Sie hatten auch sogar FotosEine Retrospektive der Dresdener Auto-Perforations-Artisten im Kunstverein Ost

Von Tilman Baumgärtel

Auch für diese Avantgarde-Künstler aus der DDR war die Stasi der Eckermann: Minutiös beschrieb IM „Nora Steege“, die „auftragsgemäss“ die Dresdener Galerie Nord besucht hatte, ein Installation der Künstlergruppe Auto-Perforation-Artisten. Selbst offensichtlich Kunststudentin kann sie an der Arbeit wenig Positives finden: Die Installation sei „lächerlich und kurios“. Schlimmer noch: „Durch verschiedene Materialien und Gegenstände werden optische und akustische Reize beim Betrachter erzielt.“ Und auch das musste festgestellt werden: „Alle dargestellten ´Kunstwerke´ sind mehrdeutig.“

Zu den Auto-Perforations-Artisten, deren Aktivitäten die informelle Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit da so kritisch rezensierte, gehörten Micha Brendel, Else Gabriel, Rainer Görß und Via Lewandowsky, die sich an der Dresdener Kunstakademie in der Bühnenbildklasse von Günther Hornig kennengelernt hatten. Sei machten zwischen 1982 und 1991 durch eine Reihe von spektakulären Performances im künstlerischen Untergrund auf sich aufmerksam machten.

Eine Ausstellung im Berliner Kunstverein Ost gibt nun eine kursorischen Überblick über einige der wichtigsten Arbeiten der Gruppe: Eine Installation aus Röntgenlampen macht die ideologische Dauerbestrahlung in der DDR lächerlich. Neben SW-Fotos von Performances, die überlebensgroß an die Wand plakatiert sind, sind Videos und Super-8-Filmen zu sehen, bei denen es zur Sache geht: Mit Farbe besudelt oder in Bondage-Kostümen wird sich gewälzt und gespreizt, mit Ketten an Haken aufgehängt oder auf Liegen gefesselt; Schläuche, Stricke und Kabel umschlingen Körper oder werden in Körperöffnungen eingeführt. Dann kämpfen Zwei auf dem Boden wie junge Hunde. Selbst Holz-Weihnachtsbäumchen aus dem Erzgebirge sehen in den Händen der Künstler plötzlich wie gefährliche Kleinwaffen aus. Und manchmal will man gar nicht so genau wissen, was die symbolische Bedeutung der Gesten und Handlungen sind, etwa wenn ein Künstler einem anderen durch ein Rohr etwas in den kahlgeschorenen Kopf pustet oder Else Gabriel den Mund mit Eiswürfeln gestopft bekommt.

Mit solchen neo-dadaistischen Exzessen gelang es den Auto-Performations-Artisten, starke Bilder und extreme Eindrücke zu erschaffen, ohne sich politisch so eindeutig zu positionieren, dass man den staatlichen Einrichtungen Vorwände zum Eingreifen geliefert hätte. Auch wenn ein Mitarbeiter des Stasi in einer Aktiennotiz empfahl, „Maßnahmen zu ergreifen, damit die genannten Personen einer gesellschaftlich nützlichen künstlerischen Tätigkeit (…) zugeführt werden“ - die Künstler scheinen von direkter Repression verschont geblieben zu sein. Stattdessen gab es kleine Schikanen, zum Beispiel ein anonymer, handschriftlicher Zettel, den Künstlerin Else Gabriel in ihrem Briefkasten fand: „Wir wissen alles! Wir haben auch sogar Fotos.“ Drei der Künstler siedelten noch vor 1989 nach West-Deutschland um.

Die Kunst der Auto-Perforations-Artisten passt zu der speziellen Version der Postmoderne in der DDR und anderen realsozialistischen Staaten, in denen die Entleerung von Begriffen und Bildern zum ästhetischen Programm wurde. So eindeutig wie andere Persiflagen des zu dieser Zeit im fortgeschrittenen Verfall befindlichen Realsozialismus waren die Arbeiten der Auto-Perforations-Artisten nicht: Statt um den sozialistischen Staat und seine zunehmend absurd werdende Ikonographie wie bei Komar & Melamid in der UdSSR oder IRWIN in Jugoslawien geht es bei den Deutschen zunächst mal gegen sich selbst; im Mittelpunkt der Arbeit standen Sinnverlust, Ennui und Verzweiflung über die Verhältnisse, der sich in regressiven Ekel-Exzessen entlud.

Zu dieser Zeit lagen die wirklich schmerzhaften Aktivitäten der Wiener Aktionisten, an die man hier immer wieder erinnert wird, schon einige Zeit zurück, und das ästhetische Spiel mit Dreck, Schmerz und Gewalt war im Westen in der Popkultur angekommen – man denke an den britischen Industrial-Musiker Fad Gadget, der sich 1984 für eine Auftritt in der biederen Musik-Fernsehshow „Formel Eins“ im WDR teeren und federn ließ, eine Aktion, die den Schock-Zeremonie der Auto-Performations-Artisten verblüffend ähnlich sieht.

Wenn man in den Videos der Gruppe sieht, wie mit Feuer gespielt, sich in SM-Outfits geräkelt und mit Farbe und Make-Up eingesaut wird, sieht das heute leider oft aus wie ein Rammstein-Konzert – was nicht nur zeigt, dass auch die extremsten Tabubrüche irgendwann zur Unterhaltungsware werden. Schlimmer noch – die Ikonographie von Selbstzerstörung und Masochismus, mit der die Künstler auf die Bevormundung in der DDR reagierten, lässt sich heute für die selbstgefällige Präsentation von Repression, toxischer Männlichkeit und breitbeinigem Arschlochtum einsetzen. Schon komisch.

„Die Auto-Perforations-Artisten (F.A.Q.)“ bis zum 27. Juli 2024 im Kunstverein Ost (KVOST), Leipziger Str. 47, Berlin-Mitte