Von Tilman Baumgärtel
Der Tresor schließt. Demnächst. Irgendwann. Tausendmal wurde es angekündigt, aber diesmal scheint es ernst zu sein. Die Trauer in der Berliner Clubszene hält sich in Grenzen. Schon viel zu lange war niemand mehr im Tresor. Der Tresor war einmal das Technohouse in Berlin. Der Witz ist: das ist es immer noch. Aber niemand hat es gemerkt, weil alle, die die Berliner Clubszene einmal aufgebaut haben, lange woanders sind: im Cookies, in der Panoramabar, im Ostgut. Wenn sie überhaupt noch am fröhlichen Treiben beteiligt sind. Doch der Tresor macht weiter, so wie es es immer getan hat: dröhnender Techno, gute DJs, verantwortliche, aber nachlässige Gastronomie, und ein Einsprengsel von echtem Proll-Berlin: wenn es warm genug ist und der „Garten“ des Tresors (ein paar Bänke unter freiem Himmel, ein Bierzelt-artiges Zelt, ein Springbrunnen, der eine Berliner Spar-Version von mediterranem Dolce Vita verheißt) geöffnet hat, gibt es eine Würstchenbude. Krakauer und Rostbratwürste für 2 Euro. „Senf oder Ketchup“, fragt die greise Würstchenverkäuferin (ca. 60) den hungrigen Raver (ca. 17).
Der Tresor schließt. Er gilt in der Stadt als ein Mythos, der seine beste Zeit hinter sich hat. Lange war niemand mehr dort. Aber alle waren mal dort, und ihnen allen hat sich ein Bild in die Netzhaut eingebrannt, das zu Dem Tresor geworden ist: ein unscheinbarer Bau stehen (die Neonreklame kam erst vor einigen Jahren dazu), vor dem am Abend ein paar Dutzend Raver Schlange. Eine Tanzfläche im Erdgeschoss. Eine andere im Keller, wo es richtig mythisch ist: dort feiert man im ehemaligen Tresor des Kaufhaus Wertheim, einst eine Legende unter Berliner, die alt genug sind, um sich an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Die Decke ist niedrig, die Schnapsflaschen stehen in den ehemaligen Geldschließfächern, der Schweiß tropft von der Decke (buchstäblich!), und die Bässe bohren sich durch den ganzen Raum. Die Anlage ist bescheiden, die Boxen sind so aufgestellt, dass sie die Tanzfläche beschallen. Wer nicht im Lärmkegel steht oder tanzt, den erreichen nur die fiesen Frequenzen, die subsonischen Bässe und die schrillen Breaks, die bösen Pfeiftöne und klappernden Fill-Ins. Und die Schreie der Tanzenden.
Was haben wir also gesehen? Der Tresor ist das Nachtclub-gewordenen Berliner Proll-tum.
Was war der Tresor? Was stellte er im Jahr 2002 noch dar? War er ein Widergänger der Paradise-Garage? Oder ist er nur noch das Sound? Sound oder Paradise-Garage? Was ist das für eine Alternative?
Die Paradies-Garage gilt in der Tanzmusikgeschichtsschreibung als der Tanztempel, in dem Disco überlebt hat. DJ Larry Levan legte noch bis Mitte der 90er Jahre für sein vorwiegend schwules Publikum Disco-Klassiker in Verbindung mit New Wave und Elektro-Hits auf. Als die Paradise Garage am XX XX mit einem dreitägigen Fest schloß, sollen erwachsene Männer auf der Tanzfläche geweint haben, andere wälzten sich besinnungslos auf der Tanzfläche oder bettelten Levan an, den Beat nicht anhalten zu lassen. Er musste es dennoch tun: Der Mietvertrag war abgelaufen.
Das Sound war die Disco, die durch Christiane F. zu trauriger Berühmtheit gelangte. Sie befand sich in einer Seitenstrasse der Kurfürstenstrasse, der Laden war so hart und wegen seiner Taschendiebe so gefürchtet, dass es abschließbare Spinde gab, in denen man seine Wertsachen verstauen konnte. Nicht nur Christiane F. wurde dort mit Heroin angeturnt. Frau F., die damals darüber in einem vom Stern herausgegebenen Buch erzählte, hat unwissentlich ein Stück deutscher Disco-Geschichte geschrieben. In der Verfilmung ihrer Lebensgeschichte sieht man nicht nur eine dumpfe deutsche 70er Jahre Disco, sondern auch ein Stück Lifestyle anno 1976: in einem Nebenraum des „Sound“ wird „Night of the Living Dead“ projiziert, der erste von drei Zombie-Filmen von George Romero. Der Zombie ist wohl nicht zuletzt wegen dieser cleveren dramaturgischen Entscheidung von Regisseur Uli Lommel (?) zu der Ikone der ausgehenden 70er Jahre geworden.
Der Tresor schließt, und so wie damals, in diesem sagenumwobenen Damals, wollen wir ihn in Erinnerung behalten. So ging es ab in der Zentralinstanz für Techno in Berlin, damals, in der mythischen Nachwendezeit, wo in jedem Abbruchhaus an der Zonengrenze ein Nachtclub eröffnet werden konnte. Alle anderen Clubs aus dieser Zeit sind entweder geschlossen, oder sie haben sich – wie der ehemalige Nachbar WMF – über Wasser gehalten, indem sie alle zwei Jahre von einer heißen „location“ in die nächste umgezogen sind.
#########wahrnehmung: eine Frau schreit: Das sind übrigens nur Streichhölzer, übersetzt das dann für ihren englisch sprachigen Begleiter, alle sind Berliner, die Bedienungen sind die ältesten, Percings, alle andern könnten meine Kinder sein, man stößt nur in schweissige T-Shirt, keiner kann richtig aufhören zu tanzen.
Der Tresor war der einzige Club in Weltniveau in Deutschland. Und nun ist er weg. Wenn die Bagger in der kommenden Woche den Bau abreißen werden, wird sich wahrscheinlich die gesamte Energie, die das Gebäude in den letzten dreizehn Jahren aufgenommen hat, in einem gigantischen elektrischen Blitz entladen.
Tilman Baumgaertel
Tilman Baumgaertel
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