Interview with Heath Bunting / Von Tilman Baumg„rtel
Der Held von Thomas De Quinceys Roman "Gest„ndnisse eines Opiumessers" liebt es, ohne Ziel und ohne Stadtplan durch die Strassen von London zu schweifen. Oft findet er sich dabei nach langen Streifzgen ohne Orientierung in Gegenden wieder, in die er auf seinen normalen Wegen nie gekommen w„re: "Manchmal wollte ich fast glauben, daá ich der Entdecker eines terra incognita sei, und zweifelte gar daran, daá diese Gegenden in modernen Karten von London verzeichnet waren."
Auch Heath Bunting hat viel Zeit damit verbracht, auf der Suche nach geheimen Pl„tzen durch die Innenstadt von London zu streifen. Auf seinen Stadtwanderungen hat der britische Knstler die W„nde der Orte, die er bei seinen "derives" entdeckte, mit geheimnisvollen Graffitis bemalt. Doch dann hat der 31j„hrige ein neues "terra incognita" entdeckt: das Internet. Seine Netzarbeit "A Visitor's Guide to London", mit der Bunting an der documenta X teilgenommen hat, ist ein psychogeographischer Stadtfhrer der britischen Hauptstadt, der den Betrachter in bersehene Ecken von London mitnimmt. In einem Interview w„hrend der documenta erz„hlt Bunting, wie er vom Streuen in der Stadt zum Surfen im Netz kam.
?: Wie komt man vom Graffiti-Malen dazu, Internet-Seiten zu programmieren?
Heath Bunting: Ich mache noch Graffiti. Ich bin letzte Woche in London wegen Graffitimalens verhaftet worden. Ich benutzte dabei Kreide, weil sie flchtig ist und nicht so nach Hip Hop aussieht. Normalerweise kann man mit Kreide malen, ohne daá die Leute denken, daá Du etwas Illegales machst. Wenn man einen Filzstift oder eine Sprhdose verwendest, wissen sie gleich, daá man rebellisch zu sein versucht.
Kreide ist auch sehr billig. Mit einer Schachtel fr 40 Pence komme ich eine Woche lang aus. Mir war es immer wichtig, daá meine Arbeit zug„nglich ist. Ich bin nicht auf die Anerkennung der Kunstwelt aus. Ich will Sachen machen, die auf jeden einen Effekt haben. Graffiti ist auf der Strasse, und jeder sieht sie, auch wenn man vielleicht gar nicht darauf achtet.
?: Die Vorstellung, daá die Straáen ein ”ffentlicher Raum sind, ist in den letzten Jahren etwas fragwrdig geworden, wo immer mehr Shopping Malls aus dem Boden schieáen und auch Straáen zu Privateigentum werden...
Bunting: Dadurch, daá man auf die Straáe geht und dort ”ffentlich etwas macht, erobert sich diesen Raum aber auch wieder ein Stck weit zurck. Darum geht es auch in meinem Internet-Projekt "A visitor's guide to London". Es handelt von Dingen, die wir damals in London gemacht haben, wie wir uns bestimmte Orte in der Stadt fr eine gewisse Zeit angeeignet haben. Ich k”nnte Dir ber jeden Ort, den man auf den Bildern in "A Visitors Guide in London" sieht, und ber die Dinge, die wir dort getan haben, eine Geschichte erz„hlen.
?: Laut Untertitel ist "A visitor's guide to London" "psychogeographisch". Was meinst Du damit?
Bunting: Die Arbeit bestand vor allem darin, sechs Monate ohne ein bestimmtes Ziel durch London laufen. Und dabei habe ich mich immer wieder an bestimmten Orten wiedergefunden, bin immer wieder dieselben Wege gelaufen. Ich habe mich gefragt, warum ich immer wieder die gleichen Strecken gegangen bin, und dabei habe ich unterirdische Flsse oder r”mische Mauerresten entdeckt, die meine Wege zu bestimmen schienen, ohne daá ich sie bewuát wahrnahm. Solche Sachen nennt man Psychogeographie.
?: Hat dieses Streunen durch die Stadt etwas mit Surfen im Internet zu tun?
Bunting: Ich surfe gar nicht im Internet. Es macht mir viel mehr Spaá in St„dten herumzuwandern, und herauszufinden, was passiert, und London ist ein guter Platz, um das zu tun. Wenn es Dir jemals langweilig wird, gehst du einfach raus, und in krzester Zeit passiert irgendwas interessantes.
?: Glaubst Du, daá "Visitor's guide to London" eine "netzspezifische Arbeit" ist?
Bunting: Nein, ursprnglich habe ich sie auf einer Diskette gemacht, aber es lieá sich recht einfach fr das Web bertragen. 1994, als ich daran gearbeitet habe, haben sich alle darber Gedanken gemacht, was man auf CD-Roms packen k”nnte: bunte Bilder, Musik, Video und so weiter. "Visitor's guide" wurde auf riesigen Computern gemacht, aber es sieht sehr "low-tech" aus. Das ganze Werk paát auf eine Diskette. Darum ist es auch eine Art Kritk an Multimedia.
?: Ein Charakteristikum von Netzkunst-Arbeiten ist, daá die Betrachter sie - im Gegensatz zur traditionellen Malerei oder Skulptur - "auseinandernehmen" k”nnen. St”rt es Dich, daá die Leute sich den Code und die Art, wie etwas programmiert wurde, ansehen k”nnen?
Bunting: Meine Arbeit ist nicht sehr kompliziert gemacht. Ich arbeite mit sehr einfachen Sachen. Im Augenblick arbeite ich mit einer Website, die man selbst zusammensetzten kann. Ich habe die Indexseite entfernt, so daá man alle Dateien sehen kann, aus der meine Homepage besteht, und es gibt nur eine Read.me-Datei, die einen Hinweis darauf gibt, wo man anfangen k”nnte.
?: Als ich neulich versucht habe, Dir eine Email zu schicken, habe ich sie zurck bekommen, weil sich Deine Email-Adresse ver„ndert hat. Es ist nicht mehr Dein Name, sondern nur noch eine Art Code...
Bunting: Ich wollte etwas gegen die Werbe-Mails tun, die ich an meine alte Adresse geschickt bekam, darum habe ich die Idee gehabt, eine algorhythmische Identit„t zu entwickeln. Ich „ndere meine Email-Adresse jetzt jeden Monat auf eine Art und Weise, die Menschen sehr leicht erraten k”nnen, aber Computer nicht. Ich nehme den Monat und das Jahr, also etwas, was fast alle Leute kennen máten. Im Augenblick ist meine Email-Adresse zum Beispiel aug97@irrational.org. Jeden Monat wird die alten Adresse gel”scht, und wer etwas an diese Adresse schickt, bekommt eine automatisierte Antwort, in der es heiát: Diese Identit„t ist ausgelaufen, bitte schicken Sie ihre Mail an folgende Adresse... Seit ich das gemacht habe ist meine Email von 50 auf 5 pro Tag zurckgegangen. Und ich bekomme keine Werbung mehr. Ich werde mich brigens im November als professioneller Knstler zurckziehen, und mich fr eine Zeitlang verstecken. Dann komme ich zurck, und verlange mehr Geld.
?: Warum?
Bunting: Seit ich ein professioneller Knstler geworden bin, arbeite ich viel mehr. Ich habe keine Zeit mehr, in den Strassen herumzustreunen, und ich muá mich in bestimmten Situationen anst„ndig benehmen. Davon will ich mich zurckziehen.
?: Hat es Deiner Karriere als Knstler gentzt, daá Du im Netz gearbeitet hast?
Bunting: Oh ja, auf jeden Fall. Dadurch ist mein Name sehr bekannt geworden. Als der Internet-Hype in London losging, wollten mich jeden Tag zwei oder drei Journalisten interviewen, weil ich was im Netz machte. Die meisten, die damals im Internet arbeiteten, waren Hacker, und sie waren sehr schchtern im Umgang mit den Medien Das hat meine Karriere als Knstler beschleunigt. Ich wollte das nicht, aber ich habe zugelassen, daá es passiert. Daá ich jetzt an der documenta teilnehme, ist sehr problematisch fr mich. Ich wollte das nie. Die documenta ist meine vierte Ausstellung berhaupt. Das ist fr mich alles noch neu, und ich muá mir jetzt wirklich Gedanken darber machen. Ich glaube, ich m”chte kein Knstler werden, der Waren produziert, weil das meine Arbeit und das, was ich sagen will, korrumpieren wrde. Das ist auch ein Grund, warum ich mich aus der Kunstszene zurckziehen will.
?: Und was willst Du dann machen?
Bunting: Ach, wahrscheinlich nur so auf der Strasse rumstehen. Vielleicht was im Netz machen. Aber vielleicht gibt's ja dann auch ein neues Medium. Das Netz ist in der letzten Zeit zu einer Ersatzreligion geworden: die Religion der Virtualit„t. Und wenn ich sowas sehe, dann versuche ich, es zu unterwandern. Ich mache gerne Sachen kaputt. Das ist n„mlich mein geheimer Plan: die Zivilisation zu zerst”ren (lacht).
?: Betrachtest Du Deine Netzprojekte als subversiv?
Bunting: Ich versuche, Sachen zu machen, die eine Diskussion ausl”sen. Im Augenblick mache ich ein Projekt mit Suchmaschinen. Vor ein paar Jahren haben manche die Namen von groáen Unternehmen wie "McDonalds" als Domainname registriert, und wenn McDonalds dann ans Netz wollte, muáten sie ihren eigenen Namen von denen zurckkaufen. Das ist jetzt vorbei. Und es gibt im Netz auch keine aktiv ausgebte Zensur. Was jetzt wirklich anliegt, ist die Frage von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit im Netz, und dabei sind diese Suchmaschinen ganz wichtig. Heute kaufen Unternehmen ihren Platz in der Hierarchie der Suchmaschinen. Ich tue dasselbe mit Programmiertricks. Wenn man zum Beispiel zu der Suchmaschine Webcrawler geht und "Nike" eintippt, dann sind die ersten zehn Adressen, die man bekommt, Seiten von mir. Alles, was auf denen steht, ist "This URL is for rent", und Nike k”nnen die von mir mieten.
?: Viel Geld kann man mit solchen Projekten wohl nicht verdienen...
Bunting: Doch, aus mindestens der H„lfte meiner Projekte k”nnte man ein Gesch„ft machen. Ich habe zum Beispiel mal eine Woche im Netz gebettelt, und bekam 1500 Pfund geschickt. Ich hatte ein Formular programmiert, mit dem man mir per Kreditkarte eine Spende schicken konnte, und das Formular habe ich dann in den G„stebchern von Unternehmen und Regierungen untergebracht. Viele Leute fanden das unterhaltsam, und haben mir Geld geschickt. Ich habe das aber nicht eingel”st. Ich nehme an, die meiste Kreditkartennummern waren sowieso von gestohlenen Kreditkarten. Und es interessiert mich auch nicht, Gesch„fte zu machen.
?: St”rt es Dich, daá solche Projekte von fast niemand wahrgenommen werden?
Bunting: Ich vermute mal, daá 90 Prozent von dem, was ich gemacht habe, nicht mehr existiert, besonders die Sachen, die ich auf der Strasse getan habe. Wenn man seine Arbeit dokumentiert, macht man sie warenf”rmig. Eine Dokumentation kann man verkaufen, und das versuche ich zu vermeiden. Ich habe noch nie eine meiner Arbeiten verkauft. Es war immer ein Grundsatz von mir, keine Sachen zu machen, die man verkaufen kann.
?: Mir ist aufgefallen, daá viele Netz-Knstler dauernd auf Reisen sind. Glaubst Du, daá das dem Medium Internet, mit dem sie arbeiten, irgendwie inherent ist?
Bunting: Fr mich ist das eine Methode, um mich zu finanzieren. Ich werde dafr bezahlt, Vortr„ge zu halten. Im Augenblick w„re es mir auch zu langweilig, eine Wohnung zu haben. Ich habe seit September 1996 keine Wohnung mehr, und ich war seit Juni 1996 ununterbrochen auf Reisen. Dieses Reisen von Veranstaltung zu Veranstaltung ist fr mich ein Weg, herumzukommen, ohne dauernd im Freien schlafen zu mssen. Und das Internet ist die Technologie, die das m”glich macht. Vor zehn oder zwanzig Jahren hat es vielleicht andere Netzwerke gegeben. Vor hundert Jahren war es vielleicht nur ein Name. Wenn ich damals ein bestimmter Typ von Artistokrat gewesen w„re, h„tte ich irgendwo in Indien in Lumpen auftauchen k”nnen, und ich h„tte nur ein bestimmtes Geheimwort sagen mssen, um berall aufgenommen und sehr gut behandelt zu werden. Damals war es ein Namen, heute sind es andere Passw”rter, die dir zu bestimmten Dingen Zugang verschaffen.
satz von mir, keine Sachen zu machen, die man verkaufen kann.
?: Mir xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx