Es war die erste weltweite Wahl per Internet: im Oktober 2000 bestimmten Netznutzer in der ganzen Welt den Vorstand der Icann, kurz für Internet Corporation for Assigned Names and Numbers, auch bekannt als die "Regierung des Internets". 30 000 Aus Europa wurde damals Andy Müller-Maguhn, der Sprecher des Chaos Computer Clubs, in den Vorstand entsandt.

Diese Übung in internationaler Netz-Demokratie soll nicht wiederholt werden - jedenfalls nicht, wenn es nach dem derzeitigen Geschäftsführer der Icann geht. Stuart Lynn hat vorgeschlagen, die Vertreter der Nutzer durch Regierungsvertreter zu ersetzen. Weltweite Wahlen soll es nicht mehr geben. Aus welchen Ländern die Regierungsvertreter stammen sollen, sagte er nicht.

"Wenn der Icann-Prozess gelingen soll, muss diese Reform die unsichere institutionelle Basis durch eine effektive Partnerschaft von öffentlichem und privaten Sektor ersetzt werden", begründete der Icann-Chef sein Umstrukturierungskonzept. Regierungsvertreter seien bessere Repräsentanten der Öffentlichkeit als "ein paar tausend selbst ernannte Wähler".

Die Vertreter der "selbst ernannten Wähler" sehen das naturgemäß anders. Für Direktor Andy Müller-Maguhn wäre die Netzbehörde dann eine "vollkommen andere Organisation". Er argumentiert: "Die Icann ist urspünglich als Interessenausgleich zwischen Betreibern und Nutzern des Internets gegründet worden. " Außerdem ärgert ihn der Alleingang von Lynn. Müller-Maguhn erfuhr vor den Plänen zur Umstrukturierung nur durch Zufall.

Auch Sabine Dolderer, Vorstandsvorsitzende von Denic, der Vergabestelle für Internetadressen, die mit ". de" enden, äußert sich über den Vorstoß von Lynn verärgert: "Diese Vorgehensweise ist nicht so offen, wie Icann sein sollte. " Statt sich um die technische Verwaltung des Internet zu kümmern, würde sich dieOrganisation zunehmend anmaßen, auch andere Fragen zu regulieren, zum Beispiel Copyright und Markenrecht. Die Idee, einen Teil der Vorstandsposten mit Regierungsmitgliedern zu besetzen, lehnt sie ab: "Die Icann ist formal eine Company nach kalifornischem Recht. Regierungsmitglieder wären also plötzlich im Vorstand eines Unternehmens. Dabei sind Interessenkonflikte nicht auszuschließen. " Treffen in Ghana Ob sich Lynn mit seiner Idee durchsetzen kann und die Internet-Wahlen, die im Oktober 2002 wieder stattfinden sollte, abgeschafft wird, soll sich nächste Woche in Akkra in Ghana entscheiden. Dort trifft sich nämlich vom 10. bis zum 14. März das Icann-Direktorium.

Falls die Nutzervertreter aus dem Gremium gekegelt werden, befürchtet Andy Müller-Maguhn, dass Icann ihre Geschäfte in Zukunft ohne Widerspruch führen kann. Als "interne Opposition" habe er vor allem versucht, in dem Gremium Diskussionskultur durchzusetzen, sagt er und erzählt die folgende Anekdote: Bei einer Vorstandssitzung in Stockholm sollte als erster Tagesordnungspunkt das Protokoll vom letzten Als einziger Icann-Direktor wollte er dieses Protokoll lesen, bevor er ihm zustimmte. Schließlich musste Konferenzleiter Vint Cerf zugeben: Das Protokoll existierte gar nicht. Müller-Maguhn: "Da wurde vorher überhaupt nicht nachgefragt oder diskutiert. Das war wie im ZK der SED. "