VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Willkommen, liebe Besucher, auf unserer heutigen Internet-Zeitreise in das ranzige Neukölln der noch gar nicht so fernen Vergangenheit. Wir werden auf unserer Tour inzwischen weitgehend verschwundene Eckkneipen, Trödler und Shisha-Bars sehen. Und freuen Sie sich mit mir auf Begegnungen mit den liebenswerten Neuköllner Originalen der guten, alten Zeit, welche heute anderswo ihre bescheidene Existenz fristen.
Möglich macht das Google: Will man einem Besucher Neukölln zeigen, wie es einmal war, bleibt einem nur ein Blick in Google Street View, das beeindruckende Experiment des Internet-Konzerns mit digitalem Fotorealismus. Die Aufnahmen, die die kamerabewehrten Google-Spezialfahrzeuge im Sommer 2008 vom sonnigen Neukölln machten, sind inzwischen zum virtuellen Stadtmuseum geworden. Lassen Sie uns via Google die Weserstraße, eine der Magistralen von Nord-Neukölln, mit ihrem heruntergekommenen Charme von einst besuchen.
Denn aus dem Glasscherbenviertel von damals ist inzwischen das geworden, was Makler "eine begehrte Wohnlage" nennen. Ab etwa 2005 zog junges Volk aus der ganzen Welt, dem Kreuzberg zu teuer geworden war, über den Landwehrkanal und entdeckte dort ein herrliches Fleckchen Erde mit niedrigen Mieten in unrenovierten, doch soliden und schmucken Altbauten.
Straßenzug um Straßenzug wurde von dieser neuen Klientel erobert. In leer stehenden Ladenlokalen, deren Fenster seit Menschengedenken mit vergilbten Seiten der Morgenpost verklebt waren, entstanden plötzlich Kneipen, Cafés, Bars und Galerien für den Bohème-Bedarf. In den letzten Jahren folgten junge Familien und gehobenere Stände. Mieten und Wohnungspreise haben sich seither teilweise verdreifacht.
Ganz anders bei Google Street View, meine Damen und Herren: Dort erscheint die Weserstraße von 2008 so unverändert wie ein Insekt, das seit Jahrmillionen perfekt erhalten in Bernstein eingegossen ist. Damals war die trendige Pizzeria am Reuterplatz noch genauso ein leerer Gewerberaum wie der Geschenkartikel-Laden schräg gegenüber. Die Weinbar, in der man heute zu seinem Coq au vin ein Glas Grauburgunder serviert bekommt, war - wie man an den mit bodenlangen Gardinen blickdicht gemachten Fenstern erkennt - eine urige Privatwohnung. Der Co-Working-Space Weserland an der Ecke Tellstraße beherbergte einen arabischen Kulturverein. Das Tellstübchen an der gegenüber liegenden Straßenecke, das einst der örtlichen Trinkerszene eine schlicht möblierte Unterkunft bot, ist inzwischen durch eine schlecht ausgeleuchtete Cocktail-Bar für den urbanen Jungmenschen ersetzt worden.
An einigen leer stehenden Läden hingen damals sogar noch Schilder von Maklern, die Mieter suchten! Tempi passati. Wäre es nicht toll, wenn man sich kurz in diese versunkene Welt hineinbeamen könnte, als hier noch Wohnungen für drei Euro pro Quadratmeter angeboten wurden, um schnell einen Mietvertrag zu unterschreiben? Wie man hört, arbeitet Google daran, diese Funktion in die nächste Version von Street View zu integrieren, meine Damen und Herren.
Die ersten Vorboten der Gentrifizierung hatten allerdings 2008 schon eröffnet: Mit den Kneipen Silver Future, Kuschlowski und Freies Neukölln begann auf der Weserstraße die große Landnahme der Nachbarschaft durch die internationale Bohème. Das Loch in der Wand, in der heute die Galerie Su De CouCou ist, war aber noch eine Animierbar. Das Straßenbild wurde zu dieser Zeit noch nicht von Hipstern mit Wollmützen und Macchiato-Eltern mit Kinderwagen geprägt. Bei den Unglücklichen, die von der Google-Kamera fotografiert wurden und nun für immer im digitalen Nirwana feststecken, dominierten die Mühseligen und Beladenen. Ob das ältere Ehepaar vor der Hausnummer 210 noch hier lebt? Oder mussten diese Menschen nach der letzten Mieterhöhung in die Gropiusstadt umziehen?
Mit dieser Frage endet unsere Rundreise durch Berlin, wie es einst arm, aber sexy war, meine Damen und Herren. Das nächste Mal besuchen wir via Google Street View die Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg, um gemeinsam darüber zu staunen, wie sich dort so gar nichts verändert hat.