Verdrehtes Metall, verschüttetes Motorenöl // "Ferngesteuerte Monster aus Stahl kämpfen um Ruhm und Ehre" - so beschreibt man bei RTL2 "Robot Wars". Die Sendung lief 1998 zum ersten Mal bei BBC. 4,5 Millionen Zuschauer sahen zu; auch die Fernsehkritik reagierte positiv. In England läuft inzwischen die fünfte Staffel.
Die "Orgie aus verdrehtem Metall und vergossenen Motorenöl" (Selbstbeschreibung der Show) wird am Sonntag um 19 Uhr wieder auf RTL2 zelebriert.
"Robot Wars" im Internet www. robotwars. tv RTL2 "Mögen die Kämpfe beginnen!" In "Robot Wars" sind die Kampfroboter unter sich.
In Steven Spielbergs Science-Fiction-Film "A.I. - Künstliche Intelligenz" gibt es eine Szene, in der ausgediente Roboter zur Belustigung eines rohen Pöbels in einer Art High-Tech-Circus Maximus zerlegt werden. Erst ergeht sich ein Ansager in Betrachtungen zur Überlegenheit des Menschen über die Technik, dann werden alte Androiden verbrannt, zersägt, mit Motorrädern überfahren, als Kanonenkugeln verwendet.
Spielberg mag geglaubt haben, dass er mit dieser grausamen Szene eine besonders futuristische Idee gehabt hat - gerade recht für einen Film, der anno 2027 spielt. Dabei gibt es schon heute im deutschen Fernsehen eine Show, in der es darum geht, Roboter in möglichst kleine Teile zu zerlegen: "Robot Wars", jeden Sonntag auf RTL2.
Bodyhammer und Sir Killalot
Moderiert von Ex-Big-Brother-Insasse Christian schlagen sich in der Sendung in 45 Minuten zehn Kampfroboter gegenseitig zu Buntmetall. Die ferngesteuerten "Bots", die zum Teil mit Sägen, Feuerwerfern oder elaborierten Umwerf-Vorrichtungen ausgestattet sind, tragen Namen wie Bodyhammer, Pain oder Sir Killalot. In wenigen Minuten prügeln sie sich in einer Arena, die wie eine Mischung aus Spielplatz und Schlachtfeld erscheint, kampfunfähig. Oder sie versuchen, den Gegner in eins der Feuer speienden Löcher im Boden des Rings zu schieben. Wer länger als dreißig Sekunden bewegungsunfähig liegen bleibt, wird von einem der so genannten "Haus-Bots" zermörsert - eine Art Notschlachtung für Maschinen.
Gebaut werden die Kampfmaschinen von akademischen Roboterforschern und Special-Effects-Designern, von Physikstudenten und ganz normalen Familienvätern in ihrer Garage. Während der Sendung sieht man die Konstrukteure hinter Sicherheitsglas, die Hände in ihre Fernbedienung verkrampft, während sie ihre Kampfroboter aufeinander hetzen.
"Robot Wars" läuft inzwischen in 17 Ländern. Was erklärt den Erfolg dieser Sendung? Wieso sehen sich Menschen in Italien, Finnland und den USA eine Sendung an, in der es einzig darum geht, dass eine Maschine eine andere Maschine kaputtmacht? Und: Was bringt erwachsene Menschen dazu, Monate im Bastelkeller zu verbringen, um anschließend zusehen zu müssen, wie ihre Schöpfung oft in Sekunden von dem mechanischen Gegner zerschmettert wird? Es gibt noch nicht einmal eine finanzielle Kompensation für den Sieger, dessen Kampfroboter über mehrere Runden durchgehalten hat. Vor dem Kampf haben einige der Roboter einen Materialwert von 10 000 Mark, nach dem Kampf sind sie oft keine zehn Mark mehr wert.
Die Produzenten stellen "Robot Wars" als eine Mischung aus Show-Wrestling und Tele-Kolleg dar. Die Kämpfe zwischen den Maschinen seien nur eine Methode, um die Menschen für die Fortschritte in der Robotertechnik zu interessieren. In England läuft die Show darum auch bei der altehrwürdigen BBC, zwischen den Fights wird ausführlich über die Baupläne der Bots diskutiert. RTL2 wäre natürlich nicht RTL2, wenn der Sender nicht den volksbildend gemeinten Teil herausgeschnitten hätte und sich auf den "innovativen und revolutionären Zuschauersport" (Pressemitteilung) konzentrieren würde.
Ein Teilnehmer eines "Robot War"-Matches in den USA hat gegenüber CNN den Reiz der Veranstaltung so erklärt: "Der Videorekorder nervt, der Toaster nervt, die Waschmaschine nervt, aber man kann nichts gegen sie tun. Die zerstörerische Energie, die man bei ,Robot Wars beobachten kann, kommt zum Teil aus der Frustration, die diese alltäglichen Haushaltsgeräte auslösen." In der Tat soll "Robot Wars"-Erfinder Marc Thorpe die Idee zum Roboter-Schlachtfest gekommen sein, als er einen ferngesteuerten Staubsauger bastelte - das behauptet zumindest eine von ihm selbst verbreitete Legende.
Tatsächlich dürfte Thorpe, der bei der Special Effects Firma Industrial Lights & Magic von George Lucas ("Star Wars") arbeitet, wohl eher eine Performance von Survival Research Laboratories (SRL) besucht haben. Die Gruppe (Motto: "Producing the most dangerous shows on earth.") macht seit Ende der siebziger Jahre Kunstaktionen mit Robotern, die auch gefährlich werden können: Gründer Mark Pauline verlor beim Bau eines Roboters drei Finger seiner rechten Hand.
SRL inspirierten eine ganze Generation von künstlerischen Roboter-Bastlern: Chico MacMurtrie und Brett Goldstone in den USA, BBM in Deutschland, Erik Hobijn in Holland. Im Kino tauchten in Filmen wie "Hardware", "Terminator" und "Robocop" maschinelle Helden auf. Bands wie Einstürzende Neubauten, Nitzer Ebb und Front Line Assembly waren der musikalische Arm der "Industrial"-Bewegung. Wie die Roboter-Künstler machten auch sie aus Schrott Kulturgut: Sie benutzten alte Maschinenteile als Instrumente und hämmerten auf sie ein, als seien sie Perkussionsinstrumente.
Schrottmusik
Es dürfte kein Zufall sein, dass diese Bands aus Ländern kamen, die gerade Abschied von ihrer Schwerindustrie nahmen. Die Einstürzenden Neubauten kamen zum Beispiel aus West-Berlin und damit aus einer Stadt, in der die Folgen des Endes der Industriegesellschaft besonders unübersehbar waren. Nachträglich erscheint die Schrottmusik der Neubauten nicht nur als Methode, um besonders penetranten Lärm zu machen, sondern auch als Soundtrack zum Untergang des Industrie- und dem Beginn des Informationszeitalters.
Das, was in den achtziger Jahren Popkultur wurde, war in der bildenden Kunst der Nachkriegszeit vorgedacht worden. 1969 fand im Museum of Modern Art in New York eine Ausstellung mit dem Titel "The Machine at the End of the Mechanical Age" statt, in Von ihnen ist Jean Tinguely, der aus alten Maschinenteilen Skulpturen machte, die sich meist auch bewegten, wohl der wichtigste.
Objekte ohne Nutzen
Der Schweizer Bildhauer nahm Maschinen, die vormals für nützliche Arbeit und zur Produktivitätssteigerung eingesetzt worden waren, und wandelte sie zu verspielten, ästhetischen Objekten ohne Zweck und ohne Nutzen um. Heute wirken seine Plastiken wie direkte Vorläufer der Kampfroboter, die bei "Robot Wars" aufeinander losgehen. Genau wie Tinguelys Maschinenskulpturen erfüllen auch die Bots keinen produktiven Zweck mehr, sondern dienen nur noch der Unterhaltung.
So besteht das Verdienst dieser Show darin, etwas auf RTL2-Niveau gebracht zu haben, was noch vor gar nicht langer Zeit nur im Diskurs der Kunstszene und der Avantgarde-Musik stattfand: Die Umwidmung von einst nützlichen Maschinen zu kulturellen