ZDF Ob in der Uni von Kwangju Studenten lernen, in Boston ein Auto um die Ecke biegt oder in China ein Sack Reis umfällt - Webcams nehmen alles auf.

Ein Frachtschiff läuft in den Panamakanal ein. Im Zoo von Rhode Island springt ein Eisbär ins Wasser. Der Marktplatz von Metz ist am frühen Morgen vollkommen leer, nur einige einige Tauben fliegen herum.

Es sind keine spektakulären Bilder, die Webcams aufnehmen. Die kleinen Kameras, die an Computern auf der ganzen Welt installiert sind, übertragen nonstop Schnappschüsse aus ihrer Umgebung über das Internet in die ganze Welt. Das können Aufnahmen von dem Büroarbeiter selbst sein, der sich eine Mini-Kamera auf den Monitor seines Computers gesteckt hat, oder die Aussicht aus einer Wetterwarte in den Alpen. Ein Blick auf den Times Square oder in einen Kühlschrank.

Leben vor der Webcam

Die erste Webcam zeigte 1991 eine Kaffeemaschine der Universität Cambridge, damit die Angestellten der Computerabteilung nicht umsonst zum Kaffeeholen gehen mussten. Durch die Webcam-Übertragung wurde die Maschine im Internet zum Star, zur Kaffeemaschine mit der höchsten Einschaltquote der Welt. Auch die Amerikanerin Jennifer Ringley ist zu einer Netz-Celebrity geworden, weil sie ihr gesamtes Leben vor ihrer Webcam verbringt.

Das ZDF hat aus diesem Stück Internetkultur nun ein schönes Fernsehformat entwickelt. Am Wochenende laufen im Nachtprogramm halbstündige Sendungen, die aus Aufnahmen von Webcams in der ganzen Welt zusammengeschnitten wurden. Ab dem 1. Januar 2002 sind die "webcamnights" auch unter der Woche zu sehen. Ähnlich wie die Aquarien, Kaminfeuer und Weltraumbilder, die bei manchen Sendern tief in der Nacht zu sehen sind, soll die Sendung die tote TV-Zeit in den frühen Morgenstunden überbrücken.

So bekommen die Schlaflosen und Frühaufsteher Bilder von der Klagemauer in Jerusalem oder einem Vulkan in Mexiko zu sehen. Manche sehen aus wie Postkarten-Motive, andere Aufnahmen sind von so alltäglicher Banalität, dass sie sonst wohl nie im Fernsehen gezeigt würden. Mit ihrer niedrigen Auflösung und den blassen, ausgewaschenen Farben erinnern sie an die ersten handkolorierten Filme der Gebrüder Lumière.

"Webcamnights" wird von Studenten der Mainzer Fachhochschule produziert. Die Sendungen entstehen ohne Dreharbeiten und ohne Kamera im Computer. Geschnitten wird nicht mehr von einem Bild zum nächsten, sondern von einer Zeitzone zur anderen.

Das fünfköpfige Team hat im Netz in monatelanger Recherche Bilder von stiller Schönheit gefunden: Die Sonne geht auf und wieder unter, Straßenlaternen leuchten auf, Sterne erscheinen am Himmel.

Im Zeitraffer

Während die älteren Webcams oft nur eine Aufnahme pro Tag ins Internet luden, machen die neueren Modelle immer häufiger regelmäßig Bilder, so dass man aus ihnen Film-artige Sequenzen zusammenschneiden kann. In ihnen sieht man in Zeitrafferaufnahmen, wie am frühen Morgen in Buenos Aires Menschenmengen zur Arbeit wuseln oder an einem Sonntagmittag irgendwo in Frankreich Schatten über einen leeren Platz wischen. Und plötzlich scheint der Erdball überall Augen zu haben.

Es ist eine Welt im Schnellvorlauf, die die "Webcamnights" zeigen, doch es ist auch ein ruhiges, gemächliches Universum, das in unscharfen Bildern an uns vorbeizieht. Die Webcams zeigen meist eine Totale, Details erkennt man selten. Bei "Webcamnights" kann man der Welt beim Sein zusehen. Es gibt keine Geschichte, keine Höhepunkte, nichts, was den normalen Ablauf der Dinge stört. Und oft nur einen leeren Schreibtisch in einem nächtlichen Büro, durch das hastig eine Putzfrau huscht.

Webcamnights.tv läuft wieder in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag ab 4.35 Uhr.

Webcamnights

www.webcamnights.tv