Kunst im Internet
Von Tilman Baumgärtel
Vor drei Jahren hat ein neues Museum aufgemacht, und bis heute hat es fast keiner gemerkt: das Internet. War das Netz in seiner Frühzeit die Domäne von einer kleinen Riege von Akademikern, Militärs und Hackern, ist es durch die Einführung des WorldWideWeb, der grafisch manövrierbaren Oberfläche des Internet, auch für andere User zugänglich geworden. Dazu gehörten Banken, Softwarefirmen, die taz, der Bundestag, die ARD, die Church of Scientology, und - inzwischen auch eine Reihe von Künstlern.
Knapp zwei Millionen Kunst-Seiten gibt es zur Zeit im Internet. Oder, um genau zu sein, 1.907.997. Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Suche mit der Suchmaschine Alta Vista, die ununterbrochen die Angebote im Netz katalogisiert. Die meisten dieser Seiten sind die Homepages von Kunstmuseen, kunsthistorische Aufsätze, oder Fan-Seiten für bestimmte Künstler oder Kunstrichtungen.
Doch eine (vorläufig noch sehr kleine) Zahl von Internet-"Sites" handelt nicht von Kunst - sie *sind* Kunst. Eine Reihe von Künstlern haben das weltweite Computernetzwerk als neues Medium für ihre Arbeit entdeckt. Spätestens seit die diesjährige documenta mit einer eigene Homepage mit Netzkunst-Arbeiten online gegangen ist, wird nun auch die traditionelle Kunstszene auf diese neue Kunstrichtung aufmerksam, die sich freilich noch gar nicht klar darüber ist, ob sie eine neue Kunstrichtung sein will.
Künstler, die im Internet arbeiten, müssen mehr lernen als HTML, die Codesprache des WorldWideWeb. "Der wichtigste Gegenstand von Netzkunst ist das Netz selbst", sagt Benjamin Weill, der Mitbegründer und Kurator von ada 'web, einer New Yorker On-line-Galerie. Im Gegensatz zu den eingescannten Fotos und Gemälden, die auf den Web-Sites von Museen wie dem Louvre oder dem Museum of Modern Art zu sehen sind, findet Netzkunst ausschließlich im Internet statt. Ähnlich wie die Videokunst, die sich nur mit Videorekorder und Fernseher "materialisiert", ist auch Netzkunst nur mit Computer und Modem im Netz zu besichtigen. War in den siebziger Jahren von Skulpturen die Rede, die "site-specific" waren, sich also auf den Ort bezogen, an dem sie installiert waren, so ist Netzkunst "netzspezifisch".
"Wir sind Duchamps ideale Kinder", sagt Vuk Cosic, ein slowenischer Künstler, der sich selbst als "net artist" betrachtet. "Die konzeptuellen Mittel, die Duchamp oder Joseph Beuys oder die frühen Konzeptkünstler entwickelt haben, sind im Internet zu vollkommen normalen Vorgängen geworden, die man jedesmal wiederholt, wenn man wahllos (random) eine Webadresse anklickt. Zu Duchamps Zeit wäre dieser Akt die modernste Kunstpraxis gewesen, die niemand außer ihm und seinen beiden besten Freunden verstanden hätte." Cosic ist darum überzeugt: "Die bisherige Kunst war nur ein Ersatz für das Internet."
Man muß vielleicht nicht gleich die Säulenheiligen der Moderne bemühen - doch es ist unübersehbar, daß die künstlerischen Arbeiten, die seit kurzem im Internet entstehen, einige der wichtigsten Themen der Kunst des 20. Jahrhunderts im Netz fortführen: die Thematisierung des künstlerischer Mediums, das Spiel mit Zufall und Ironie, die Aufhebung von Zeit und Raum sind Motive, die seit Dada und dem Futurismus zum Programm der Moderne gehören.
Die "net.art", wie sie von einigen ihrer Protagonisten genannt wird, ist wohl die erste Kunstbewegung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg, die die Grenze des abhanden gekommenen Eisernen Vorhang überschreitet: Zu den Künstler, die in den letzten zwei, drei Jahren begonnen haben, im Internet erste Experimente durchzuführen, gehören nicht nur Künstler aus den USA und West-Europa, sondern auch aus den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts.
Für einige dieser Künstler war die Arbeit im Internet auch eine Methode, um an den Institutionen des Kunstbetriebs vorbei zu operieren. Für den Deutsch-Amerikaner Künstler Wolfgang Staehle, der Anfang der neunziger Jahre in New York die Kunst-Mailbox The Thing gründete, war das ein Akt der praktizierten "institutional critique", wie er sich heute erinnert: "Ich fand es absurd, die Institutionen des Kunstbetriebs innerhalb der Institutionen zu kritisieren. Das war so, als würde man nur mal die Möbel neu arrangieren. Das fand ich nicht konsequent. Deswegen habe ich versucht, wirklich etwas außerhalb dieser Institutionen zu machen. Ich glaube, The Thing hat auch deshalb so gut funktioniert, weil der traditionelle Kunstbetrieb davon wirklich überhaupt keine Notiz genommen hat. Der Reiz war auch, daß man sich wie eine kleine Verschwörerbande fühlen konnte."
Auch für einige der Künstler, die heute im Internet operieren, ist das Netz ein Distributionskanal, mit dem man seine Arbeit einem weltweiten Publikum präsentieren kann, ohne den langen Marsch durch die Museen oder Galerien anzutreten. Der russische Photograph Alexei Shulgin entdeckte das Internet, als er zu einer Ausstellung mit russischer Fotografie eingeladen wurden, die in Deutschland gezeigt wurde. Weil seiner Ansicht nach einige der wichtigsten russischen Fotografen fehlten, programmierte er eine Seite mit dem Titel "Hotpics", auf der er das versäumte nachholte.
Die Präsentation dieser Arbeiten war für ihn auch eine Chance, ethnisierende Zuschreibungen zu vermeiden: "Als ich nur ein Künstler war, der in Moskau lebte, wurde alles, was ich machte, als "russisch" oder "östlich" betrachtet. Dabei fand ich eigentlich nie, daß das, was ich mache, spezifisch russisch sei." Durch die Arbeiten, die er im Internet veröffentlicht hat, entzieht er sich Nationalklischees: "Beim Netz ist der physische Raum nicht wichtig. Alles passiert nur auf dem Computermonitor, und es ist egal, von wo die Daten kommen."
Shulgin gehörte auch zu den ersten Künstler, die begannen, mit den genuinen Eigenschaften des Internet zu arbeiten. Sein Projekt "Refresh" arbeitet zum Beispiel mit einer selten benutzten Funktion des HTML-Codes, dem "Refresh"-Befehl: Wer eine Seite dieser internationalen Kollaboration ansurft, wird automatisch von einer Homepage zur nächsten weiterbefördert; die "refreshten" Daten kommen mal von einem Computer in Moskau, dann aus Amsterdam, aus New York oder aus Berlin. Shulgin thematisiert so nicht nur die Ländergrenzen-überschreitende Natur des Internet, die diese Art von Kollaboration überhaupt erst möglich macht, sondern auch ein Thema, daß in der Kunst der Moderne seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielte: schon die Suprematisten, die Kubisten und die Futuristen träumten von der Aufhebung von Raum und Zeit in der "vierten Dimension". Gleichzeitig unterwirft er so die technischen Protokolle des Internet einer künstlerischen Prüfung.
"Ich habe HTML-Dokumente geschrieben, die bewußt den Computer zum Abstürzen gebracht haben", sagt auch Vuk Cosic. "Ich bemerkte, daß irgendwo ein Fehler in meiner Programmierung war. Aber es genügte nicht, diesen Fehler zu vermeiden; ich habe wirklich versucht, ihn zu verstehen." Auch das holländisch-belgische Künstlerpaar Jodi, das jetzt bei der documenta vertreten ist, übt sich im kreativen Mißbrauch der Internet-Protokolle. Ihre chaotisch-organisierte Seite strotzt nur so vor bewußt eingesetzten Programmierfehlern, die ihre Homepage wie den Alptraum eines Webdesigners aussehen lassen.
Auch diese kreative Dekonstruktion von Technologie hat kunstgeschichtliche Tradition: Schon in den sechziger Jahren interessierten sich Videokünstler wie Nam June Paik weniger dafür, was man mit dem neuen Medium machen *konnte*, sondern was man mit ihm nicht machen *sollte*: auf einen Monitor installierte er einen starken Magneten, der das elektronische Bild zu einer eleganten Schleife verzerrte; später konstruierte er seinen "Videosynthesizer", um die Videobilder mit Farbeffekten zu verfremden.
Einige der Künstler, die im Internet arbeiten, kommen ebenfalls aus der Videokunst: Julia Sher, die in den achtziger Jahren in Gallerien Überwachungskameras aufbaute, um auf die Omnipräsenz von Big Brother hinzuweisen, hat mit "Security Land" ihre erste Netzarbeit realisiert. Als "kleine Schwester des Großen Bruder" thematisiert sie in "Securityland", die Überwachungsmöglichkeiten, die das Internet bietet: An einer Stelle diese Arbeit erfährt der erstaunte Internet-Surfer, mit was für einem Computer und welcher Software er arbeitet, und wie seine Email-Adresse lautet. "How do you feel now?", fragt das Programm höflich seinen virtuellen Besucher.
Die Werke der Netzkunst sind nicht nur in einem Medium realisiert, das gar nicht zum Kanon des traditionellen Kunstschaffens gehören; sie reichen oft auch weit über das hinaus, was man herkömmlicherweise unter Kunst versteht. Aber diese Arbeiten sind eine praktizierte Erprobung und Kritik des Netzes Mediums, die bis vor kurzem ausgestanden hat: die Kunst als eine Art Materialprüfungsamt des neuen Mediums Internet. Da sie nur aus Bits und Bytes im Internet bestehen, radikalisieren sie auch eine Tendenz der Konzeptkunst der sechziger und siebziger Jahre, die Lucy Lippard die "Dematerialisierung des Kunstobjekts" genannt hat.
Der Kunstbetrieb ist auf dieses neue Medium freilich ebensowenig eingestellt, wie er Anfang der siebziger Jahre auf Video vorbereitet war. Museen und Ausstellungen wie die documenta tun sich mit dem neuen Medium noch schwer, weil es nicht im klassischen Sinne ausstellbar ist. Bei der documenta werden die Netzarbeiten auf Computern in der Ausstellung präsentiert, die New Yorker Dia Art Foundation zeigt die Netzkunst-Arbeiten, die sie in Auftrag gegeben hat, dagegen nur im Internet.
Auch wie man mit künstlerischen Arbeiten im Netz Geld verdienen kann, ist noch ungeklärt. Netzkünstler verdienen sich ihren Lebensunterhalt oft mit Programmierarbeiten, oder leben von Stipendien. Alexei Shulgin: "Künstler, die im Netz arbeiten, verdienen damit nicht viel. Das macht man aus purem Enthusiasmus, und das gefällt mir daran." Daran wird sich seiner Ansicht nach auch in absehbarer Zeit nichts ändern, weil die net.art die traditionellen Kunstinstitutionen überfordert: "Die versuchen jetzt, Netzkunst mit einzubeziehen. Aber damit scheitern sie immer wieder, weil das Netz zu kompliziert ist und nichts richtig funktioniert."
---------------------Netz-Adressen---------------------------------------
Ada'web New Yorker Online-Gallerie mit Arbeiten von John Simon, Lawrence Weiner, Julia Sher, Jenny Holzer u.a. http://www.adaweb.com
Turbulence Noch eine New Yorker Online-Gallerie mit Arbeiten von Helen Thorington, Christine Baczewska, John Hudak u.a. http://www.turbulence.org
Dia Art Foundation http://www.diacenter.org
Olia Lialina: My boyfriend came back from the war Ein "Netzfilm", der die Montagetechniken des Kinos ins Internet übersetzt http://www.cityline.ru/~olialia/war/
documenta http://www.documenta.de
Alexej Shulgins Moscow Art WWW Centre http://sunsite.cs.msu.su/wwwart/
Vuk Cosic http://www.ljudmilia.si/~vuk/