Zwanghafte Hochlader

Stephen Witts Geschichte der Internet-Piraterie ist so spannend wie ein Krimi

Tilman Baumgärtel

Die Reflexe funktionieren noch: Am 16. Juni diesen Jahres erschien “How Music got free” von Stephen Richard Witt. Das Buch ist eine der ersten Darstellung der Medien-Piraterie, die Ende der 90er Jahre dank Internet und Filesharing-Technologie möglich wurde und die in wenigen Jahren das etablierte Geschäftsmodell der Musikindustrie pulverisierte.

Am selben Tag, um 21 Uhr 8, lud ein gewisser Mohammad_AT einen Torrent dieses Werks auf die Website Piratebay hoch. Seit dem Frühjahr 2014 hat dieser Internet-User dortselbst mehr als 1000 Torrents veröffentlicht – die gesammelten Werke von Lewis Carroll ebenso wie die Juli-Ausgabe von Reader´s Digest. Sogar ein Buch über die dunkle Seite des Internets hat er in seinem Portofolio – wie passend.

Es gibt sie also noch, die zwanghaften Hochlader. „How music got free“ ist ein eloquentes Dokument davon, wie bleiche Keller-Bewohner mit einem Laptop – als solchen müssen wir uns auch Mohammad_AT vorstellen – die Art, wie wir Medien konsumieren, für immer umgestaltet haben. Die Medienindustrie verfolgt Piraten wie ihn seit einem Jahrzehnt mit Anwälten und Klagen. Trotzdem ist jede Art von neu veröffentlichem „Content“ nach wie vor umgehend im Netz verfügbar. Diese Kostenlos-Kultur stellt eine Bedrohung für das Geschäftsmodell von allen da, die mit digitalisierbaren geistigen Eigentums ihr Geld verdienen wollen. Aber es ist zugleich auch Ausdruck des alten – und letztlich emanzipatorischen – Hackermottos „Information wants to be free“.

Phänomene wie Napster, Bittorrent oder die Open-Content-Debatte spielen in dem Buch nur ein Nebenrolle – aber über diese Themen gibt es bereits Literatur. Auch die dramatis personæ, mit denen Witt seine Geschichte erzählt, ist ungewöhnlich und spricht von seiner gründlichen Recherche. Witt beginnt mit dem – im angelsächsischen Raum offenbar immer noch wenig bekannten – deutschen Mathematiker Karlheinz Brandenburg, der Anfang der 90er Jahre am Max-Planck-Institut Erlangen zu den Schöpfer von MP3 gehörte – dem Audio-Format, das Musikdateien überhaupt erst klein genug machte, um sie schnell im Internet verbreiten zu können. Die Geschichte, wie sich MP3 gegen konkurrierende Dateiformate durchsetzte, hätte in den Händen von weniger begabten Autoren zu einem drögen Stück Institutionsprosa werden können – Witt gelingt es, sie so spannend zu erzählen wie einen Krimi.

Während Brandenburg noch zu den bekannteren Figuren in der Geschichte der Internet-Piraterie gehört, wendet sich Witt anschließend Personen zu, die in der einschlägigen Historie bisher keine Rolle gespielt haben: zum Beispiel Bennie Lydell Glover. Angestellter eines CD-Presswerks in den USA, der tausende von Hit-Alben stahl, um sie schon vor Veröffentlichung auf sogenannten Topsites anzubieten. Seine Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, dass es oft unbedeutende Mitarbeiter – meist frustrierte Inhaber schlecht bezahlter McJobs – waren, die der Musikindustrie so furchtbar schadeten.

Glover schlug wenig persönlichen Gewinn aus seinen Aktivitäten, genauso wie Alan Ellis, ein britischer Informatik-Student, dessen Website Oink´s Pink Palace um 2000 eine der wichtigsten Quellen von Qualitätsmusik war – auch er ist in der Geschichte der Internet-Piraterie bisher ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Witts letzter Protagonist ist der amerikanische Musikmanager Doug Morris, den Witt als Retter der Musikindustrie hochstilisiert – er habe einerseits die Strafverfolgung der Netz-Piraten eingeleitet, andererseits Youtube zur neuen Einnahmequelle der Industrie gemacht.

Witt ist ein toller Erzähler, der die unübersichtliche und abstrakte Geschichte der Online-Piraterie – die sich vor allem im Netz unter Protagonisten mit Pseudonym-Kürzeln abgespielt hat – so aufbereitet und anschaulich beschreibt, dass sein Buch sich umstandslos in die Reihe von Klassikern der Computer-Literatur wie „Die Seele einer neuen Maschine“ von Tracy Kidder oder „Hackers“ von Steven Levy einordnet. Auch als Urlaubslektüre geeignet.

Stephen Richard Witt: How Music Got Free: The End of an Industry, the Turn of the Century, and the Patient Zero of Piracy, Viking, ca. 25 Euro

Das Buch “Pirate Essays” von Tilman Baumgärtel erscheint im August bei Amsterdam University Press.