Einen Sack Flöhe zu hüten, wäre wahrscheinlich leichter - die ICANN versucht seit November 2000, Ordnung in das unübersichtliche Internet zu bringen. Wir sprachen mit dem deutschen ICANN-Direktor, Andy Müller-Maguhn.

Herr Müller-Maguhn, Sie treten in der Presse oft mit provokanten Äußerungen auf. Welche Strategie steckt dahinter?

Zunächst geht es darum, bei ICANN eine Diskussionskultur hereinzubringen. Immerhin kann ich einen Erfolg unserer letzten Sitzung in Melbourne vermelden. Es gab dort extrem konspirative Prozeduren. Beispielweise wurde beim gemeinsamen Abendessen eine Diskussion über ein bestimmtes Sachproblem geführt. Am nächsten Morgen wurde über ein Papier diskutiert, das ich nicht vorher gelesen habe. Ich sagte, ich kann doch nicht über ein Papier abstimmen ohne zu wissen, was drin steht. Doch, hieß es, wir hätten nur zwei Minuten Zeit. Da war klar, es ging überhaupt nicht darum, sachlich zu diskutieren, sondern nur darum, etwas abzusegnen. Ich habe danach vorgeschlagen, dass in Zukunft die Thesenpapiere abends in gedruckter Form uns vorgelegt werden. Trotzdem gibt es eine gewisse Blockmentalität.

In Ihrer Regierungserklärung vom November 2000, hieß es, es sei heute radikaler, ins Netz zu gehen als Terrorist zu werden. Endet dieser Anspruch damit, dass man das Prozedere solcher Veranstaltungen optimiert?

Ich versuche, ein Mittler zwischen den Welten zu sein. Das heißt, zwischen Netzbewohnern und Journalisten etwa, die eher von einer Trennung von Sender und Empfänger ausgehen, die wir im Netz nicht durchgehend haben. Mittler aber auch gegenüber Systembetreibern, die Hacker eher als Eindringlinge betrachten, oder gegenüber Geschäftsleuten, die die gesamte Netzkultur nicht verstehen, aber trotzdem versuchen, damit Geld zu verdienen.

Sie haben mal gesagt, Sie machen ihre Arbeit aus "Hackerperspektive". Was ist Ihr bisher größter Hack gewesen?

Möglicherweise war mein größter Hack, bei der ICANN reinzukommen.

Wieso?

Die ICANN ist eine kalifornische Firma, die von der US-Regierung beeinflusst wird und deren Mitglieder hauptsächlich aus der Industrie stammen. Trotzdem erheben sie den Anspruch, alle Netzbewohner zu vertreten. Wenn man sich die Absurdität dieses Gremiums anguckt, dann war das schon ein Hack, da hineinzukommen.

Als es darum ging, welche Unternehmen die Top Level Domains verkaufen dürfen, haben sich 44 Firmen bei der ICANN beworben. Wie geht so etwas vor sich?

Man stelle sich einen großen Saal vor, fast einen Theatersaal, eine Bühne. Auf einem Podest saßen die 18 Direktoren vor einer Menge von Monitoren. Zwei Meter unterhalb des Podestes stand ein Pult, die Antragsteller hatten jeweils drei Minuten Redezeit, um ihr Geschäftskonzept vorzustellen. Nach diesen drei Minuten ertönte ein Gong, so dass die Antragsteller selbst nicht mehr reden durften. Unter den Vortragenden waren auch Vorstandsvorsitzende von namhaften Unternehmen mit seriösen Umsätzen, die unter triefendem Schweiß ihr Konzept vortrugen. Nach dem Gong mussten sie dasitzen wie die Schuljungen und sich von den Göttern aus dem Direktorium befragen lassen. Von 44 Bewerbern wurden dann sieben ausgewählt.

Darunter auch die US-Firma Network Solutions. Sie verwaltet seit Mitte der 90er Jahre die Internet-Adressen, die auf . com enden, und hat dadurch ein Monopol. Wie beurteilen Sie das?

Ich war einer der drei Direktoren, die gegen Network Solutions gestimmt haben. Damit haben wir das natürlich nicht verhindert. Aber es war wichtig zu signalisieren, dass es Spannungen innerhalb des Direktorenboards gibt.

Wieso wird die Vormachtstellung einer Firma von den ICANN-Direktoren geduldet?

Bei der Vergabe der ersten sieben Top Level Domains geht es um seriöse Geldsummen. Network Solutions hatte bereits jahrelang das Monopol auf . com und . net. Möglicherweise gibt es da auch finanzielle Verstrickungen einzelner Board-Direktoren und den von ihnen teilweise vertretenen Unternehmen.

Woher kommen Ihre Vermutungen?

Ein Beispiel: Als ich an dem einen Tag etwas später als die anderen Teilnehmer die Räumlichkeiten verlassen hatte, da ich mich noch in einem Gespräch befand, habe ich gerade noch gesehen, wie zwei große Reisebusse beschriftet mit Schildern der Firma

Viermal im Jahr trifft sich die ICANN. Wie laufen diese internen Verfahren ab?

Im Grunde sind die Sitzungen konspirativ. Es gibt natürlich eine Tagesordnung - an die sich niemand wirklich hält. Die Sitzung besteht im Wesentlichen aus den Abendessen, man sitzt fünf, sechs Stunden zusammen und dann wird auch mal diskutiert, natürlich hinter verschlossenen Türen. Was daran problematisch ist: Teilweise gehen die Sitzung so lang bis in die Nacht hinein, dass am nächsten Morgen die Diskussionskultur gar nicht mehr vorhanden ist, weil alle nur nach Hause wollen. Der letzte Tag der Sitzung ist in der Regel der, für den die Leute mittags ihren Flieger gebucht haben, obwohl es theoretisch bis abends gehen könnte. Zum anderen ist wohl partiell auf eine gewisse Wirkung des vorabendlichen Rotweingenusses und der entsprechenden Übernächtigung hinzuweisen. Ernsthafte Diskussionen sind insofern mitunter auf den offiziellen Sitzungen nur eingeschränkt zu erleben.

Inzwischen booten andere Anbieter die ICANN aus und bieten neue Domains wie . auto oder . bahn an. Was sagen Sie dazu?

Die Firma News. net hat jetzt in Stockholm ein Papier vorgelegt, wie sie sich die Koexistenz mit dem ICANN-Namensraum vorstellen. Das ist so lange technisch unproblematisch, wie es sich um bislang nicht vergebene Namen handelt. Schwierig wird es allerdings, wenn jemand versucht über einen Server aus dem Nicht-ICANN-Namensraum eine Mail in den ICANN-Namensraum zu schicken. Das könnte Probleme geben. Viel schlimmer ist das natürlich, wenn es in den beiden Namensräumen gleich lautende Adressen gibt und dadurch die Gefahr besteht, dass E-Mails beispielsweise den falschen Empfänger erreichen.

Wie Sie vorhin bereits andeuteten, ist das Wahlverfahren der ICANN-Direktoren sehr zweifelhaft verlaufen, die Registrierung klappte nicht etc. Wie will man das zukünftig ändern?

Das ist das nächste strittige Thema, das in Stockholm bereits diskutiert wurde. Ich bin ohnehin nur bis November 2002 dabei. Wie es weitergeht, ist offen. Nach meinen Vorstellungen müsste mindestens die Hälfte des Direktoriums von den Internetnutzern gewählt sein.

Würden Sie noch mal kandidieren wollen?

Ja, nach einer Einlernphase verstehe ich allmählich, wie das läuft, um auch sinnvoll zu arbeiten. Man muss aber auch sagen, dass die Arbeit unter den bisherigen Bedingungen nicht funktioniert.

Was muss sich ändern?

Damit man unabhängig von Industrieinteressen arbeiten kann, wäre es hilfreich, wenn die Direktoren für ihre Arbeit bezahlt würden.

Das Gespräch führten Tilman Baumgärtel und Sabine Rennefanz.