Tilman Baumgärtel Transmediale, Berlin, 29. 1. – 3. 2. 2013CTM Festival, Berlin, 25. 1. – 3. 2. 2013Die Transmediale in Berlin wirkt müde und ausgelaugt, der einst als Party-Ableger des Festivals gestartete Club Transmediale – offiziell inzwischen unter dem sperrigen Namen CTM publiziert – wirkt agil und gegenwärtig. So könnte man den Zustand des Berliner Doppel-Medienfestivals in einem Satz zusammenfassen. Während bei der Transmediale ein verlängertes Wochenende aus zum größten Teil sattsam bekannten Themen ein weiteres Mal Honig gesaugt werden sollten, bot der Club Transmediale Anregung und Unterhaltung auf allen Kanälen und über die ganze Stadt verteilt.

Wie in einem Brennglas wurden die vollkommen unterschiedlichen Intensitätslevel schon beim Vergleich der Ausstellungen der beiden Veranstaltungen deutlich: Die Ausstellung der Transmediale hatte etwas von einem institutionellen Todeswunsch. Auf einer einzigen langen Wand wurden in lockerer französischer Hängung ein Dutzend Arbeiten gezeigt, von denen nur drei aus dem letzten Jahr stammten. Ansonsten wurden einschlägig bekannte Werke aus dem letzten Jahrzehnt rekapituliert. Offenbar gibt es keine Künstler mehr, die zu den Medien der Gegenwart etwas beizutragen haben. Dabei ist es eigentlich nicht so, dass es zu digitalen Medien oder zum Internet nichts mehr zu sagen gäbe. Smartphones und Tabletcomputer in den Händen von jedermann, vollgepackt mit einem undurchsichtigen Ökosystem aus Apps und Firmware. Internetfirmen wie Google und Facebook, die zu veritablen Staaten im Staat geworden sind. Data clouds voll mit Nutzerdaten und Userprofilen. Das wären einige der Themen, an denen sich eine Medienkunst, die Kommentar zur Gegenwartskultur sein will, abarbeiten könnte. Die Existenzberechtigung von Medienkunstfestivals wie der Transmediale besteht gerade darin, solchen Arbeiten eine Plattform zu bieten. Diese Existenzberechtigung scheint die Transmediale aber geradezu mutwillig verspielen zu wollen, und gebärdet sich wie eine Retrospektive einer lange untergegangenen Kunstforum namens Medienkunst. Die Retrospektive der Amerikanerin Sonia Landy Sheridan rief zwar verdienstvollerweise eine in Vergessenheit geratene Medienkünstlerin wieder ins Gedächtnis. Aber ihre mit dem Farbkopierer bearbeiteten Sandwiches waren nicht unbedingt dazu angetan, einen von der absoluten Notwendigkeit solcher Aktivitäten zu überzeugen. Und es bleibt die bange Frage: Sollte ein Festival für Medienkunst nicht eine Art Leistungsschau des Jahres sein? Die tollsten Medienkunstwerke der letzten Zeit zeigen? So wie bei der Berlinale die besten neuen Filme gezeigt werden? Wesentlich gegenwärtiger wirkte dagegen die Ausstellung des Club Transmediale, die im Kunstraum Kreuzberg im Bethanien immerhin einen Monat lang zu sehen war: eine krachende Schau mit Medienkunst, der eine Balance zwischen spektakuläre Schaustücken und diskursiveren Beiträgen gelang. Publikumsliebling der Show war zweifelsfrei die „Vinyl Rallye“ des australischen Künstlers Lucas Abela, eine Rennbahn aus alten Vinylschallplatten, die sich quer durch die Ausstellungsräume wand und durch die die Besucher zwei ferngesteuerte Modellrennwagen lenken konnten. Nicht gerade von überbordendem Tiefsinn, machte aber gute Laune. Andere Arbeiten waren näher an der medialen Gegenwart mit ihren Machtverhältnissen und ihren wirtschaftlichen Realitäten. Im Mittelpunkt der Ausstellung stand die Selbstaneignung von Musik durch die Entität, die früher einmal Publikum genannt wurde, heute aber dank digitaler Medien zu einer Art weiterverarbeitenden Kulturindustrie geworden zu sein scheint. Gleich mehrere Arbeiten widmeten sich da naheliegenderweise Youtube, DEM Spielplatz für kreative Neuinterpretationen von Popkultur. Sakrowskis curatingyoutube.net schichtete unzählige Amateur-Versionen von Skrillexs Stadiontechno-Stück „Scary Monsters And Nice Sprites“ zu gewaltigen Walls of Sound übereinander. Constant Dullaart ließ den klickbaren Pfeil am Beginn jedes Youtube-Videos zittern, wie den Mond auf und unter gehen oder wie eine Diskokugel leuchten, sein amerikanischer Kollege Ben Coonely hatte sich als Reaktion darauf den Kreis rotierender Punkte beim Herunterladen der Videos vorgenommen – die beiden Arbeiten ergänzten sich zu einer Art digitalem Cadavre Exquis. Schon kurz nach der Eröffnung hatten die ersten Kids aus der Kreuzberger Nachbarschaft die Ausstellung als Gratis-Medien-Spielplatz für sich entdeckt. Auch wenn man das übrige Programm der beiden Veranstaltungen miteinander verglich, ging der Club Transmediale als klarer Sieger in Sachen Aktualität und Frische hervor. Bei der Transmediale hatte man das Ewig-Gestrige sicherheitshalber gleich zum Programm gemacht. Das Festivalmotto lautet griffig „BWPWAP“, die Abkürzung von „Back when Pluto was a Planet“. Der Himmelkörper Pluto verlor bekanntlich 2006 seinen Status als Planet. Seither soll im Internetjargon der Ausdruck „Als Pluto noch ein Planet war“ eine idyllische „gute alte Zeit“ bezeichnen. In dieser beschaulichen Periode waren „Mobiltelefone noch nicht smart, Tweets kamen von Vögeln... YouTube war irgendein Web 2.0-Start-up... (und) nur Studenten nutzen Facebook“, wie es auf der Website des Festivals heisst. Um diese bukolische Medienvergangenheit sollte es bei der Transmediale gehen. So machten die Panels bei der Transmediale den Eindruck vollkommener Rückwärtsgewandtheit komplett. Die meisten von ihnen hätte so ähnlich auch schon stattfinden können, als Pluto noch ein Planet war. Interessanterweise waren es die Veranstaltungen zu dem ganz alten Medium Papier, die noch den größten Erkenntnisgewinn brachten. Transmediale-Leiter Kristoffer Gansing wollte seine Veranstaltung als eine Kritik an der Fortschrittsideologie der Medienkunst verstanden wissen, als eine medienarchäologische Position in einer vergangenheitsvergessenen Szene. So kann man es natürlich auch begründen, wenn man keine Lust hat, sich mit der Medienkunst der Gegenwart zu beschäftigen. Tatsächlich ist es wohl auch eher so, dass sich die Medienkunstwelt – so wie die übrige Kunstszene, so wie die gesamte populäre Kultur – seit mindestens zwei Jahrzehnten in einer postmodernen Schleife dreht. Nicht vergangenheitsvergessen, sondern vergangenheitsversessen beschäftigt man sich immer pedantischer mit der eigenen Historie und entdeckt immer Obskureres und Ephemeres aus vorvergangenen Jahrzehnten wieder und wieder neu. Eine Fortschrittsfetischismus ist hier nicht zu konstatieren, eher „future fatigue“, wie es der amerikanische Science-Fiction-Autors William Gibson genannt hat. Wesentlich vitaler kam daher das sonstige Programm des Clubs Transmediale daher. Bei dem „Festival for adventurous music and art“, das zum 14. Mal in Berlin stattfand, bekam man in einer Woche quer durch Berlin eine geballte Leistungsschau der elektronischen Musik und Clubkultur der Gegenwart. Bei oft überfüllten Konzerten lieferten Künstler wie Carsten Nicolai, Pantha Du Prince & The Bell Laboratory, Terre Thaemlitz, ︻╦╤─ ƱZ ─╤╦︻, Holly Herndon, Kode9 und und und eine Bestandsaufnahme zeitgenössischer elektronischer Musik.

Nun ist es zugegebenermaßen leichter, alle Jahre ein Festival mit aktueller Elektro-Musik zu bestücken als ein Festival mit Medienkunst. Deswegen und angesichts der anämischen Präsentation dieses Jahres fragt man sich darum, ob der Transmediale nicht damit gedient wäre, wenn man sie in diesen offenbar eher dürren Zeiten für die Medienkunst als Biennale betreiben würde.