Das zweite Leben
Die Ausstellung „Diorama. Erfindung einer Illusion“ widmet sich der Kunst des Schaukastens
Von Tilman Baumgärtel
Das Leben des Carl Akeley ist die Art von Stoff, aus dem die ganz großen Tragödien sind.
Der amerikanische Tierpräparator schlug 1909 dem American Museum of Natural History in New York vor, mit vierzig großen Schaukästen die Landschaften und Tiere Afrikas darzustellen, die zu dieser Zeit bereits im Verschwinden beziehungsweise vom Aussterben bedroht waren. Die Leitung des Museums war begeistert und schickte Akeley nach Afrika, um dort nach Tieren zu jagen, die man als Präparate im Museum zeigen konnte. In seiner Entourage reiste auch der Maler William R. Leigh mit, um Skizzen für die Wandbemalungen der Dioramen zu machen, in denen die Tierpräparate gezeigt werden sollten.
Akeley wollte die Natur und die Tiere, die er in ihrer ganzen Schönheit erlebt hatte, festhalten – und dazu musste er einige ihrer prachtvollsten Exemplare töten. Besonders ein Gorilla aus dem Virunga-Gebirge im Kongo, zu dieser Zeit eine belgische Kolonie, hatte es dem Naturforscher angetan. Er schoss ihn bei einer Expedition im Jahr 1921. In New York erstellte er Gipsabdrücke von seinem Schädel, seinen Händen und seinen Füssen wie von einem geliebten Familienangehörigen. Dann schuf er eine imposante, lebensgroße Bronzebüste von dem Affen, dem er – nach dem Berg, auf dem er ihn getötet hatte – den Namen „Der Alte vom Mount Mikeno“ gegeben hatte.
„Im Grunde mag ich ihn mehr als mich selbst“, schrieb er in einem Brief an einen Freund. Die sterblichen Überreste des Tiers präparierte er so sorgfältig, dass sie bis heute im New Yorker Naturkundemuseum zu besichtigen sind. Seit fast 100 Jahren steht der unglaublich lebensecht wirkende Gorilla dort nun schon mit grimmiger Miene aufrecht in einer detailgetreu nachgebauten Berglandschaft und scheint nur ganz kurz eine Pause beim Fäuste-auf-die-Brust-Schlagen einlegt zu haben.
Die Gipsabgüsse seiner Hände und Füße sowie die Bronzebüste sind nun in einer tollen Ausstellung in der Frankfurter Schirn zu sehen, die vom Palais de Tokyo in Paris übernommen wurde. Und so wie Carl Akeley umbringen musste, was er liebte, um es zu erhalten, so steckt in jedem dieser Schaukästen, die das Leben so naturgetreu wie möglich festhalten wollen, eine Dosis Tod. Auch wenn die Lebewesen, die in den Dioramen auf Dauer gestellt sind, aus Wachs, aus Plastilin oder aus Gips sind: ihre Simulation von Lebendigkeit hat immer etwas etwas Gespenstisches, Untotes, the Almost Walking Dead. Ein Hauch von Formalin scheint durch die ganze Ausstellung zu wehen, die die Virtual Reality des 19. Jahrhunderts vorstellen soll.
Schon der Erfinder des Dioramas scheint besessen von der Idee gewesen zu sein, das Leben still zu stellen, um es zu bewahren: Louis Daguerre eröffnete nicht nur 1821 das erste Diorama in Paris und startete damit einen Medienhype, für den die Besucher stundenlang Schlange standen. In den 1830er Jahren entwickelte er mit der Daguerreotypie ein Verfahren zur Bildaufzeichnung, das als Vorläufer der Fotografie gilt. (In der Ausstellung ist von Daguerre nur ein kleines XXXX vertreten, die Originale scheinen alle verschollen zu sein.) Doch während die Fotografie festhält, was in einem gegebenen Moment vor der Kamera stattfindet, kreiert das Diorama eine Idealversion des dargestellten Geschehens, die von ihren Gestaltern – Präparatoren, Malern, Bühnenbildern – bewusst arrangiert wird, um ihre Essenz hervorzuheben.
Der Endgegner-Kampf der Löwin mit der Gazelle, der waidwunde Blick des Buschbocks, die das Leben aus ihren Körper schwinden fühlt, als der Leopard ihre Halsschlagader durchbeißt – das sind kinoartige Inszenierungen, die so in der Natur vielleicht nie stattgefunden haben, aber dem Betrachter ein nachvollziehbares Narrativ über das Leben in der Wildnis liefern sollen.
So authentisch diese Szenen auch sein wollen - inklusive der präzisen Nachbildung von Lichtstimmungen zu bestimmten Tageszeiten und der Rekonstruktion der umgebenden Vegetation, so portabel sind sie auch – die dramatischen Tableaus von Rowland Ward werden inklusive der Transportboxen gezeigt, mit denen sie angeliefert wurden. Ganz so echt, wie diese Vorspiegelung von Vorgängen - die wir trotz allem medialen Fortschritt wohl nie live zu sehen bekommen - sind sie also offenbar doch nicht, eher eine Art dreidimensionaler Trompe-l’œil-Malerei,
So ist es wohl das größte Verdienst dieser Ausstellung, dass sie einige der Schöpfer dieser im Wortsinn Still-Leben als bisher übersehene Künstler vorstellt: Etwa den britischen Präparator Walter Potter, der um 1900 seine Kunst dazu benutzte, um Wald- und Haustiere als „Happy Family“ zu einem überladenen Kitsch-Gruppenselfie arrangieren. Oder Rowland Ward, der zur selben Zeit seine Exponate zu spektakulären Action-Szenen zusammenstellte. Und dann ist da noch der Autodidakt Gerrit Schouten, geboren als Sohn eines niederländischen Vaters und einer „kreolischen“ Mutter in Surinam, dessen Dioramen das Alltagsleben der Kolonie detailgetreu und aus eigener Beobachtung mit Papiermaché festhielten, dem aber bis heute seine Anerkennung in Holland verwehrt blieb.
Hier hätte man gerne noch tiefer bohren können und sich den ganzen letzten Teil der Ausstellung schenken können, der eine etwas willkürliche Auswahl von zeitgenössischen Künstlern präsentiert, die sich auch mit dem Diorama als Medienformat beschäftigt haben. Okay, Robert Gober und Hiroshi Sugimoto haben diese Erlebnisboxen in Schwarz-Weiß als zu hinterfragende Simulationen abgelichtet. Und der Zivilisationsmüll, den Mark Dion in einem Schaukasten aufgehäuft hat, erinnert zu Recht an die Unbelehrbarkeit und die wenig nachhaltige Gier von uns, den Bürgern der Ersten Welt, die heute den Luxus genießen, uns solche Exponate mit freundlichem Interesse anzusehen.
Aber dann ist da der heilige Ernst, mit dem Präparatoren in Naturkundemuseen einst Seerosen in Gips nachgegossen haben, wie ein Film aus dem Fields Museum in Chicago aus den 50er Jahren zeigt. In dem sie kleine Vögelchen ausgeweidet, mit Seifenlauge abwaschen, mit Holzwolle ausstopfen, bis sie fast auferstanden sind von den Toten. Diese Leute wollten etwas erzählen, was sie selbst nie gesehen haben.
Carl Akeley, der einen Gorilla erschoss, um ihn für die Nachwelt zu erhalten, hat nicht mehr erlebt, dass seine Dioramen im Naturgeschichtlichen Museum in New York 1938 eröffnet wurden. Er starb 1924 an Durchfall bei einer Expedition in Afrika, wo er auch begraben wurde. Zuvor hatte er noch erreicht, dass im Kongo der erste Nationalpark in Afrika eingerichtet wurde. Seinem Aktivismus ist es möglicherweise zu verdanken, dass eine Reihe der Spezies, die er für das New Yorker Museum getötet hatte, heute noch existieren. Die spektakulären Dioramen des New York Museum of Natural History gehören bis heute zu den beliebtesten Touristenattraktionen der Stadt.
Sie sind unter anderem in dem Ben-Stiller-Film „A Night in the Museum“ zu sehen, die die Frankfurter Ausstellung einrahmen. Am Ende zersplittert das Glas zwischen Betrachter und Betrachtetem. Und das still gestellte Leben erhält endlich sein Recht.
„Diorama. Erfindung einer Illusion“, bis zum 21.
Januar in der Schirn in Frankfurt