CLUB DER TOTEN THEORETIKER

Von Tilman Baumgärtel

Eine polemische Bestandsaufnahme der deutschen "Medienwissenschaften" aus gegebendem Anlaß: der Reader "HyperKult" langweilt hypermäßig. (Oder war es kultmäßig?)

Am besten gebe ich es gleich am Anfang zu. Ich habe dieses Buch nicht gelesen. Nicht wirklich. Ich habe mich durch seine 520 Seiten geblättert. Ich habe fast jeden Aufsatz zu lesen angefangen. Ich habe spätestens ab der zweiten Seite angefangen, mich zu langweilen. Ich habe weitergeblättert. Ich habe auch im nächsten Aufsatz nichts gefunden, was meine Aufmerksamkeit verdient hätte. Ich habe weitergeblättert. Und so weiter. Und so fort.

Das Buch, von dem hier die Rede ist, hat einen Titel, den die Herausgeber wohl für trendy gehalten haben: "HyperKult", laut Untertitel enthaltend Beiträge zu "Geschichte, Theorie und Kontext digitaler Medien". Was an dem Buch "Hyper" ist, kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, was dieses Wort (?) bedeutet. "Kult" ist nichts daran. Das Ding ist eine medienwissenschaftliche Aufsatzsammlung, die so gut wie keinen Aufsatz enthält, der der Lektüre wert wäre. Was für so eine bibeldicke Schwarte dann doch etwas wenig ist.

"HyperKult" ist die definitive Zusammenstellung des super-akademischen, staubtrockenem, humorlosen Cyber-Geschwafels von vom Glauben abgefallenen Germanisten, Anglisten, Philosophen und Literaturwissenschaftler, die hierzulande den universitären Diskurs über Medien übernommen haben und mit Büchern wie diesen zur letzten Ruhe betten, bevor er auch nur Laufen gelernt hat. Buchkritik over.

Warum also über ein dickes, langweiliges Buch viele Worte verlieren? Es ist nicht dieses eine Buch. Es sind auch nicht die vielen andere Bücher aus dieser Abteilung, die in den letzten Jahren erschienen sind. Jedes einzelne von ihnen wäre verschmerzbar. Nicht des Lesens wert, weiter im Text. Es ist eigentlich noch nicht einmal ihr massenhaftes Auftreten.

Das Problem ist, daß diese Bücher, ihre Macher und das, was sie darstellen, in Deutschland (und nur in Deutschland) ein eigenes Forschungsgebiet, ja, ein eigenes Universitätsfach, geschaffen haben. Es nennt sich Medienwissenschaften, Kulturwissenschaften gar und führt nun schon so manches Jahr die Studenten quer und krumm in großen Bogen an der Nase herum. (????

Orginalzitat)

Was an Büchern wie "Hyperkult", den ganzen anderen Wälzern aus diesem Bereich, und der Leute, die für sie verantwortlich sind, langsam zu nerven beginnt, ist dies: Sie haben alle zusammen dafür gesorgt, daß ein Uni-Fach, daß unter dem Namen "media studies" in der ganzen Welt zu recht bekannt und beliebt ist, an deutschen Unis zu einem Freigehege für unausgegorenes, technophiles Geschwafel geworden ist. Was im Dunstkreis der Uni-Professoren, die auch "Hyperkult" mit ihren Werken oder denen ihrer Eleven bestücken, so zusammensalbadert wird, erinnert oft an die solipsistische Begeisterung einer Gruppe jugendlicher Carrera-Bahnfans bei der ersten Runde auf der neu angelegten Piste.

Was in Deutschland zu diesem Thema verbreitet wird, würde in den Literaturwissenschaft (aus dem die meisten der Protagonisten dieser akademischen Subkultur stammen und aus der sie auch ihr Vokabular entliehen haben) zu recht als Wischiwaschi abgebügelt. Jetzt wird auch hierzulande von Geisteswissenschaftlern das Internet entdeckt, obwohl die meisten ernstzunehmenden akademischen Universitäten schon seit fünf, zehn Jahren einen Online-Zugang haben. Und das Gesabber goes on. And on. And on. And online.

Wie konnte das passieren? Wie konnte das vergnügte Forschen über die Medien, die wie fast nichts anderes mehr unser tägliches Leben prägen und veränderen, zu so einem Beinhaus des akademischen Herumeierns geworden ist, wie es die deutschen Medienwissenschaften inzwischen sind?

Ich will im folgenden kurz meine Wahrnehmung eines Phänomens beschreiben, das ein international einzigartiger Ausnahmezustand im Bereich der akademischen Beschäftigung mit den "neuen Medien" ist. Dieser Ausnahmezustand ist das Resultat einer sehr prekären Mischung aus dem faschistischen Kulturerbe Deutschlands, dessen Kritik von seinen gnadenlosesten Analytikern, der Frankfurter Schule, der Einführung des Privatfernsehens in Deutschland, und der Hochschul- und Standortpolitik der Bundesländer der letzten zehn Jahre. Das ist die Arbeitshypothese dieses Textes. Tut mir leid, wenn das etwas verwirrend ist. Ich will im folgenden zeigen, was diese scheinbar so unzusammenhängenden Dinge miteinander zu tun haben.

Das folgende ist aus der Perspektive eines "teilnehmenden Beobachters" geschrieben. Ich bin zu jung, um an den Entwicklungen, die ich im folgenden beschreiben werde, anders denn als Leser teilgenommen zu haben, aber meine Arbeit als Journalist ist durch sie stärker geprägt,a ls ich selbst mir das wahrscheinlich eingestehen will. Vielleicht fällt das Urteil über die deutschen Medien, wie sie sich in der letzten Zeit wie von Geisterhand an verschiedenen Universitäten etabliert haben, darum auch besonders hart aus: Weil ich das Gefühl habe,daß eine gewisse Haltung, mit der als Lebensgefühl ich aufgewachsen bin, von den Vertretern der deutschen Medienwissenschaften, die heute den Status Quo definieren, zu einem unendlich akademischen, öden Geschäft gemacht worden ist, das jedes Aufblitzen von Intelligenz, von Spontaneität und von Fun schlichtweg unmöglich macht.

"Fun" - das ist vielleicht ein gutes Stichwort, um mit der Saga vom Niedergang der Medienwissenschaften in Deutschland anzufangen. Denn "fun" (ein in einem deutschen, geisteswissenschaftlichen Text eigentlich ein verbotenes Wort) stand im gewissen Sinne am Anfang der Entwicklung, die ich beschreiben will - und das nicht in einem positiven Sinne.

"Fun ist ein Stahlbad", lautet ein berühmter Satz von Adorno. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, diesen Satz in seinen ihm gebührenden Kontext zu rücken. Es muß an dieser Stelle genügen zu sagen, daß Adorno und die Frankfurter Schule, die er wie kein anderer in den deutschen Geisteswissenschaften vertritt, den Status Quo der deutschen Medienwissenschaften definierten.

Freilich: "Medienwissenschaften" gab es in den fünfziger, sechziger Jahren an deutschen Universitäten noch gar nicht. Und das hatte einen Grund, den Adorno zusammen mit Max Horkheimer in der "Dialektik der Aufklärung" in einer nach wie vor brillianten Analyse formuliert hatte: die Massenmedien hatten während des deutschen Faschimus genauso eine unheilvolle Rolle gespielt wie später bei der Verbreitung des american-way-of-life, zuerst in den USA, dann in der ganzen Welt. Der deutsche Volksempfänger, die Propaganda-Filem der UFA waren genauso wie die amerikanischen Hollywood-Filme...

...naja, sagen wir's doch: ein Mittel der Volksverdummung im Sinne des jeweiligen Systems. Natürlich, liebe Adorno-Exegeten, exakt so hat es der große Meister nie gesagt.

Aber so ist es bei bei den Massen irgendwie angekommen. Ich jedenfalls bin in meiner Schulzeit in den 70er, frühen 80er Jahren mit einem Lehrplan gewordenen Gedankengut aus der Frankfurter Schule aufgewachsen, das über die Generation der Achtundsechziger in die deutschen Gymnasien geschwappt war. Wir hatten nicht die Freiheit, über Massenmedien nachzudenken, wie uns der Kopf gewachsen war. Wir mußten "kritisch analysieren", "hinterfragen", "analysieren": wahlweise die Titelseiten von deutschen Tageszeitungen, die Superhelden in Marvel-Comics, von trashigen Fernsehserien wie "Holocaust", oder auch die "Sprache der Werbung" (Semiotik stand nämlich als Erbe der Sixties auch in einer verwässerten Form auf dem Lehrplan nordrhein-westfälischer Gymnasien).

Der Grund, warum man sich als junger Mensch vor zehn, fünfzehn Jahren mal angefangen hat, für Medientheorie zu interessieren, war einfach: Medientheorie war damals noch eine fröhliche Wissenschaft, die in kleinen, schlecht gedruckten Büchern aus dem Merve-Verlag und in selbst-publizierten Magazinen stattfand. Die deutsche Universität hatte sich des Themas noch nicht angenommen, und man konnte sich als Medienwissenschaftler fast wie ein kleiner Revolutionäre fühlen.

Oder, warum es nicht sagen? Medienwissenschaften WAREN damals in der deutschen Uni-Szene revolutionär. Nicht, weil sie das oberste zu unterst gekehrt hätten, was in der deutschen Universitätslandschaft sowieso unmöglich wäre. Sondern weil sie ein Membran waren, durch das helle, interessante Literaturwissenschaftler aufsteigen konnten, die sonst für immer in den akademischen Mittelbau verdammt gewesen wären. Doch halt: Warum Literaturwissenschaftler? Wir reden doch hier über die Medienwissenschaft, oder?

Wer in den 80er Jahren in den deutschen Geisteswissenschaften irgendetwas werden wollte, sah sich mit einem Lehrkörper konfrontiert, der

Gleichzeitig änderte sich die Struktur der universitäre Angebote in den Geisteswissenschaften: "Nutzlose" Fächer wie Literaturwissenschaften oder Theater- und Filmwissenschaften stehen an vielen deutschen Unis auf der Abschußliste, oder wurden schon eliminiert.

Die Kulturwissenschaften kommen der deutschen Neigung zum theoretischen Gesamtkunstwerk entgegen, und Medienwissenschaften betrachten viele Bildungspolitiker als eine Art Standortpolitik. In Nordrhein-Westfalen ist vorexerziert worden, wie eine wirtschaftliche Strukturförderung, die eng verzahnt mit Bildungspolitik ist, langfristig auch wirtschaftliche Resultate zeitigt. In NRW wurde

Der Impuls dazu kam aus dem Frankreich der späten "Meisterdenker", zu denen zeitweise auch Jean Baudrillard und Paul Virillio gezählt wurden. Das war Anfang der 80er Jahre, und damals eine aufregende Sache. Einerseits waren traditionelle Formen linker Opposition in eine Sackgasse geraten, andererseits die stereotype Wahrnehmung der Massenmedien als

Welche "neuen Medien" eigentlich? Mit dieser harmlosen Frage geht es eigentlich schon los. Seit gut zehn Jahren wird in Deutschland das Papier zuerst von akademischen Publikationen und Merve-Bändchen, später von fetten Sammelbänden wie "Hyperkult" ("Der Computer als Medium", "Amaturen der Sinne", "Arsenale der Seele") oder Zeitschriften wie "Kunstforum" dafür verwendet, ominöse Theorien über nie so recht definierte neue Medien zu verbreiten.

Nichts, was in "Hyperkult" behandelt wird, ist per se uninteressant. Ich würde mich so sehr freuen, einen intelligenten, durchdachten Aufsatz zum Beispiel über Programmiersprachen,

Warum habe ich mir nun gerade dieses Buch herausgepickt, um

Die Autoren und Herausgeber gehören zum größten Teil zu der zweiten Liga der sogenannten Medienwissenschaftler, die hierzulande bei Kongressen mit so trendigen Namen wie "Konfigurationen", "Interface" oder ""

gegen 1968, Frankfurter Schule, auf Kittler eingehen,

Martin Warnke, Wolfgang Coy, Georg Christoph Tholen (Hrsg.): HyperKult, Frankfurt (Stroemfeld/Nexus), 78 Mark