MÜNCHEN, 10. Mai. Als Raimund Genes in der Nacht zu Mittwoch geweckt wurde, rechnete er bereits mit dem Schlimmsten. Genes ist Programmierer, er arbeitet bei der Münchner Firma Trend Micro. Deren Software wird von Unternehmen und Privatleuten genutzt, um ihre Rechner vor Computerviren zu schützen. Auf den Philippinen beschäftigt die Firma 400 Angestellte, die im Internet nach neuen Viren suchen, in drei Schichten, rund um die Uhr. Und wenn sie ein besonders aggressives Exemplar entdecken, alarmieren sie Genes. Manche Viren können auf dem Computer Dateien löschen, andere machen ihn sogar vollkommen unbrauchbar. "VBS.

HomePage", so der Name der neuen digitalen Nervensäge, ist vergleichsweise harmlos. Das Virus, das in den letzten zwei Tagen rund um den Globus aufgetaucht ist, wird als Anhang einer E-Mail mit dem Titel "Homepage" verschickt. Klickt der Empfänger auf die Datei, dirigiert sie ihn automatisch auf eine holländische Pornoseite im WorldWideWeb. Außerdem verschickt sich das Virus selbst an alle E-Mail-Adressen, die es auf dem Computer findet, bevor es sich löscht, um seine Spuren zu verwischen. Ein eher ungefährliches Virus, fand Genes, doch als am Mittwochmorgen immer mehr Virenmeldungen aus den Vereinigten Staaten bei Trend Micro eintrafen, löste Genes die "globale Alarmstufe Rot" aus. Schon vorher hatte die Firma ein Gegenprogramm an ihre Kunden verschickt. Über Asien nach Europa "VBS.

HomePage" ist ein so genannter "Skriptwurm" ähnlich dem "I love you"-Virus, der im vergangenen Jahr auf der ganzen Welt Millionenschäden verursacht hat. Doch im Gegensatz zu "I love you" zerstört das neue Exemplar nichts, es vermehrt sich nur. Nach ersten Sichtungen in den USA tauchte das Virus am Mittwochnachmittag auch in Südostasien und in Europa auf. Am Donnerstag wurden dann in Deutschland Computer mit infizierten E-Mails überflutet, zeitweise machten die "Homepage"-Mails über zwei Prozent des weltweiten E-Mail-Aufkommens aus. "So ein Virus kann jedes Kind herstellen", sagt Patrick Brauch, Redakteur der Computerzeitschrift c t. VBS.

HomePage sei mit einem Viren-Bausatz geschrieben worden, der von einem brasilianischen Hacker namens "[K]alamar" stammt und auf verschiedenen Websites im Internet zu finden ist. Raimund Genes findet es unglaublich, dass sich "so ein primitives Virus" immer noch so rasend schnell ausbreiten kann: "Viele Unternehmen scheinen immer noch keinen Virenschutz für ihre Computer zu haben." Was ihn ärgert, weckt bei anderen Häme: Im Internet tauchte ein Bekennerschreiben von holländischen Hackern auf, die behaupten, für die Porno-Webseiten Reklame machen zu wollen. Das Unternehmen, das diese Seiten anbietet, hat sie inzwischen allerdings vom Netz genommen.