Parapolitik

Von Tilman Baumgärtel

Im Juni 1950 wurde im Titania-Palast in West-Berlin der Congress for Cultural Freedom (CCF) gegründet. Die Organisation, die ihren Sitz in Paris bezog, war zeitweise in 35 Ländern in Europa, Afrika, Lateinamerika und Asien aktiv, und organisierte Konferenzen, Seminare und Ausstellungen. Sie finanzierte renommierte intellektuelle Zeitschriften wie den „Monat“, der in West-Deutschland von Melvin Lansky herausgegeben wurde, „Partisan Review“ aus New York, „Encounter“ aus Großbritannien und „Black Orpheus“ aus Nigeria und unterstützte Künstler und Autoren mit Stipendien und Preisen.

An den Aktivitäten des CCF für kulturelle Freiheit beteiligten sich angesehene Autoren, Künstler und Intellektuelle aus aller Welt. Zum Berliner Gründungskongress waren unter anderem Karl Jaspers, John Dewey, Ernst Reuter, Arthur Koestler und Tennessee Williams angereist; an späteren Aktivitäten waren unter anderem Günther Grass, Heinrich Böll oder Siegfried Lenz, Wole Soyinka, W. H. Auden und John Pepper Clark beteiligt.

Was nur den wenigsten von ihnen klar gewesen dürfte: der Kongress für kulturelle Freiheit wurde vom CIA aufgebaut und über eine Reihe von fadenscheinigen Stiftungen finanziert. 1966 berichtete zuerst die New York Times über die Verbindungen, 1967 konnten Berichte in der Saturday Evening Post und der Zeitschrift Ramparts überzeugende Beweise dafür liefern. Der Kongress für kulturelle Freiheit wurde aufgelöst; die Künstler und Intellektuellen, die mit ihm kooperiert hatten, standen plötzlich wie willige, naive Polit-Lakaien der USA dar.

Zum 50jährigen Jahrestag der Enttarnung zeigt das Haus der Kulturen der Welt (HKW) die Ausstellung „ Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg“, die die amerikanischen Bemühungen um „Soft Power“ und kulturelle Lufthoheit in den 50er und 60er Jahren thematisiert. Das Haus arbeitet damit auch ein Stück seiner eigenen Geschichte auf: Die Errichtung der Kongresshalle, in der sich das HKW befindet, wurde in 1957 als „Leuchtfeuer der Freiheit, das seine Strahlen nach Osten sendet“, mit amerikanischen Mitteln errichtet; am Kongress zur Eröffnung nahm unter anderem Adorno teil. Weiterhin liegt das Gebäude an der John-Foster-Dulles-Allee, benannt nach einem der kältesten Krieger, dem amerikanischen Außenminister von 1953 bis 1959, in dessen Amtszeit auch wichtige Aktivitäten des Kongresses für kulturelle Freiheit fielen.

Das Haus der Kulturen der Welt selbst gehört zu den Versuchen der deutschen Regierung, kulturelle „Soft Power“ auszuüben. Das Haus wird von der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH betrieben und erhält eine Regelförderung vom Auswärtigen Amt, Vorsitzende des Aufsichtsrates ist Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Mit deren Unterstützung reisen Ausstellungen wie „Animismus“ nach New York, Shenzen, Seoul und Beirut. Und die Ausstellungen und Veranstaltungen, die in Berlin stattfinden, sind genauso Treffpunkt von internationalen Künstlern und Intellektuellen wie es einst die Events des Congress for Cultural Freedom war. (Wenn die Fotos der Konferenzen, die der CCF veranstaltete, die Wirklichkeit wiedergeben, war allerdings der Anteil von „persons of color“ bei deren Meetings wesentlich höher als bei den Veranstaltungen, die ich in den letzten Jahren im Haus der Kulturen der Welt besucht habe.)

In beiden Fällen ist die kulturell-politischen Langzeitwirkung solcher Aktivitäten schwer zu verifizieren. Der Congress for Cultural Freedom war zwar antikommunistisch ausgerichtet, doch um die europäischen Intellektuelle, die er erreichen wollte, nicht zu befremden, unterstützte er viele linksliberale Denker und Künstler. Wie eine Reihe von Kunsthistorikern – etwa Serge Guilbaut, der die Verstrickung von moderner Kunst und US-Außenpolitik in seinem Buch „How New York Stole the Idea of Modern Art“ beleuchtet hat – will auch die Ausstellung darauf hinaus, dass die US-Kulturpolitik dieser Jahre den Abstrakten Expressionismus als unpolitische Feier des autarken Künstlers international propagiert habe - aber ist Jackson Pollock wirklich nur dank der Schützenhilfe des CIA zur internationalen Kunstikone geworden?

Doch die Ausstellung will gar nicht einzelne Künstler als Nutznießer oder nützliche Idioten der amerikanischen Regierung diskreditieren, sondern mit aktuellen und historischen Arbeiten den Kontext aufzeigen, in dem eine Weltmacht auf die Idee kommen konnte, mit Hilfe von abstrakten Malern und linksliberalen Autoren der Sowjetunion Paroli zu bieten. Wie immer im Haus der Kulturen der Welt erfordert die Ausstellung ein ausführliches Studium von Exponaten wie deren Beschriftung. (Ein Katalog erscheint erst im nächsten Jahr.) Dann entdeckt man viele faszinierende Details, interessante Verbindungen und einige tolle Kunstwerke.

Aber an anderer Stelle verfällt die Ausstellung auch ins freie Assoziieren, wenn zum Beispiel die Mitarbeit von Gerhard Richter an Propagandagemälde in der DDR ins Spiel gebracht wird. Wie Künstler in DDR instrumentalisiert wurden, hatte doch eine andere Qualität als die konspirativen Aktivitäten des Congress for Cultural Freedom. Auch die „East Meets West“-Konzerte 1964 in New Delhi, bei dem Yehudi Menuhin zusammen mit Ravi Shankar auftrat, erscheinen ebenso wenig als Akt gesteuerter Propagandakunst wie Nam June Paiks transkontinentale Fernsehperformance „Good Morning Mr. Orwell“ von 1984.

„Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg“ bis zum 8. Januar 2018 im Haus der Kulturen der Welt