Manchmal kommt einem die junge Kulturszene in Berlin vor wie ein riesiges Verhaltensforschungsexperiment, das folgendes ermitteln soll: Was passiert, wenn man eine Gruppe junger, ambitionierter Menschen mit im weitesten Sinne kulturellen Ambitionenen sämtlicher traditionellen Bindungen (wie der Familie oder dauerhafter, persönlicher Bindungen) entreißt, und sie ganz ihrem eigenen Ehrgeiz und Egoismus überläßt? Wenn man, um das ganze Experiment interessanter zu machen, diese Leute in einer Stadt zusammenbringt, in der die Mieten und die übrigen Lebenshaltungskosten - im Vergleich mit anderen europäischen Großstädten - so niedrig sind, daß auch ökonomisch zweifelhafte "Lebensentwürfe" wenigstens zeitweise plausibel erscheinen können? Wenn man zusätzlich sämtliche Formen staatlicher oder städtischer Unterstützungen aussetzt, um die Liebhaber der "brotlosen Künste" vollkommen auf ihre eigene Überlebensfähigkeit zurückzuwerfen? Man lehnt sich zurück, und wartet ab, wer von diesen Leuten den ersten Herzkaspar hat und wer älter als 50 wird.

Autorin Claudia Wahjudi

Claudia Wahjudis "Metroloops" beschreibt die Innenperspektive der Kulturszene, die sich unter den oben beschriebenen Bedingungen im Berlin der 90er Jahre zusammengefunden hat. Aber halt! "Berlin der 90er Jahre" - da haben wir schon so eine Pathosformel, die gerne in der journalistischen Berichterstattung, aber auch in der Selbstdarstellung Berliner Kulturproduzenten auftaucht, wenn Nicht-Berlinern das folgende suggeriert werden soll: "Hier in der Stadt" ist nicht nur generell unglaublich die Hölle los, nein, der Weltgeist persönlich hat die Stadt zu seinem derzeitigen "Lebensmittelpunkt" gemacht - in Berlin "nach dem Fall der Mauer", der "Brücke zwischen Ost- und Westeuropa", in der phantasiebegabte Beobachter den Odem der "Roaring Twenties" aus dem Pflaster der bei Nacht menschenleeren Friedrichstrasse steigen sehen.

"Berlin der 90er Jahre" - das ist fast schon so ein Markenname wie das "Paris der 20er Jahre" oder "London in den Swinging Sixties". Und wie man weiß, muß man solche Behauptungen nur lange genug wiederholen, damit sie irgendwann zur historischen Wahrheit werden.

Die Befürchtung liegt daher nahe, daß Wahjudi in ihrem Buch genau diesem Berlin-Hype Futter geben will, der seit zehn Jahren durch die bundesdeutschen Medien geistert und zum Regierungsumzug in den letzten Monaten eine vorläufige Apotheose erreicht hat: Berlin, die Stadt von Love Parade, Tacheles, Club Culture, Auguststrasse, Technoclubs in ehemaligen Luftschutzbunkern und so weiter und so fort. Um es vorwegzunehmen: in Wahjudis Buch geht es nicht darum, die gegenwärtige Hauptstadt-Euphorie abzumelken, auch wenn der modische Titel "Metroloops" eigentlich wenig Gutes vermuten läßt. (Ist Berlin wirklich eine Metropole, wie die ersten beiden Silben des Wortes nahelegen? Und was sind eigentlich "Loops" in Zusammenhang mit einer Stadt?)

"Metroloops" beschreibt die Berliner Kulturszene, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat - zwar nicht distanziert, aber auch nicht als Heldengeschichtsschreibung. Auf relativ nüchterne, deskriptive Weise schildert die Autorin, die als Redakteurin der Stadtzeitung "zitty" einen überdurchschnittlich guten Einblick in die Berliner Szene hat, was sich in den letzten zehn Jahren in der deutschen Hauptstadt an unabhängiger Kultur entwickelt hat. Es geht hier weniger um die staatlich subventionierte High Art a la "Volksbühne" und Hamburger Bahnhof, sondern um die selbstorganisierten Initiativen, Clubs, "Projekte". Also um eine Szene, die vielleicht nicht so wichtig ist, wie sie sich selbst findet und gerne darstellen läßt, die aber auf jeden Fall existiert und durchaus mal eine ausführliche Beschreibung wert war. Keine Slacker, sondern aktive, ambitionierte, flexible Macher ("Flexecutives" wurden sie in diesem Magazin vor einigen Monaten genannt), die entweder unter selbstausbeuterischen Bedingungen arbeiten oder sich ihre kulturellen Traumberufe durch McJobs selbst subventionieren.

Minutiöse Schilderungen von Großstadtboheme-Alltag

Aufgehängt an knapp zwei Dutzend Clubs, Kneipen, Plattenlabels, Galerien, Vereinen und Kunstprojekten beschreibt Wahjudi das Innenleben dieser fragmentierten Szene. Manchmal sind ihre Skizzen etwas arg ins journalistische Detail vernarrt (muß man wirklich wissen, daß die Leute von der Galerie berlintokyo mal einen Rave auf dem Nürburg-Ring veranstalten wollten, aus dem aber prosaischerweise "nichts wurde"?). Aber dann schreibt Wahjudi wieder Sätze, für die man sie ob ihrer Genauigkeit küssen möchte, wenn es etwa über eine Kneipe in Mitte heißt: "Eine Wendeltreppe führt ins Basement... Auf dem Klo brummt die Lüftung." Stimmt genau! Immer liegen die Toiletten im Keller. Und immer brummt dort ein Ventilator!

Die große Qualität von "Metroloops" sind die minutiösen Schilderungen von Großstadtboheme-Alltag, der ja sonst eine Tendenz hat, sich unbemerkt und ungeschildert zu verflüchtigen, und von dem hinterher dann keiner mehr so genau weiß, wie es doch gleich gewesen ist. In "Metroloops" ist ohne historische Distanz aufgeschrieben worden, wie es in der Berliner Szene der 90er Jahre (die ja in sieben Monaten auch schon wieder vorbei sind) zugeht oder -ging. Da die deutschen Gegenwartsschriftsteller derzeit mit wichtigerem beschäftigt sind, als ihre alltägliche Umwelt zu beschreiben, ist es gut, daß das nun jemand anderes getan hat.

Wirklich interessant wird "Metroloops" gerade da, wo die Autorin ganz normalen Boheme-Alltag festhält. Zum Beispiel das Essen:

"Spagetti. Nasi Goreng. Lasagne. Risotto. Maultaschen für 1,20 das Stück, dazu Rührei und Salat. Mozarella mit Tomaten. Hühnchen süßsauer vom Imbiß. Die Pizza vom Lieferdienst bläht den Bauch. An Sonntagen brät jemand thailändische Ente in scharfer Kokossoße. Dann geht es wieder von vorn los: Spagetti, Nasi Goreng, Lasagne. Peter ist sich nicht sicher, ob er sich bei sich über das ewig gleiche Essen beschweren oder froh sein soll, daß er überhaupt etwas kocht. Schnell muß es gehen: Pellkartoffeln mit Quark oder ein Stück Fisch. Praktisch sind deshalb Gerichte, deren reichliche Reste sich am nächsten Abend aufwärem lassen. Tags stehen Brot, Butter und Marmelade viele Stunden auf dem Küchentisch."

Mal abgesehen davon, daß dieser Speiseplan noch vor zehn Jahren als absolut exotisch und unübertroffen abwechslungsreich gegolten hätte - so sieht es aus, das Leben im Bohemia der 90er Jahre: schnell, billig, unexzessiv, aber sättigend und vitaminreich. Egal, ob Wahjudi Dresscode und Trinkgewohnheiten in der Kreuzberger Kneipe "Ankerklause" beschreibt, die Finanzen einer Zweier-Beziehung vorrechnet, von den Überlegungen von Künstlerinnen zum Thema Kinderkriegen oder von den Berliner Umzugsritualen erzählt, immer gelingen ihr detailgenaue, erlebnisnahe Beschreibungen. Auch daß endlich mal jemand so schöne Neuberliner Vokablen wie die "kulturelle Zwischennutzung" in ein Buch geschmuggelt hat, ist eine tolle Sache.

Nicht-akademische Sozialgeschichtsschreibung

Um nicht am Nur-Faktischen kleben zu bleiben, hat die Autorin zwischen die Beschreibungen der Berliner Projekte halbdokumentarische Kapitel über fiktive Personen eingefügt: die ewige Doktorandin, die Nachwuchskünstlerin, der Akademiker am Beginn einer unsicheren Uni-Karriere oder eine Journalistin namens "Katrin", die wohl mehr als nur flüchtige Ähnlichkeit mit der Autorin selbst hat. Immer wieder erkennt man sich in diesen Figuren wieder, und es ist bestimmt kein Zufall, daß diese halb-belletristischen Teile des Buchs die reportagehaften Kapitel stilistisch weit übertreffen.

Manchmal klingt das alles etwas arg heiter, etwas zu harmlos und easy. Erst gegen Ende des Buchs wird die Stimmung dunkler, wenn es um etwa um stressbedingte Schlaflosigkeit und das Durchhecheln von Beziehungskrisen vor der Sexualtherapeutin geht. Mit seinen verdichtenden Milieu-Schilderungen steht "Metroloops" in einer Tradition nicht-akademischer Berliner Sozialgeschichtsschreibung, die sich mindestens bis zu Hans Ostwalds "Großstadtdokumenten" zurückverfolgen läßt.

Geschichtsverlust

Womit wir bei den zwei Schwächen dieses Buchs sind. Die erste: mangelnde Historisierung. Was "Metroloops" fehlt, ist ein Minimum an geschichtlicher Perspektive. Schließlich ist Berlin seit über 300 Jahren die Hauptstadt der Zugereisten, der ambitionierten Parvenues, der Kulturstreber. Viele der Erscheinungen, die Wahjudi beschreibt (die Clubs, die Szene-Nischen, die selbstorganisierten Kulturvereine und -einrichtungen), könnte man in Berlin mindestens bis zur Romantik zurückverfolgen. Nun hätte so eine historische Breite vielleicht das Buch gesprengt. Aber etwas jüngere Zeitgeschichte hätte nicht geschadet, um zu zeigen, daß die "Berliner Kulturentwürfe" keineswegs erst 1989 ausgetüftelt wurden, sondern durch die spezifische Berliner Situation nach Fall der Mauer bloß auf besonders fruchtbaren Boden gefallen sind.

In "Metroloops" gibt es wenig Hinweise darauf, daß vieles, was heute an Berlin als "typisch" gilt, eigentlich Produkte der Vor-Wendezeit sind. Die Leute, die - bis heute !- als Drahtzieher der Berliner Techno-Szene operieren, haben zum Beispiel ihr Handwerk zum größten Teil in den Schöneberger und Kreuzberger Diskotheken der 80er Jahre gelernt. Auch die Künstler und Musiker, die in den 90ern in Berlin reüssiert haben, sind längst nicht alle vor zehn Jahren vom Himmel gefallen. Immerhin beschreibt Wahjudi mit Botschaft, Elektro und Friseur die historischen Kristallationspunkte von vielem, was bis heute in der Berliner Kulturlandschaft kreucht und fleucht, und hält so schriftlich ein Stück Stadtkultur fest, das bisher nur von Berliner Boheme-Mund zu Boheme-Ohr weitergetragen wurde.

Das zweite Manko des Buchs ist ein etwas eingeschränkter Kulturbegriff. So fehlt zum Beispiel der "Karneval der Kulturen" (obwohl der die Kultur sogar im Namen führt!), der zweifellos die größte Graswurzel-Organisation der Stadt ist. Auch die Kultur der Berliner Schwulen und der Migranten ist in "Metroloops" nicht vertreten, obwohl zum Beispiel der von schwulen Türken betriebene Bubenhupf "Salon Oriental" im SO 36, die zahlreichen Reggae-Soundsystems der Stadt oder das Kreuzberger Jugendprojekt "Yaam" wegen ihrer Organisationsprinzipien eigentlich gut in den Kontext des Buches gepaßt hätten.

Doch dafür, was in ihrem Buch fehlt, wird sich Frau Wahjudi in den nächsten Monaten wohl noch ausführlich in endlosen Thekendiskussionen rechtfertigen dürfen. Darum soll an dieser Stelle das abschließende Urteil genügen, daß "Metroloops" ein wertvolles, lebendiges Dokument des Berlins der Gegenwart ist. Ob das Ganze allerdings außerhalb der Stadtmauern Berlins auch nur eine Menschenseele interessiert - man weiß es nicht.

Claudia Wahjudi: Metroloops - Berliner Kulturentwürfe, Ullstein Metropolis (1999), 186 Seiten, 22 Mark