welt um sie herum nur noch über Fernseher und Telefon in Kontakt tritt. "Lorna" war mit dem damals brandneuen Medium LaserDisk realisiert worden und Hershman wohl die erste Künstlerin, die sich an diese neue Technologie wagte. Mit einer Fernbedienung konnten die Zuschauer Lorna unterschiedliche Abenteuer erleben lassen - ein Vorläufer der interaktiven Medieninstallationen der Gegenwart.
Wegen Arbeiten wie dieser wird Hershman heute gerne als "Medienkünstlerin" geführt. Zuletzt hat das Medienmuseum in Karlsruhe bei ihr eine große Installation in Auftrag gegeben, bei der Besucher aus dem Internet als "Avatare" durch das Museum geistern können. Auch Hershman selbst teilt ihr Werk heute in die Perioden B.C. (Before Computers) http://arakis.ucdavis.edu/hershman/bc/bc.html und A.D. (After Digital) http://arakis.ucdavis.edu/hershman/ad/ad.html ein.
Doch auch wenn sie mit Video und Film oder neuerdings mit dem Internet arbeitet, steht bei ihren Arbeiten nie das Medium als solches im Mittelpunkt, sondern immer die kritische Auseinandersetzung mit ihren künstlerischen Ausdruckmitteln und mit den Themen, die sie seit Beginn ihrer Künstlerkarriere begleiten: "Massenkommunikation ist für mich Maskenkommunikation", sagt Hershman. "Heute ist unser Immunsystem gegen Informationen geschwächt. Darum arbeite ich mit den Bildern der Massenmedien, weil ich wissen will, warum sie so mächtig sind."
Bei der Berlinale http://www.berlinale.de/ ist die 57jährige mit ihrem Essayfilm "Conceiving Ada" http://ted.net/ada/ vertreten. Der Film, der am Montagabend auf arte http://www.sdv.fr/arte/dtext/d1index.html gezeigt wird, erzählt die Lebensgeschichte der britischen Adeligen Ada Lovelace, die heute viele für "die Mutter aller Programmierer" halten.
Als Freundin und Mitarbeiterin des englischen Mathematikers Charles Babbage hat sie an der Entwicklung seiner "difference engine" mitgewirkt, einer mechanischen Rechenmaschine, die heute als Vorläufer des Computer gilt. Ada Lovelace sah bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts voraus, daß Babbages "Differenzmaschine" auch zum Komponieren von Musik oder zum Entwerfen von Mustern benutzt werden könnte. Computerhistoriker betrachten sie darum als die geistige Urheberin der Software.
Lynn Hershman erzählt die Geschichte Adas mit der Technologie als deren "Mutter" Ada Lovelace heute gilt: die Kulissen stammen aus dem Computer, die Darsteller (unter ihnen die "Cybergurus" John Perry Barlow, R.U. Sirius und der greise Timothy Leary, der wenige Tage nach den Dreharbeiten verstarb) wurden in die virtuellen "Datenräume" einkopiert. Hershman: "Ich fand es sehr wichtig, die Technik zu verwenden, deren Pionierin Ada war, weil sie eine neue Dimension geschaffen hat, in der ihre Geschichte erzählt werden konnte."
Weil ihr für solche technischen Tricks nur ein bescheidenes Budget zu Verfügung stand, benutzte die Regisseurin keine teuren Hochleistungsrechner und maßgeschneiderte Software, wie es bei großen Hollywood-Produktionen üblich ist. Sie verwendete handelsübliche Software wie Photoshop und Quicktime, um die digitalen Kulissen zu schaffen. Hershman: "Unser Kameramann hat gesagt, daß das Budget, das wir für den ganzen Film hatten, ungefähr so hoch war, wie die Telefonrechnung bei einer Hollywood-Studioproduktion. Aber wir mußten nur einmal mit der Mouse klicken, um die Kulissen zu wechseln, statt drei Tage lang das Atelier umzubauen."
Auch Ada ist für Hershman eine Art Alter Ego: "Als ich das erste Mal von Ada Lovelace hörte, wußte ich sofort, daß ich einen Film über sie machen wollte", sagt Hershman Leeson. "Diese Frau hat das gesamte 20. Jahrhundert beeinflußt. Ich fühle eine tiefe Verbundenheit mit ihr. Wie sie arbeite auch ich in der Isolation und mit neuen Technologien." Ich, das ist für Lynn Hershman immer noch eine Andere.
"Leidenschaftliche Berechnung" (Conceiving Ada) von Lynn Hershman läuft am Montagabend (22. Februar) um 22.30 Uhr auf arte