Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Müßiggang ist aller Laster Anfang. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. Sich regen bringt Segen. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Das ist sie, auf Sinnspruch-Länge zusammengeschnurrt: die protestantische Ethik. 1905 hat der deutsche Soziologe Max Weber den Begriff in seinem Standardwerk "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" in die Welt gesetzt. Für Weber war die protestantische Arbeitsethik die Grundlage des Kapitalismus.
Jetzt hat der junge, finnische Philosophieprofessor Pekka Himanen "The Hacker Ethic and the Spirit of the Information Age" veröffentlicht. In diesem Buch, das demnächst auch auf Deutsch erscheinen soll, versucht er, den Geist, der das Informationszeitalter durchweht, dingfest zu machen und auf eine ähnlich griffige Formel zu bringen. Und so wie Weber die geistige Grundlage des Kapitalismus und seiner Arbeitsmoral im Protestantismus gefunden hat, so hat Himanen als Basis für die Ethik der Informationsgesellschaft das Selbstverständnis der Hacker entdeckt.
Mit "Hackern" meint Himanen nicht Computerkriminelle, die in die Rechner anderer Menschen eindringen, um Informationen zu stehlen oder diese zum Absturz zu bringen. Himanen benutzt den Terminus im ursprünglichen, historisch korrekten Sinn: Hacker sind für ihn "enthusiastische Computerprogrammierer, die die Ergebnisse ihrer Arbeit mit anderen teilen".
Man mag die Computerfreaks, die unter diese Definition des Hacker fallen, für eine marginale Subkultur halten. Allerdings übersieht man dann, wie viele wichtige Innovationen des Computerzeitalters von Hackern stammen. Ende der Fünfzigerjahre schrieben die Ur-Hacker des Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit "Expensive Typewriter" das erste Textverarbeitungsprogramm und mit "Spacewar" das erste Computerspiel. In den Sechzigerjahren legte eine Reihe von Hackern an verschiedenen Universitäten die Grundlagen für das Internet. In den Siebzigerjahren bastelte eine Gruppe von kalifornischen Hackern, die sich im Homebrew Computer Club zusammengeschlossen hatten, einige der ersten Personal Computer.
Zwei Mitglieder dieses Vereins wurden später mit "selbst gebrauten Computern" zu Multimillionären: Steve Jobs und Steve Wozniak brachten einen der ersten Computer mit einem grafischen Interface auf den Markt, den man bedienen konnte, ohne Informatik Ähnliches gelang später einem Hacker namens Tim Berners-Lee mit dem Internet: durch das World Wide Web wurde das ehemalige akademisch-militärische Computernetzwerk zum Massenmedium.
Auch einer der reichsten Männer der Welt war einmal Hacker: Bill Gates, der sich in den Siebzigerjahren die Anerkennung anderer Hacker dadurch erwarb, dass er auf einem Stück Papier ein Computerprogramm niederschreiben konnte, das anschließend
Heute ist Gates der erklärte Feind aller Hacker, weil er - so argumentiert Himanen - die Hackerethik verraten hat. "Wer nicht bereit ist, hart zu arbeiten und sein Bestes zu geben, hat bei Microsoft nichts verloren", sagt Gates, was natürlich nur eine andere Art ist, Max Webers protestantische Arbeitsethik zu formulieren.
Im Gegensatz dazu arbeiten Hacker nicht deswegen hart, weil es ihre Pflicht gegenüber Gott oder Bill Gates ist, sondern weil es ihnen Spaß macht. "Für Hacker ist der Computer selbst ein Unterhaltungsmittel", schreibt der Linux-Erfinder Linus Torvalds im Vorwort zu "The Hacker Ethic". Wenn Hacker tagelang ohne Unterbrechung vor dem Computer sitzen, tun sie dies aus Neugier und aus Leidenschaft für die Möglichkeiten, die ihnen diese Maschine bietet - nicht weil es ihnen ihr Chef gesagt hat.
So kann Himanen erklären, warum tausende von Hackern in der ganzen Welt zum Beispiel freiwillig und ohne Bezahlung in ihrer Freizeit an einem Betriebssystem wie Linux arbeiten: für sie ist es einfach ein Methode, kreativ zu sein. Anders als bei der protestantischen Ethik ist die Belohnung für diese Arbeit nicht finanzieller Art, sondern besteht aus Anerkennung unter Gleichgesinnten. Hacker hacken nicht für Geld, sondern um andere Hacker mit ihrem Können zu beeindrucken. Darum werden Informationen gerne und freiwillig geteilt statt - wie zum Beispiel von Microsoft - gebunkert zu werden.
Es ist ein Verdienst Himanens, die Hacker aus der halb pubertären, halb kriminellen Ecke herausgeholt zu haben und ihre selbst entwickelte Kultur als das zu betrachten, was sie ist: die erste aus praktischer Erfahrung entstandene intellektuelle Ob die "Hackerethik" - wie er zu hoffen scheint - bald die ganze Gesellschaft durchziehen wird, ist leider zweifelhaft: auch in Zukunft werden unangenehme Arbeiten wohl nicht aus Neugier und Leidenschaft von Hackern erledigt werden, sondern leider
Pekka Himanen: The Hacker Ethic and the Spirit of the Information Age, London 2001 (Secker & Warburg), Vorwort von Linus Torvalds, Nachwort von Manuel Castells, 12 Britische Pfund Im Internet: www. hackerethic. org