Du sollst Dir kein Bildnis machen: die Ausstellung „Iconoclash“ in Karlsruhe am Zentrum für Kunst und Medientechnologie

Von Tilman Baumgärtel

Als die Taliban im vergangenen Jahr die historischen Buddha-Statuen in Bamiyan sprengten, wurde dies in der westlichen Welt als ein Akt barbarischer und kulturloser Bilderstürmerei wahrgenommen. Niemand kam auf die Idee, dass die Empörung über so viel Geschichtsvergessenheit einem Land, das – wie zum Beispiel Deutschland – große Teile seiner historischen Altstädte, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben, abgerissen hat, um die City autofreundlicher zu machen, nicht gut zu Gesicht steht.

Dabei beweist nicht nur der systematische Abriss ganzer historischer Quartiere in West-Deutschland wie in der DDR, dass ikonoklastische Tendenzen kein Relikt aus der Zeit der Religionskriege sind, sondern auch im Europa der Gegenwart noch existieren. Die Ausstellung „Iconoclash“, die zur Zeit im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe zu sehen ist, zeigt auf, dass gerade in der Kunst der modernistischen Avantgarde die Auslöschung oder Zerstörung von Bilder und Kulturgütern eine zentrale Rolle gespielt hat. Von Courbets Teilnahme an der Niederreißung der Säule auf dem Place Vendôme bis zu Robert Rauschenbergs „Erased de Kooning Drawing“, von der Destruktionskunst Gustav Metzgers oder Gordon Matta-Clarks bis zu Joseph Beuys, der eine goldene Zarenkrone einschmolz, um aus ihr eine Hasenskulptur zu gießen, waren es erstaunlicherweise oft gerade Künstler, die sich besonders „Taliban-mässig“ verhielten.

Und auch jenseits der bildenden Kunst ist das 20. Jahrhundert reich an meist ideologisch begründeten Bilderstürmereien: nicht nur die Nationalsozialisten säuberten die deutschen Museen von „entarteter Kunst“, auch die Diktaturen in Osteuropa und in Lateinamerika hatten immer einen besonders aufmerksamen Blick auf unbequeme oder politisch missliebige Kunst. Und wenn auch staatlich angeordnete Kunstzerstörungen wie die Planierung einer Open-Air-Ausstellung mit Soz-Art-Kunst in Moskau das Privileg sozialistischer Regime waren, so hat es auch im angeblich so liberalen (West-)Deutschland immer wieder Versuche gegeben, unerwünschte Bilder zu verbieten. Dazu gehört die Zerstörung einer Ausstellung des Politgrafikers Klaus Staeck durch CDU-Politiker genauso wie die gerade erfolgte Anzeige gegen die Ausstellung des Norwegischen Künstlers Bjarne Melgaards in Herford oder die nach dem Massaker von Erfurt immer wieder vorgebrachten Forderungen nach einem Verbot von „Ballerspielen“ wie „Counterstrike“.

Die unglaublich materialreiche Karlsruher Ausstellung will nun einen Überblick über das historische Phänomen der Bilderstürmerei zu liefern. Die Kirchenschändungen zur Zeiten der Reformation werden ebenso wie der fast vollständige Abbruch der Berliner Mauer thematisiert, die Entfernung der Fettecke von Joseph Beuys durch eine Putzfrau gleich neben der Stürmung und Zerstörung der Pariser Bastille dokumentiert. Und schon 1865, so erfahren wir, musste in Bern trotz Bürgerprotesten ein mittelalterlicher Stadtturm dem Bahnhof weichen.

Im Mittelpunkt von „Iconoclash“ steht freilich ganz klar das 20. Jahrhundert. Die Vorstellung von einer vollkommenen Tabula Rasa, vom Ende aller traditionellen Kunstproduktion zugunsten einer vollkommenen neuen Kunst hat besonders in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg die europäischen Avantgarden wie Dada, Futurismus, Suprematismus und Kubismus motiviert. Sie hat nicht nur dazu geführt, dass von Künstlern immer wieder das „Ende der Kunst“ proklamiert wurde, sondern auch das die Materialien der Kunst einer gnadenlosen Überprüfung unterzogen wurden, zu der auch gelegentlich die vollkommene Vernichtung gehörte.

Wer die Treppe in die Ausstellungshalle hinabsteigt, steht als erstes vor *der* Ikone dieser modernistischen Totalauslöschung alles künstlerischen Erbes: Malevitchs „Schwarzes Quadrat“, das hier von den weniger bekannten Bildern „Schwarzes Kreuz“ und „Schwarzer Kreis“ flankiert wird. Schon hier wird deutlich, dass man es sich beim ZKM leisten kann, herbeizuschaffen, was die internationalen Museen so zu bieten haben. Mit finanziellen Mitteln, wie sie wohl nur wenigen deutschen Kulturinstitutionen zur Verfügung stehen, hat man nicht nur eine riesige Ausstellung zeitgenössischer Kunst aufgebaut, sondern auch noch Exponate aus Naturwissenschaft, Computerwissenschaft und Musikgeschichte zusammengetragen.

Fast scheint es, als habe die Ausstellung Angst vor der Bilderlosigkeit, die sie behandeln will, und hat gerade darum so viele Bilder angesammelt. Sieben Kuratoren und sechs wissenschaftliche Berater (unter ihnen Bruno Latour, Hans Ulrich Obrist, Boris Groys und Hans Belting) haben unter Leitung von ZKM-Chef Peter Weibel so viel Material aufgetürmt, dass man sich in der Ausstellung mühelos einen ganzen Tag aufhalten kann, bevor man eine weitere Woche in dem 700-Seiten dicken Katalog liest. Dabei hätte sich die Ausstellung an einigen Stellen durchaus weniger um Vollständigkeit bemühen müssen. So finden sich neben Malevitchs „Schwarzem Quadrat“ unter anderem monochrome Bilder von Martin Kippenberger, General Idea, Imi Knoebel, Gerhard Richter und Allan McCollum. Auch die Arbeit mit Bilderrahmen erscheint in der Ausstellung geradezu als eigenes Subgenres der Kunst des 20. Jahrhunderts. Keilrahmen und mit zur Wand gekehrten Bildseite angebrachte Gemälde in allen Formen, Größen und Hängungen gibt es unter anderem von Timm Ullrichs, Giulio Paolini, Franz Erhard Walter, Claude Rutauld, Peter Weibel und abermals Imi Knoebel zu besichtigen. Und auch Joseph Beuys berühmtes „Manifest“ von 1985 darf nicht fehlen: „Der Fehler fängt schon an, wenn einer sich anschickt, Keilrahmen und Leinwand zu kaufen“.

Die Ausstellung „Iconoclash“ zeigt, dass derartige Ansichten nicht erst von konzeptuell arbeitenden Künstlern des 20. Jahrhunderts vertreten wurden, sondern schon seit Jahrtausenden kursieren, und das ist ihr größter Verdienst. Das Bilderverbot der monotheistischen Religionen, das im Christentum wie im Islam eine Rolle spielt, war auch eine Methode sich von „Vielgötterei“ und „Götzendienst“ zu distanzieren: „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, heißt es in den zehn Geboten, die Moses von einem durch Wolken und rauch verhüllten Gott zu hören bekam. Die Zerstörung der Buddha-Statuen durch die Taliban waren daher eigentlich nur die Ausführung des Willens des christlichen Gottes.

Dass sich die Kunst im 20. Jahrhundert immer stärker von der Bilderproduktion abgewandt hat, könnte aber auch einen anderen Grund haben, den die Ausstellung mit Arbeiten von Peter Robinson und dem Schriftsteller Richard Powers nur andeutet: dass nach der Bilderinflation, die Fotografie, die Printmedien und das Fernsehen im 20. Jahrhundert ausgelöst haben, das 21. Jahrhundert von den nicht eben bilderfreundlichen Computern geprägt sein dürfte. Die Bildern könnte dann Icons, Code und Diagrammen abgelöst werden. Schon jetzt sehen viele Arbeiten von General Idea, Joseph Kosuth oder Roman Opalka aus den Sechziger Jahren aus wie Computer-Infografiken oder –Programme.

„Iconoclash“ bis zum 4. August am Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, Katalog 35 Euro.

Die Website der Ausstellung

www.iconoclash.de

Das ZKM im Internet

www.zkm.de

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