Am 24. August 1991 trat Michail Gorbatschow als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zurück. Er leitete damit das Ende des Sozialismus ein, wie er in den Ländern des Warschauer Paktes praktiziert worden war. Am 25. August 1991 gab ein 21-jähriger, norwegischer Informatikstudent namens Linus Torvalds im Internet bekannt, dass er ein eigenes Betriebssystem programmieren wolle. Aus dem Studentenprojekt ist heute ein vollständiges, funktionierendes Programm namens Linux geworden, das auf Millionen von Computern rund um den Globus läuft.
Dass diese beiden historischen Ereignisse an zwei aufeinander folgenden Tagen stattfanden, ist purer Zufall. Aber wenn man will, kann man der geschichtlichen Koinzidenz auch einen tieferen Sinn zuschreiben. Der Rücktritt Gorbatschows und der darauf folgende Untergang der Sowjetunion erschien vielen als endgültiger Sieg des Kapitalismus, zu dem es keine Alternative mehr zu geben schien.
Dem Markt überlegen
Doch einen Tag, nachdem der Kapitalismus scheinbar dauerhaft triumphierte, begann die Arbeit an Linux, die in vollkommenem Widerspruch zu allen Regeln steht, nach denen der Kapitalismus angeblich funktioniert. Linux ist keine Alternative zum gesellschaftlichen Status quo nach dem Ende des Sozialismus. Aber es zeigt, dass innerhalb dieses Status quo Dinge möglich sind, die der Logik des Marktes vollkommen widersprechen, während ihre Produkte denen, die der Markt hervorbringt, klar überlegen sind.
Denn Linux wird von einer ständig wachsenden "Gemeinde" von exzellenten Programmierern auf der ganzen Welt entwickelt. Leute, die als Elite-Informatiker jede beliebige Gehaltforderung erfüllt bekommen könnten, arbeiten unbezahlt, oft in ihrer Freizeit an einem Programm, das nicht vorrangig als kommerzielles Produkt gedacht ist.
Jeder kann Linux aus dem Internet herunterladen und kopieren, ohne dafür zu bezahlen. Im Gegensatz zu kommerzieller Software wie etwa der von Microsoft kann man auch den so genannten "Quellcode" (source code) studieren, also die Computerbefehle, die das Programm zum Laufen bringen. Damit ist nicht nur ein Maximum an Transparenz gewährleistet, sondern auch eine Grundbedingung kapitalistischen Wirtschaftens ausgehebelt: das Eigentum an Ideen, das bei Wirtschaftsunternehmen durch Patente und rigide Geheimhaltung gesichert ist. Bei Linux wird schlicht alles freigegeben und offen gelegt, womit man Geld verdienen kann - ganz nach der alten Hackerparole: "Information wants to be free."
Dass eine komische Gruppe von Hackern, die sich nicht um den Schutz von geistigem Eigentum schert, eins der erfolgreichsten und stabilsten Betriebssysteme, das es je gab, entwickelt, ist ein Phänomen. In den letzten Monaten ist nun gleich ein halbes Dutzend Bücher erschienen, das sich diesem Phänomen widmet.
Auf Deutsch liegt "Software-Rebellen - Die Erfolgsstory von Linus Torvalds und Linux" von dem britischen Journalisten Glyn Moody vor. Das Buch ist eine Art Biografie des alternativen Betriebssystems. Moody hat über 50 Interviews mit wichtigen Figuren aus der Freien-Software-Szene geführt. Sein Buch kann man lesen, ohne Informatik studiert zu haben. Denn Moody ist Journalist genug, um seine Materie trotz penibler Faktendarstellung verständlich zu vermitteln.
Außer Linux beschreibt er auch eine Reihe von anderen Projekten aus dem Bereich der freien Software. Und er erklärt den philosophischen und theoretischen Hintergrund, ohne den das Entstehen von Linux unmöglich gewesen wäre. Dazu gehört das Programm die Free Software Foundation des amerikanischen Programmierers Richard Stallmann, der seit fast 20 Jahren die Idee freier Software propagierte.
Dazu gehören aber auch die Aufsätze von Eric Raymond, dem Apostel von "Open Source"-Software, der die Entstehung von Linux mit den Vorgängen auf einem Basar verglichen hat. Während die Entwicklung eines Programms wie Windows dem Bau einer Kathedrale gleicht, bei der ein Architekt die Arbeit von Tausenden von Handwerkern überwacht, entsteht Linux in einem scheinbar vollkommen chaotischen Prozess, bei dem jeder
Leider konnte Moody in sein Buch nicht mehr die neuesten philosophischen Urteile über Hacker und freie Software einfließen lassen, die der finnische Philosophieprofessor Pekka Himanen in seinem Buch "The Hacker Ethic" ausführt. Er argumentiert, dass die Entstehung von freier Software einen Paradigmenwechsel anzeigt. Himanen konstruiert die Hackerethik als Gegenentwurf zur "protestantischen Ethik" Max Webers.
Bei der Hackerethik geht es um Selbstorganisation und den freien Austausch von Information - nicht für Geld, sondern um des geteilten Vergnügens willen. Dass diese Logik der des Marktes widerspricht, ist offensichtlich. Ob sie andere Bereiche der kapitalistischen Gesellschaft "infiziert", wie Himanen zu hoffen scheint, bleibt abzuwarten.
Glen Moody: Die Software Rebellen - Die Erfolgsstory von Linus Torvalds und Linux, Verlag moderne Industrie, 59 Mark