Unbekannter am Swimming Pool

Das Schwule Museum zeigt Privatbilder des deutschen Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau

Von Tilman Baumgärtel

Einen Satz wie diesen kann man sich auf der Zunge zergehen lassen wie ein Stück Konfekt: “Die Homosexualität Murnaus war wie ein Privatzimmer, zu dem sein Bruder Robert Plumpe den Zugang verwehrte.” So steht es auf einer Texttafel neben einem Portrait des deutschen Stummfilm-Regisseurs, der durch Filme wie “Nosferatu” oder “Faust” international so für Aufsehen sorgte, dass er Ende der 20er Jahre nach Hollywood geholt wurde. Das Schwule Museum zeigt Bilder aus dem privaten Photoalbum Murnaus, die er zum größten Teil selbst aufgenommen hat.

Wir sehen Bilder von Dreharbeiten, von Badenachmittagen an der Havel und später am Pool seiner Villa in Hollywood, von Reisen auf Murnaus Yacht. Viele von ihnen sehen aus wie Standbilder aus Filmen, die Murnau nie gedreht hat. Besonders eine Bilderserie, die Matrosen zeigt, hat genau die luminöse En-plein-air-Qualität, die Murnaus letzten Film “Tabu” auszeichnet, bei dem Murnau die expressionistischen Schattenspiel seiner deutschen Filme endgültig hinter sich gelassen hatte.

Auf diesem Film liegt auch der Schwerpunkt der Ausstellung. “Tabu” wurde in Zusammenarbeit mit dem Dokumentarfilmer Robert Flahery ausschließlich an Orginaldrehorten in der Südsee gedreht und wird in der Ausstellung als camper Kultfilm dargestellt: In den “kargen Zeiten der Abstinenz schwuler Themen und Figuren” sei dieser Film, der von der Liebe von einem Perlenfischer zu einem Mädchen handelt, “die rare Ausnahme” und eine “Abfolge von homoerotischen Wunschbildern in einer heterosexuellen Liebesgeschichte gebettet, die tragisch endet”.

Murnaus Homosexualität bestimmt die ganze Ausstellung. Zwar kriegt in einem Wandtext die deutsche Filmkritikerin Lotte Eisner eins übergebraten, weil sie Murnaus “natürliche Neigung” als prägend für seine Filmästhetik erklärt. Aber gegenüber hängt ein Zitat von Frieda Grafe, die sinngemäss das selbe sagt: “Sein Libido, seine Wünsche und sein Verlangen, man sieht sie (in seinen Filmen) zirkulieren.”

Die Bildauswahl konzentriert sich stark auf die Aufnahmen, die Murnaus “Jungs” (wie es auf der Website zu der Ausstellung heißt) zeigen: gut gewachsene junge Männer mit markanten Zügen, die in den Bildunterschriften oft als “Unbekannter am Swimming Pool” firmieren. (Frauen sind auf den Fotos kaum zu sehen, allerdings eine Reihe von Stars wie Douglas Fairbanks und Emil Jannings.) Gelegentlich kommt man sich beim Betrachten der Bilder wie ein Voyeur vor.

Etwas problematisch wird das alles bei den Bildern von den jungen Männern, die Murnau für “Tabu” rekrutiert hatte. In dem Film inszenierte er die Südsee als ein bukolisches Idyll, das sie zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr war, und steckte seine Darsteller in Lendenschurze und Bambusröckchen.

Die Bilder der halbnackten Komparsen zeigt, wie diese mit der Entblössung durch den westlichen Regisseur umgingen. Einige von ihnen flirten – mit Blüte hinter dem Ohr – ungeniert mit der Kamera. Andere stehen steif und offensichtlich peinlich berührt herum. Murnau, der über seine Sexualität in der deutschen und amerikanischen Öffentlichkeit schweigen musste, zwang denjenigen, die in der postkolonialen Theorie gerne als die “Subalternen” bezeichnet werden, seinen Blick auf. “Trotz der westlichen Kleider ist ihre ursprüngliche Grazie vage erkennbar”, heißt es auf einer Texttafel zu einem Bild von zwei anderen Männern, die für Murnaus Fotoapparat ihr Oberhemd abgelegt hatten. Hm.

Manche Bilder in der Ausstellung hat man schon anderswo gesehen. Doch der Großteil der Photographien stammen aus einer Sammlung von Stereobildern, die der Forscher Heinrich Gräfenstein 1993 in einem Karton mit Materialien von den Dreharbeiten zu “Tabu” fand. Sie werden jetzt zum ersten Mal – zum Teil riesig vergrößert – in einer Ausstellung gezeigt.

Die Orginalbilder waren in schlechtem Zustand. Aber Gräfenstein konnte in jahrelanger Arbeit mit dem Fotorestaurator Klaus Pollmeier wenn schon nicht die Orginal-Stereoskop-Bilder, aber wenigstens die meisten Motive retten. Ein Bildband, der zeitgleich bei Schirmer/Mosel erschienen ist, enthält noch mehr von Murnaus privaten Fotos.

Von denen Orginal-Stereobildern hätte man gerne mehr gesehen, nachdem man einen Blick durch ein Stereoskop geworfen hat, das das einzige 3D-Bild der Ausstellung enthält: Es zeigt zwei Zeitungsjungen auf einem Bürgersteig in Los Angeles, hinter denen sich ein weites Stadtpanorama auftut. (Die gedruckte Version, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist und seltsamerweise spiegelverkehrt abgezogen wurde, wirkt demgegenüber blass.)

Das Stereoskop-Bild hat genau die forcierte Tiefe, die Murnau bei seinen Filmen mit allerhand Filmtricks produzierte: In “Der Letzte Mann” fahren auf dem Platz vor dem Hotel, in dem der Protagonist als Portier arbeitet, im Hintergrund Miniatur-Autos, um den Raum plastischer wirken zu lassen. Und für sein Meisterwerk “Sunrise. A Song of Two Humans” ließ er ein Café mit zur Kopfwand ansteigenden Boden bauen, in dessen Hintergrund Zwerge herumliefen, um die Raumtiefe dramatischer erscheinen zu lassen.

“Friedrich Wilhelm Murnau - Die privaten Fotografien” bis zum 10. März 2014 im Schwulen Museum