Skulpturen aus Techno-Schrott // Die Künstler der Gruppe Redundant Technology Initiative (Initiative für überflüssige Technologie) arbeiten seit 1996 in Sheffield zusammen.

Das Kollektiv baut aus ausgedienten Rechnern eigene Installationen und Skulpturen. Außerdem betreibt es den "Access Space", einen Workshop, in dem Leute, die keinen eigenen Rechner haben, Zugang zu digitaler Technologie erhalten. Auch hier stehen natürlich nur alte Computer.

Auch wenn Redundant Technology Initiative für ihre Installationen jedes Mal Tonnen von alten Computern zu Low-Tech-Kunstwerken verarbeitet: So viele Rechner wie Unternehmen und Privatleute bei der Künstlerinitiative loswerden wollen, können sie gar

Redundant Technology Initiative im Internet www. rti. org REDUNDANT TECHNOLOGY INITIATIVE Die Installation "Landfill" der Redundant Technology Initiative (Detail)

James Wallbank ist der Gründer der Redundant Technology Initiative (RTI). Die britische Künstlergruppe rettet seit 1997 alte Computer vor der Müllkippe und benutzt sie für ihre Installationen und Skulpturen.

Worum geht es bei der Redundant Technology Initiative (RTI)?

Die Idee zu RTI kam mir 1996 in Sheffield. Es sah damals so aus, als müssten wir eine Menge Geld zusammenbekommen und uns ein paar Macintoshs kaufen, um Medienkunst produzieren zu können. Heute benutzen wir ausschließlich Technologie, die wir umsonst bekommen können. Und das kreative Problem besteht darin, damit etwas Interessantes anzustellen.

Woher bekommen Sie die ganzen Computer?

1997 haben wir 2 000 Flugblätter gedruckt. Auf denen stand: "Wenn Sie Müll-Computer haben, wenn Sie Ihr Computersystem auf den neuesten Stand bringen - werfen Sie die Rechner nicht einfach weg! Rufen Sie uns an!" Wir wollten diese Zettel eigentlich bei Unternehmen in der Gegend verteilen.

Aber einige unserer Freunde waren daran interessiert, und wir haben ganz willkürlich, ohne irgendeinen Plan, 200 Blätter verteilt - und plötzlich klingelte dauernd das Telefon! Bei uns riefen jeden Tag vier oder fünf Leute an, die unbedingt ihre Computer loswerden wollten. Wir bekamen hunderte von Computern - so viele, dass wir uns nicht mehr trauten, die übrigen Flugblätter zu verteilen!

Wie viele haben Sie jetzt?

Wir haben gerade ausgeräumt .

Was, jetzt werfen Sie selbst schon Rechner weg?

Na ja, wir nehmen die Computer auseinander und recyceln sie auf umweltfreundliche Art und Weise. Wir haben gerade 8 000 Kilo Computerteile auf den Müll gebracht. Monitore sind voll mit giftigen Chemikalien und Schwermetallen und müssen darum auf ökologische Art und Weise entsorgt werden. Wir benutzen ein kommerzielles Unternehmen, das die Rechner weiterverarbeitet. Die bekommen im Schnitt täglich 450 PCs!

Die meisten Maschinen, die wir jetzt haben, sind PCs mit 486er-Chips. Diese Art von Rechner kann man jetzt überall umsonst bekommen. Die besseren Maschinen, die wir bekommen, sind Pentium 90 s und Pentium 133 s. Das ist doch irgendwie komisch, denn vor nur vier Jahren war das eine Eins-a-Ausstattung, und jetzt fliegt das Zeug auf den Müll. Ich will wissen, was da los ist. Die Leute scheinen vom neuesten, schicksten und teuersten Equipment hypnotisiert zu sein.

Die "interaktiven Installationen" in der Medienkunst der Achtziger- und Neunzigerjahre brauchten schnelle Computer, weil sie den Benutzern anspruchsvolle Interfaces bieten wollten . . .

Ich habe starke Zweifel an der Idee, dass bessere Technologie auch höhere Kreativität bedeutet. Niemand würde sagen: "Schwarzweiß-fotografie ist Müll. Farbfotografie ist viel besser, weil sie dasselbe kann wie Schwarzweiß und außerdem noch in Farbe ist. " Niemand sagt so etwas, weil es vollkommen idiotisch wäre!

Aber genau dasselbe wird ununterbrochen über Computer gesagt. Da heißt es dann: "Hohe Auflösung ist besser als niedrige Auflösung. Millionen von Farben sind kreativer als 16 Farben. Hunderte von Megabits bieten mehr kreative Möglichkeiten als fünf Megabits. " Das sind Pseudo-Argumente. Es geht um Kreativität und tolle Ideen, nicht um schnelle Hardware.

In der Medienkunst wird es jetzt populär, mit Lowtech-Equipment zu arbeiten, während es noch vor ein paar Jahren schick war, mit den schnellsten und teuersten Silicon Graphics Maschinen zu arbeiten. . .

Bei der Trash-Technologie gibt es jedes Jahr Upgrades, ohne dass man dafür bezahlen muss. Wir sind inzwischen soweit, dass man auf einer Maschine, die keinen Pfennig kostet, alles machen kann, was man als normaler Computernutzer so braucht. In unserem "Access Space" benutzen wir das Gratis-Betriebssystem Linux, mit einem X-Win- dow-Interface, einem Webbrowser, einer Textverarbeitung, einem Grafikprogramm und anderer Software. Mit dieser Ausrüstung hat man alle Tools, die man braucht, um eine globale Internetkampagne zu beginnen - und es kostet überhaupt nichts!

Glauben Sie, dass dieses Interesse an Lowtech etwas mit der Verbreitung des Internets in den letzten Jahren zu tun hat?

Ja, es ist absolut entscheidend, dass zum Beispiel HTML, der Code, in dem Webpages geschrieben werden, ganz einfach ist. Für den Fall, dass sich das noch nicht herumgesprochen hat: Man kann eine Website in fünf Minuten mit einem Gratis-Programm wie Word Pad machen.

Man kann sehr tolle Sachen machen, wenn man sich die Technologie auf eine Art und Weise aneignet, die nicht so vorgesehen war. Wir ignorieren einfach die Vorgaben der Hersteller dieser Maschinen.

Haben Sie ein persönliches Verhältnis zu diesen Maschinen? Mögen Sie sie? Macht Sie diese Technologie an?

Ich glaube, was wir mit Redundant Technology Initiative machen, ist eine Entmystifizierung von Technologie. Diese ganzen Computer - die sind Müll, wissen Sie. Sie sind sehr schlampig zusammengehauen. Sie bestehen nur aus etwas Metall, etwas Plastik und ein paar Kabeln.

Sie werden natürlich sehr gewissenhaft verpackt, wenn sie neu sind, damit man glaubt, dass sie wirklich 1 000 Pfund wert sind. Aber eigentlich sind sie nur Plastikkisten mit einem Metallrahmen und einigen Bauteilen drin. Die Herstellungsqualität von Computern ist unglaublich niedrig. Eigentlich sind sie ziemlich glanzlose Konstruktionen aus Metall und Plastik.

Wenn ein Computer bei uns ankommt, hat er Kratzer und der ganze Glamour ist dahin. Alles, was übrig geblieben ist, ist eine beige Kiste, die schon etwas gelb geworden ist, wenn der User zufällig ein Raucher sein sollte. Wenn man das Chassis öffnet, sieht man innen Schichten aus Staub und Schmutz. Ich vermute, das sind die Hautzellen von Büroangestellten, die sich zu so einer grauen Masse zusammengeklumpt haben. Und erst die Tastatur! Die ist meist am ekelhaftesten und versifftesten. Es ist toll, wenn man merkt, dass man diese Teile nicht wie heilige Reliquien behandeln muss. Wenn uns ein Computer runterfällt, ist das auch okay. Es gibt noch hunderte davon.

Also, um die Frage zu beantworten: Ja, ich finde es aufregend, dieses Zeug zu benutzen. Aber ich betrachte jede einzelne Maschine nur als einen Baustein, als ein Instrument, mit dem man etwas machen kann.

Sie betrachten sich also nicht als Computerfreak oder Nerd?

Na ja, ich mag ein Computerfreak sein, aber ich will, dass diese Teile etwas Aufregendes tun. Ich will sie nicht einfach nur aufheben und wie ein Haustier behandeln. Es gibt die Versuchung, Computer zu sammeln, weil es irgendwie niedlich oder von historischem Interesse ist, aber bei unserem Projekt versuchen wir, keine derartige Nostalgie aufkommen zu lassen. Wenn wir mit einem alten Computer nicht mehr arbeiten können, behalten wir ihn auch nicht.

Uns interessiert die uncoolste Technologie, die wir finden können. Wenn man den Wert von Technologie betrachtet, ist das so ähnlich wie bei der Mode. Die ist auch zuerst sehr teuer, aber schon nach etwa sechs Monaten wird sie plötzlich viel billiger. Und nach 18 Monaten will man sie auf keinen Fall mehr tragen, auch wenn sie vor einem Jahr noch total schick war.

Das Interview stammt aus dem Buch "net. art 2. 0 - Neue Materialien zur Netzkunst" von unserem Redakteur Tilman Baumgärtel, das in diesen Tagen beim Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg, erscheint.