Zu den Internetprojekten von Dragan Espenschied und Alvar Freude
Von Tilman Baumgärtel
„Lang“, „Lapsus“, „biggi“, noch mal „Lapsus“, „Paradoxon“, „Naturismus“, „Einwand“, „Verwirrung“, „Photosensibilität“, „Wichsen“ – scheinbar zusammenhanglose Wörter, zwischen den keine offensichtlich nachvollziehbare Verbindung besteht. Es sind Begriffe, die am 10. Juli 2001 in einer halben Stunde bei der Internet-Arbeit „Assoziations-Blaster“ von Dragan Espenschied und Alvar Freude eingegeben wurden, während der erste Abschnitt dieses Aufsatzes geschrieben wurde. Der „Blaster“ schläft nie, er wächst und entwickelt sich, auch wenn man nicht hinsieht. Fast könnte man sagen: „Er lebt.“ Zu jeder Tages- und Nachtzeit scheinen die Anhänger des Projekts, aber auch Menschen, die zufällig vorbeigesurft kamen, Texte in der Datenbank des Projekts abzulegen, wo sie vielleicht nie wieder abgerufen werden, vielleicht aber auch schon wenige Minuten später von einem anderen User gelesen werden.
Die Web-Arbeiten, die Dragan Espenschied und Alvar Freude gemeinsam und als Einzelkünstler geschaffen haben, handeln von den technischen Strukturen des Internets. Besonders der „Assoziations-Blaster“ ist eine Untersuchung von Schlüsselkonzepten des Netzes – Hypertext, Interaktion und Kollaboration, die diese Arbeit gleichzeitig einsetzt wie durch radikale Zuspitzung ins Absurde überführt. Doch auch das gemeinsam entwickelte „insert coin“ wie „Caterpillar“ (von Dragan Espenschied) und „Online-Demonstration“ (von Alvar Freude) sind netzspezifische Arbeiten, die in keinem anderen Medium als dem Internet sinnvoll wären, und darum Netzkunst im besten Sinne.
Im folgenden soll es vor allem um den „Assoziations-Blaster“ gehen, weil er schlicht ein Phänomen ist: ein Konvolut von Beiträgen Dritter, das sich – seit er am Netz ist –ständig erweitert und damit wohl auch nicht aufhören wird, solange die Arbeit online zugänglich ist. Die Arbeit hat vor allem deswegen die bisher weitreichendsten Auswirkungen und Konsequenzen aller Projekte von Espenschied und Freude, weil seine Spielregeln von größtmöglicher Transparenz und Einfachheit sind. Der Erfolg des „Blasters“ basiert auf den gleichen Eigenschaften, die auch das Internet auszeichnen, dessen Architektur und Protokolle von seinen vielen Schöpfer immer so offen und zugänglich wie technisch möglich gehalten wurden.
Mit dem Assoziations-Blaster haben Espenschied und Freude eins der nachhaltigsten und beliebtesten deutschsprachigen Netzkunst-Projekte überhaupt geschaffen. Um den „Blaster“ hat sich ein richtiggehender Fan-Club von Leuten entwickelt. Das Werk hat seine Liebhabern gefunden, wobei man darüber spekulieren kann, ob es sich dabei um Literatur-, Kunst- oder Internet-Liebhaber handelt. Manche der Beiträge zum Assoziations-Blaster haben literarische Qualität (oder verraten wenigstens die Vertrautheit der Schreiber mit literarischen Diskursen), andere Einträge sind schnell hingetippte Bemerkungen, die oft das Niveau von Pennälergekritzel nicht überschreiten, oder einfach nur Buchstabenkombinationen wie asdfg. Um zu erfahren, ob und wie der Assoziations-Blasters tatsächlich funktioniert, muss man sich mit dem Webprojekt praktisch durch Teilnahme auseinandersetzen. Die Partizipation an dem kollektiven Schreibexperiment scheint so fesselnd zu sein, dass eine Reihe von Netznutzern die Arbeit regelmäßig benutzen und mit ihr regelrecht zu arbeiten. Nach Angaben der Künstler gibt es Nutzer, die schon 3000 Beiträge platziert haben. Dadurch unterscheidet sich der „Blaster“ auch von Hypertext-Arbeiten wie Robert Coovers „Hypertext-Hotel“ oder Michael Joyces „Afternoon“, bei denen die Interaktion des Users sich darauf beschränkte, sich durch ein vom Autoren vorgegebenes Text-Netz zu klicken.
Espenscheid und Freude nennen den „Assoziations-Blaster“ ein – wie es auf der Website heißt – „interaktives Text-Netzwerk, in dem sich alle eingetragenen Texte mit nicht-linearen Echtzeit-Verknüpfungen automatisch miteinander verbindet“. Wer den „Blaster“ nur passiv nutzen will, kann sich durch die ins System eingegebenen Kurz- und Kürzest-Texte klicken. Wer aktiv an dem Internet-Experiment teilnehmen möchte – und das kann jeder, der Zugang zum WorldWideWeb hat – kann selbst Texte eingeben. Eine Software namens „Connection-Maker“ verwandelt alle Worte, die schon in anderen Texten im System vorkommen, in Hyperlinks, durch die man sich von einem zu anderen Beitrag weiterklicken kann. So ist es möglich, sich anhand von Begriffen durch die über 150.000 Beiträge (im Juli 2001) im „Assoziations-Blaster“ zu manövrieren. Das können genauso gut von den Usern definierte „Schlüsselbegriffe“ wie auch für den Satzsinn zweitrangige Worte wie Hilfsverben und Artikel.
Ob es sich dabei um „Assoziationen“ handelt, wie sie das menschliche Gehirn zwischen verschiedenen Erlebnisinhalte herstellt, wird noch zu klären sein. Unstrittig ist, dass der „Blaster“ eine organisch wachsende und sich ununterbrochen verknüpfende Sammlung von Texten ist, die sich an der Vorstellung von Hypertext orientiert, wie sie unter anderem der amerikanische Computerpionier Ted Nelson entwickelt hat. Nelson war einer der zahlreichen Computer-Fanatiker, die in den 60er Jahren über digitale Systemen nachdachte, mit denen man Wissen auf eine neue, nicht-lineare Weise verknüpfen könne. Er war dabei von einem Aufsatz des amerikanischen Erfinders, Informatikers und zeitweiligen Präsidentenberaters Vannevar Bush inspiriert, der 1946 in seinem Aufsatz „As we may think“ ein hypothetisches Verfahren namens „MEMEX“ (kurz für: Memory Extender) vorschlug, das Informationen in miteinander vernetzter Weise abrufbar machen sollte.
Nelson propagierte in seinen Büchern „Computer Lib“ und „Literary Machines“ diese Idee, für die er den Namen Hypertext einführte: elektronische Dokumente, die aus einer Vielzahl von Informationsbausteinen und Querverweisen bestehen, welche der Leser in beliebiger Reihenfolge abrufen kann. Nelson selbst arbeitete in den 80er und 90er Jahren an einem System namens „Xanadu“, das allen Menschen offen stehen sollte, um so auf das gesamte Wissen der Menschheit zuzugreifen. Es gelang ihm nie, dieses System zur Marktreife zu bringen, doch das WorldWideWeb, das Anfang der 90er Jahre von dem britischen Informatiker Tim Berners-Lee entwickelt wurde, kann in gewissem Sinne als Implementierung dieses Konzepts betrachtet werden, wenn ihm auch viele entscheidende Details fehlen, die Nelson in sein Xanadu-System integrieren wollte.
Hypertext ist „unabhängig von linearen Strukturen und kann neue Formen des Schreibens möglich machen, die besser die Strukturen dessen reflektieren, worüber wir schreiben; und die Leser, die sich selbst einen Weg suchen, können ihren Interessen oder ihren gegenwärtigen Gedankengängen auf eine Art und Weise folgen, die bisher unmöglich waren“, schrieb Nelson in „Literary Machines“.
„Ihren gegenwärtigen Gedankengängen folgen“ sollen die Leser also, im englischen Orginal schreibt Nelson „to follow their... current line of thought“. In Nelsons Formulierung steckt – wie in vielen anderen Beschreibungen von Hypertext – die Vorstellung, dass Hypertextstrukturen die Gedankengänge ihrer Leser/Benutzer auf adäquatere Weise stützen beziehungsweise leiten können als traditionelle, lineare Texte.
Auch Tim Berners-Lee formuliert in seiner Autobiografie „Weaving the Web“ die Vorstellung von Hypertext als einer Technologie, die Wissen auf eine assoziativer und daher dem menschlichen Denken entsprechendere Art zugänglich machen kann. Das WorldWideWeb, schreibt Berners-Lee, verknüpft „potentiell alles mit allem... (Das ist) eine Vision, die neue Freiheiten eröffnet und schnelleren Fortschritt erlaubt, als es durch die Fesseln jener hierarchischen Klassifikationssysteme möglich wäre, an die wir uns selbst gebunden haben... Die Funktionsweise der Gesellschaft nähert sich (durch das Entstehen des World Wide Webs) der Funktionsweise unseres Gehirns an.“
Diese Beurteilung des World Wide Webs als einer dem menschlichen Denken angepassteren Form der Wissensvermittlung mag jeder bezweifeln, der sich auf der Suche nach Information im Web schon einmal beim Springen von Link zu Link hoffnungslos verirrt hat.
Doch der „Assoziations-Blaster“ setzt die Vorstellung von Hypertext-Predigern wie Nelson und Berners-Lee um und radikalisiert sie. Er lässt in einer Art Laborsituation automatisch quasi den „ultimativen Hypertext“ erstellen. Er schafft eine Verbindung zwischen scheinbar unzusammenhängenden Informationen, Gedanken, Texten, indem er schlichtweg jedes Wort, das schon in einem Beitrag zum „Blaster“ vorkommt, in einen Link verwandelt, anhand derer man sich durch die Arbeit bewegen kann. So verbindet er – wie es Berners-Lee sich vorgestellt hat – „alles mit allem“, und überlässt es dem Benutzer, zu ergründen, wie sinnvoll und nutzbringend diese Art der Verknüpfung ist. Der Titel der Arbeit lässt eine Vermutung zu: zwar spielt sie offensichtlich auf den „Ghetto-Blaster“ an, doch wer will kann ihn auch wörtlich nehmen. „To blast“ heißt auf Englisch „sprengen“, „vereiteln“ oder „zunichte machen“. Ob die der „Blaster“ im Web Assoziationen zulässt oder vereitelt, findet man am besten heraus, in dem man sich selbst an der vernetzten Textproduktion beteiligt. (Auch bei anderen Arbeiten von Espenschied und Freude stehen übrigens Links als das „Herz des Webs“ im Mittelpunkt: bei „Caterpillar“ von Espenschied sollte eine einzige Website mit dem kompletten Inhalt des Internets verlinkt werden, und auch Freudes „Online-Demonstration“ richtete sich gegen die Versuche von einer Reihe von Rechtsanwälten und Staatsanwälten, Homepage-Eigentümer wegen der Links auf ihren Webseiten zu verklagen.)
Dass Espenschied und Freude das Experimentieren mit dem „Blaster“ zugelassen haben, ohne den Usern übermäßige Vorschriften zu machen, gehört zu den Qualitäten der Arbeit. Dadurch hat die Arbeit ein Eigenleben entwickelt, das sie von der Mehrzahl der Netzkunst-Werk abhebt. Findige User haben sich zum Beispiel einen Spaß daraus gemacht, möglichst ungewöhnliche Worte in ihren Beiträgen zu verwenden, um die „Connectionmaker“-Software auszutricksen. So fanden Worte wie „Glitschfinger“, „Schlammsportplatz“ oder „Gummibärchenbettwäsche“ ihren Weg in die Datenbank des „Blasters“ – und brachte gelegentlich andere Schreiber dazu, diese Worte in einem eigenen Beitrag unterzubringen, um doch wieder Links herzustellen. Im World Wide Web, in dem nach Berners-Lee Willen alles mit allem verbunden worden ist, kann so ein Akt unvorhergesehene Konsequenzen haben: wer eine der gängigen Suchmaschine im Internet mit seltenen Worten füttert, findet oft Links auf den „Assoziations-Blaster“ als einzige Internet-Fundstelle der betreffenden Begriffe.
Während andere Netzkunstwerke darauf ausgerichtet sind, die Funktionsweise des Internets durch formale Experimente zu untersuchen und zu hinterfragen, räumt der „Assoziations-Blaster“ seinen Benutzern die Freiheit ein, derartige Versuche im Rahmen seiner Infrastruktur selbst durchzuführen. Wem es nicht genügt, eigene Texte in den „Blaster“ einzufügen, kann sich übrigens die kreative Freiheit nehmen, auch Websites von beliebigen anderen Anbietern zu „blasten“ und dadurch in das Text-Netzwerk einzubinden – ob es ihren Schöpfern nun gefällt oder nicht.
Das Fehlen jeder Art von Filter oder Zensur hat übrigens auch dazu geführt, dass Rechtsradikalen den „Blaster“ als Plattform für ihre Propaganda entdeckt haben. Um den gröbsten Unsinn auszufiltern haben Espenschied und Freude den Nutzern des „Blasters“ die Möglichkeit an die Hand gegeben, Texte zu bewerten und sie mit einem selbst eingestellten Filter zu sortieren. So ersetzt in bester Internet-Tradition die gemeinsame Beurteilungen durch alle User Eingriffe von außen und erlauben eine Art selbstorganisierte Sortierung der Beiträge.
Ein Beispiel für Suchmaschinenfunde, das man vielleicht als Illustration benutzten kann:
http://www.google.de/search?q=Glitschfinger&hl=de&safe=off&filter=0
Nelson, Ted: Literary Machines, Edition 87.1, ohne Ort, 1987, keine Seitenzahl
Berners-Lee, Tim: Der Web-Report – Der Schöpfer des World Wide Web über das grenzenlose Potential des Internets, München 1999 (Econ) 11f
Tilman Baumgaertel
Tilman Baumgaertel
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