Walter Kempowski sitzt mit gesenktem Kopf auf der Bühne, und tut so, als würde er nichts wahrnehmen. Bloß gelegentlich zeigt ein langsames Schütteln des gesenkten Hauptes an, daß er doch mitbekommt, was sich da um ihn herum abspielt: "eine Art Mikrowelle für das Gehirn", hatte er es zuvor genannt, "eine Katastrophe allererste Ranges", "absoluter Quatsch", der ihm "physisch unangenehm" sei, und überhaupt: "eigentlich eine Qual". Hinter ihm wird ein Ausschnitt aus "Feuersteins Nacht" an die Wand projiziert. Als der Clip vorbei ist, fragt ihn die Moderatorin, wie es ihm gefallen habe. "Dazu", murmelt Kempowski mit immer noch gesenktem Kopf, "möchte ich mich nicht äußern."
Kempowski hat ein Buch über dieses "infernalische Treiben" geschrieben: "Bloomsday" ist ein detailgenaues Protokoll eines Zapping-Tages vor dem Fernseher. Bisher hat es sich trotz ausführlichen Kritiken in allen deutschen "Leitmedien" erst 500mal verkauft. "Die Leute wollen das nicht wissen", ist sich Kempowski nun sicher.
Und jetzt wird er beim Berliner Medienfestival "Transmediale" auch noch neben Herbert Feuerstein auf die Bühne des Podewils gesetzt. Der hatte in seiner WDR-Sendung "Feuersteins Nacht" zwölf Stunden lang Non-Stop-Fernsehen live aus seiner Wohnung gemacht. Feuersteins postmoderne Ironie gegen Kempowskis "kritische Haltung", die manchmal in schieren Kulturpessismus umschlägt - viel zu diskutieren hatten die beiden eigentlich nicht. Aber nach einem weiteren Ausschnitt aus "Feuersteins Nacht", der Feuerstein beim Schlafen zeigt, muß Kempowski dann doch mal nachfragen: "Fühlen Sie sich nicht mitschuldig daran, wie unser Leben verhunzt wird?" Nein, antwortet der, als nächstes wolle er jetzt "eine Sendung machen, die nie mehr aufhört."
Aber Moment mal? Sind wir hier nicht bei der "Transmediale", dem Berliner Medienfestival? Versteht wir darunter nicht eher "neue Medien" wie Video, Computer oder Internet? Was machen dann zwei Leute wie Kempowski (Schriftsteller) und Feuerstein (Fernsehen) da vorne auf der Bühne? Sind sie nicht eher Repräsentanten der "alten Medien"?
Die "Transmediale", wie man sie dieses Jahr parallel zur Berlinale (www.berlinale.de) erleben konnte, ist Produkt einer spezifisch Berliner Malaise: Während in anderen Ländern und in anderen deutschen Städten die Medienfestivals von der jeweilig zuständigen Stadt mit Mitteln nur so zugeworfen werden (Standortvorteil! Neue Investitionsbranche! Innovative Ideen!), krebst das Berliner Medienfestival "Transmediale" am Existenzminimum dahin.
Städte wie Osnabrück, Kassel, Karlsruhe, Dessau oder Köln leisten sich regelmäßig den "Luxus" eines Medienfestivals. Nicht so die "Dienstleistungs- Hauptstadt" Berlin. Hier sind Leute wie die Veranstalter der "Transmediale" offenbar mehr oder weniger sich selbst überlassen. Im vergangenen Jahr konnte das ehemalige "VideoFest" nicht wie sonst parallel zur Berlinale stattfinden, weil die Mittel von der komatosen Berliner Stadtverwaltung zu spät bewilligt worden waren. Die "Transmediale" gab es stattdessen im Mai 1997, und trotz attraktivem Programm blieb der Saal des Podwils meist halb-leer.
In diesem Jahr war - trotz gleichzeitiger Berlinale- Konkurrenz - der Saal des Podewils meist gut gefüllt. Und bei den Highlights (wie bei der Präsentation von Lynn Hershman oder dem Treffen Kempowski- Feuerstein) war es sogar richtig voll. Außerdem war in diesem Jahr mit der Kulturveranstaltungs-GmbH ein neuer Träger für die "Transmediale"gefunden worden - aber richtige Begeisterung wollte trotzdem nicht aufkommen. Sei es aus Konzeptionslosigkeit, sei es aus Kostengründen: das Gesamtprogramm war eher dünn und hätte mühelos auf ein Wochenende eingedampft werden können.
Offenbar um Vortrags- und Reisekosten zu sparen, waren zahlreiche der Veranstaltungen von außen organisiert worden. Das Institut für Neue Medien aus Frankfurt/Main und das ZKM aus Karlsruhe bestritten einen guten Teil des Programms mit Eigenproduktionen, die zum Teil in reichlich schamlose Selbst-Promotion ausarteten. Auch das das Fernsehen bei dieser Transmediale so stark im Mittelpunkt stand (bei Podiumsdiskussionen zu so packenden Themen wie "Qualitätsfernsehen: Straßenfeger oder Quotenkiller?"), verblüfft: dafür gibt es eigentlich genug andere Kongresse und Konferenzen, denen die kleine "Transmediale" nicht das Wasser abgraben kann.
Im Gegensatz zum vergangenen Jahr spielte dagegen das Internet in diesem Jahr so gut wie keine Rolle: außer einigen Surfterminals und einer Handvoll Links auf der Homepage der "Transmediale" zu Netzkunst auf anderen Servern fand das "Netz der Netze" bei dem Medienfestival nicht statt.
Dafür gab es noch einige Computer, an denen man sich CD-Roms ansehen konnte, etwas Medienkunst, die so aussieht, wie man sich Medienkunst eben so vorstellt, und als Ehrengast den ewigen David Larcher, der kurz zuvor schon einmal in Berlin war: Es bleibt zu hoffen, daß die "Transmediale" nach offenbar erfolgter organisatorischen Konsolidierung im nächsten Jahr wieder stärker an einer inhaltlichen Profilierung arbeiten kann.