Zwanzig Jahre lang machte William Basinski mit Tonbandschleifen Musik, doch kaum jemand wollte es hören. Aber als er im September 2001 sein Werk "Disintegration Loops" fertiggestellt hatte, rasten kurz danach zwei Flugzeuge ins World Trade Center. Seine hypnotische Komposition aus sich langsam zersetzenden Klängen erschien wie der Soundtrack zu dem furchtbaren Ereignis und machte seinen Schöpfer weltweit bekannt. 2012 ist die Komposition als Exponat für das Ground-Zero-Memorial in Manhattan Am Mittwoch tritt er zusammen mit The Haxan Cloak in Berlin im Berghain auf.
Herr Basinski, Ihre Kompositionen entstehen häufig aus Tonbandschleifen. Was fasziniert Sie daran?
Dass Loops nahtlose Angelegenheiten sind, die keinen Anfang und kein Ende haben. Sie sollen eigentlich für immer andauern. Es liegt in ihrer zyklischen Natur, dass man in ihnen seinen eigenen Raum finden kann. Sie sind so organisch, wie aus einer anderen Welt. Sie tun etwas mit mir, jedes Mal. Ich kann mich in sie fallen lassen.
Wie sind Sie auf diese Kompositionstechnik gekommen?
Während meines Musikstudiums lernte ich John Cage und seine Zufallsoperationen im Kompositionsprozess kennen. Ich hörte auch die frühen Arbeiten von Steve Reich mit loops wie "Come Out", "Music for 18 Musicians". Und ich entdeckte Brian Enos "Music for Airports" mit seinen sehr langen, langsamen Tonbandschleifen. Daran wollte ich anknüpfen. Ich suchte bei Trödlern nach alten Tonbandgeräten und Bändern. Das war billig. Ich nahm auf, was mir gefiel, klebte das Band zu einer Schleife zusammen und hörte mir das immer wieder an. Ich nahm zum Beispiel meinen alten Kühlschrank auf. Der machte ein irres Geräusch mit wunderbaren Obertönen. Wenn man das loopte und das Band langsamer abspielte ... oh Gott! In den späten 70er-, frühen 80er-Jahren habe ich ein riesiges Archiv an Loops aufgebaut, mit denen ich heute noch arbeite.
Mit Computer und Audio-Software sind digitale Loops heute leicht. Wichtige Programme wie Ableton Live basieren sogar ganz auf dem Prinzip des Loops.
Und es wird immer schwieriger, die alten Tonbandgeräte zu finden, mit denen ich arbeite. Ich habe mir gerade zwei alte, kleine Uher-Recorder aus Deutschland gekauft, mit denen ich auf Tournee gehe. Einen Laptop habe ich auch dabei. Das ist der Backup für den Fall, dass eins der Geräte ausfällt. Eine der beiden Maschinen fängt tatsächlich gerade an zu spinnen. Oft versucht man, mit einem neuen Gerät auszuhelfen. Aber meist sind die mir technisch viel zu anspruchsvoll.
Aber was ist der Unterschied zwischen digitalen Loops und Tonbandschleifen?
Mir macht es einfach mehr Spaß, mit diesen Band-Spaghetti zu spielen. Es ist haptisch und chaotisch, und man weiß nie genau, was passieren wird.
Was war das Ausgangsmaterial, das Sie für Ihr bekanntestes Werk, die "Disintegration Loops", benutzt haben?
Ich wohnte Anfang der 80er-Jahre in Manhattan in einem riesigen Loft, durch das viele Kabel verlegt waren, weil ich dort auch mein Studio hatte. In der Nähe war eine starke Radioantenne, die sogenannte "American Popular Standards" ausstrahlte - das waren Streicherversionen bekannter Popsongs.
So eine Art Muzak?
Ja, genau. Der Sender war so stark, dass die Kabel in meinem Loft ihn wie eine Antenne empfingen, und er bei meinen Aufnahmen immer im Hintergrund zu hören war. Darum nahm ich einige Takte dieser Stücke auf und loopte sie. So entstanden manchmal Loops, die so makellos waren, dass sie mir fast ein bisschen Angst machten. Dann vergaß ich die Bänder und habe sie erst Jahre später wiederentdeckt. Zu dieser Zeit wollte ich das ganze Material auf CD archivieren. Als ich die Bänder wieder abspielte, um sie zu digitalisieren, passierte etwas Komisches. Der Klebstoff, der die Magnetbeschichtung auf dem Tonband festhält, begann sich aufzulösen, als die Tapes wieder und wieder durch das Gerät liefen. Das Eisenoxid verwandelte sich langsam in Staub. Die Bänder lösten sich vor meinen Augen auf. Jedes zerfiel auf seine spezielle Art, während ich sie überspielte. Es war, als würde ich den Tod dieser Melodien aufnehmen.
Was wollten Sie mit den Loops tun?
Eigentlich wollte ich daraus ein neues Stück schaffen. Auf "Disintegration Loop 1.1", kann man das noch hören. Dieser Loop war so ernst und wunderbar, ich improvisierte eine ergänzende Melodie auf meinem Synthesizer. Ich schnitt das mit, aber nach einer Viertelstunde merkte ich, dass das Tonband sein eigenes Ding machte. Ich begann, genau zuzuhören.
Inwiefern ist das Resultat dieses Prozesses Ihr Werk? Man könnte ja auch sagen, dass da einfach kaputt gehende Technologie ihre eigene Komposition produziert.
Ja, stimmt. Es ist eine ideale Situation. Man überlässt die Arbeit einfach der Maschine.
Welche Verbindung gibt es zwischen diesem Stück und dem 11. September 2001?
Diese Arbeit entstand im Spätsommer 2001 an ein paar Tagen. Plötzlich hatte ich diesen fünfstündigen Zyklus. Ich wusste nicht, was ich damit tun sollte, aber mir war klar, dass das etwas Besonderes war. Am 11. September wollte ich eigentlich zu einem Vorstellungsgespräch ins World Trade Center. Ich stand kurz vor einer Zwangsräumung, brauchte dringend Arbeit. Als ich aufwachte, hatte gerade das erste Flugzeug eingeschlagen. Ich rannten aufs Dach, sah, wie der Südturm explodierte und wie in Zeitlupe einstürzte. Es war furchtbar. Ich filmte die rauchenden Trümmer in der letzten Stunde, bevor es dunkel wurde. Am nächsten Morgen legte ich den ersten "Disintegration Loop" darunter. Es war entsetzlich. Ich dachte mir: wie eine Grabrede.
Werden Sie in Berlin die "Disintegration Loops" spielen?
Die kann man in ihrer ursprünglichen Form nicht live aufführen. Aber jetzt gibt es eine Orchesterfassung, arrangiert von Maxim Moston, 2012 im Metropolitan Museum uraufgeführt wurde.
Gespräch: Tilman Baumgärtel
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William Basinski und The Haxan Cloak Berghain 15. 5., ab 21 Uhr.
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Foto: William Basinski, Jahrgang 1958, ist Komponist und Klangkünstler. Seine erste Veröffentlichung "Shortwave Music" erschien 1998 auf dem Raster-Noton-Label von Carsten Nicolai.