Netzkünstler im Media Lab des Künstlerhaus Bethanien
Von Tilman Baumgärtel
Zur Vorbereitung für diesen Beitrages habe ich nochmal eine Meldung hervorgeholt, den ich im letzten Jahr für das Online-Magazine "Telepolis" über das Media Lab des Künstlerhauses Bethanien geschrieben habe. "Die Abteilung ist so neu", hatte ich den Artikel damals begonnen, "daß selbst die Presseabteilung des Künstlerhauses Bethanien nicht so genau weiß, was da eigentlich gemacht wird."
Das war vor einem guten halben Jahr, im Mai 1997. Damals war das Medialab gerade von den ersten Stipendiaten bezogen worden: dem Berliner Künstler-Duo Future Perfect, die in ihren zwei Monaten im Bethanien an einer Online-Börse für Ideen arbeiteten. Das Medialab bestand zum diesem Zeitpunkt aus einem kleinen Atelierraum, zwei Macintosh-Computern und einer Standleitung zum Internet.
Diese Einrichtung und ein kleines Budget für Künstlerstipendien stammten von dem Berliner Sammler Erich Marx, der dem Künstlerhaus Bethanien einen Geldpreis von 15.000 Mark weitergereicht hatte, den er für seine Sammlertätigkeit erhalten hatte. Zusammen mit dem Berliner Netz-Projekt Internationale Stadt waren sechs Künstler ausgewählt worden, die mit dem Internet arbeiten. Im Gegensatz zu dem übrigen Atelierprogramm des Bethanien wurden die Netzkünstler, ein ohnehin zum Teil extrem mobile, reisefreudige Truppe, nur für zwei Monate nach Berlin eingeladen.
Was sie da in ihrem Atelier treiben, war nicht nur der Pressestelle des Bethanien zunächst unklar. Die Netzkünstler, die keine Gemälde, Skulpturen oder Installationen vorweisen können, wurden auch von ihren Kollegen im Bethanien etwas skeptisch betrachtet. Denn Netzkunst treibt eine Entwicklung der Kunst der Moderne weiter, die Lucy Lippard als die "Dematerialisierung des Kunstobjekts" beschrieben hat. Netzkünstler haben keine im "wirklichen Raum" oder "meat space" (im Gegensatz zum "Cyberspace") präsentierbaren Werke vorzuweisen. Netzkunst findet im Internet statt.
Ähnlich wie die Videokunst, die sich nur mit Videorekorder und Fernsehermonitor "materialisiert", ist auch Netzkunst nur mit Computer und Modem on-line zu besichtigen. Da diese immateriellen Werke nicht verkäuflich sind, sondern nach der Logik der "Geschenkökonomie" des Internet für jeden Netznutzer umsonst zur Verfügung stehen, sind Netzkünstler für ihren Lebensunterhalt auf Stipendien und "residencies" angewiesen, wie sie das Bethanien 1997 angeboten hat.
Alexei Shulgin, der von Oktober 1997 bis Februar 1998 Gast im Media Lab des Bethanien war, arbeitet sehr bewußt mit den genuinen Eigenschaften des Internet. Seine Netz-Arbeiten drehen sich "alle eher um Kommunikation als - wie bei traditionelleren Kunstformen - um Repräsentation", sagt der 35jährige Künstler aus Moskau. "Für sowas ist das Netz perfekt." Sein Netzprojekt "Form Art" spielt mit den Ritualen des "Betriebssystems Kunst": Mit einem Programmierer entwickelte er eine neue "Kunstrichtung" namens "Form Art". Die besteht allerdings lediglich aus "Radio Buttons", "Scroll Bars" und "Check Boxes", also aus bekannten, wenn auch schwierigen Befehlen für die Programmiersprache HTML, dem Code des Internet.
Im Netz schrieb er einen "Form Art"-Wettbewerb aus, und fast 20 Künstler aus ganz Europa und den USA reichte online Beiträge ein. Bei der ars electronica 1997 wurden zwei Geldpreise für die besten Arbeiten in der neuen erfundenen "Kunstrichtung" vergebenen. "Form Art" ist aber nicht nur eine ironische Kritik an den aufgeblasenen Wettbewerben, die bei Medienkunst-Festivals wie der Ars Electronica abgehalten werden, sondern auch eine künstlerische Reflexion über die technischen Dispostive des Internet. Und nebenbei sehen seine "Form Art"-Werke auch noch wie ganz reduzierte, abstrakte Kunst aus.
Anders als Shulgin interessiert sich Heath Bunting, der im Frühsommer 1997 im Bethanien war, vor allem für die Verbindung von dem "virtuellen Raum" des Internet mit dem wirklichen Raum, durch den er ununterbrochen reist. Der Brite, der angeblich seit September 1996 keine eigene Wohnung mehr hat, sondern permanent unterwegs ist, arbeitet bereits seit Anfang der 90er Jahre mit Computernetzwerken.
1994 veröffentlichte er in der Mailbox "Cybercafe" die Nummern aller Telefonzellen am Londoner "Kings Cross", und bat die anderen User, diese an einem Sommernachmittag anzurufen. Gegen sechs Uhr hatte sich an diesem Augusttag laut Bunting der ganze Platz mit einer "riesigen Techno-Crowd gefüllt, die zu dem Sound von klingelnden Telefonen tanzten". Auch als er eine Pseudo-Website des britischen Konzerns Glaxo mit Reklame für Tierversuche füllte, hatte das sehr reale Konsequenzen in der "wirklcihen Welt": Das Unternehmen drohte mit einem Verfahren, und veröffentlichte eine Pressemitteilung, in dem er sich von der Homepage distanzierte.
Doch Netzkunst beschränkt sich nicht nur auf die Herstellung von Web-Sites. Das globale Computernetzwerk Internet hat auch zu der Entstehung von sozialen Netzwerken beigetragen, die sich zum Teil ebenfalls weltweit ausbreiten. Ein Treffen einer derart global vernetzten Gruppe wurde im Spätsommer im Media Lab vorbereitet: die Erste Cyberfeministische Internationale, die sich im September 1997 im "Hybrid Workspace" bei der dcumenta X traf.
Eingeladen von einer Gruppe namens "Old Boys Network" (Cornelia Sollfrank, Julianne Pierce, Ellen Nonnenmacher, Susanne Ackers, Valentina Djordjevic) kamen 40 Frauen, die sich zu der internationalen Gruppe der Cyberfeministinnen zählten, nach Kassel, um dort eine Woche über die Bewegung, die keine sein will, zu diskutieren - mit Teilnehmerinen, die unter anderem aus Rußland, Australien, Neuseeland, den USA und Ex-Jugoslawien angereist waren.
Kollektive Projekte wie das "Old Boys Network" prägen die Netzkunst mehr als jede andere, künstlerische Avantgarde-Bewegung zuvor. Sie sind eine praktizierte Kritik des tradierten Bilds vom Künstler-als-Originalgenie. Gleichzeit bringen sie in den seltensten Fällen künstlerische Werke in einem traditionellen Sinne hervor. Gerade darum sind Orte wie das Media Lab des Bethanien als "Stützpunkte" der informellen Netzkunst-Infrastruktur so wichtig. Sie bieten eine Arbeitsgrundlage für die künstlerische Produktion von Homepages, aber auch von "sozialen Skulpturen" im Internet: von "Netz-Werken" wie von "Netzwerken".