Von Tilman Baumgärtel
Mit anderen Künstlern trifft man sich im Atelier oder im Café. Mit Rainer Brendel trifft man sich an der Ecke Mariannenplatz und Waldemarstrasse.
Dort steht ein großer Stromkasten, der für den Künstler ein bevorzugter Ort seiner Arbeit ist - immer wieder übermalt er die wild plakatierten Konzertposter mit Kalkfarbe in seinem ganz eigenen Stil: Pfeile, Grinsegesichter, merkwürdige Internetadressen und vor allem eine etwas nach rechts gekippte Sechs. Doch heute sind es die übrig gebliebenen Wahlplakate an der Straßenlaterne gleich daneben, die ihn zu einem Werk inspirieren: "Das muss man ausnutzen, so lange die noch hängen", erklärt der Mann mit den verstrubbelten grauen Haaren, kariertem Holzfällerhemd und mit weißer Farbe bekleckerter blauer Arbeitshose, während er auf einer Leiter er an einem Laternenmast steht.
Er hat aus einem Poster der Piratenpartei schon den Smiley herausgeschnitten, den er auch selbst gerne in seiner Arbeit verwendet. Dann verdreht er die Plakate an den Kabelbindern, die sie am Laternenmast festhalten, und hat jetzt eine Leinwand für ein neues Werk. Mit einem dicken, blauen Filzstift malt er einen nach unten zeigenden Pfeil, ein Smiley in seinem eigenen Stil und den Computerbefehl "#_type_ALT+1" auf die Kunststoffplatten. Das neue Werk wird nun an der Laterne zu sehen sein, bis die Wahlhelfer der Piratenpartei das Plakat entfernen. Denn die Kunst von Rainer Brendel ist nicht für die Ewigkeit. Sie verschwindet meist nach ein paar Tagen oder Wochen, wenn ihr Träger weggeräumt wird oder wenn der Regen sie abgewaschen hat.
Auch wenn man noch nie etwas von Brendel gehört hat, kennt man als Berliner möglicherweise die Kunst, mit der er seit über 20 Jahren die Straßen der Stadt schmückt. 1995 kam er aus Rheinland-Pfalz nach Berlin, weil er die Aufmerksamkeit nutzen wollte, die die Reichstagsverhüllung Christos für die Kunst bedeutete. In den kommenden Jahren radelte er Tag für Tag auf seinem farbverschmierten Fahrrad durch die Berliner Innenstadt und hinterließ seine Signatur auf Sperrmüll, Plakaten und - wenn auch selten - auf Wänden. Wie ein Schichtarbeiter ging er seiner Tätigkeit diszipliniert und tagtäglich von 14 bis 2 Uhr nachts nach. Dabei entwickelte er eine eigene Technik, wie er - ohne abzusteigen - den Pinsel in den Farbeimer im Transportkorb vor seinem Lenker tunkt und dann wie ein Kalligraph seine Motive mit wenigen Strichen aufträgt. So erklärt sich auch seine bevorzugte Ziffer "Sechs" - die lässt sich halt so schön vom langsam rollenden Fahrrad malen.
Wer schon einmal einen alten Kühlschrank oder eine vergammelte Matratze auf dem Gehweg gesehen hat, auf der eine Sechs, eine kryptische Email-Adresse und ein Spruch wie "Bin Blättersammeln" stand - der hat ein Werk von Brendel gesehen. Weil sein Schöpfer anonym blieb, nannten ihn seine Fans bald "den Sechsenmaler" - eine geheimnisvolle Entität, die scheinbar die ganze Stadt mit ihren privaten Hieroglyphen überzog.
Mit Graffiti hat das für den Künstler nichts zu tun. "Ich habe auch Respekt für den Maler, der eine Häuserwand gestrichen hat, das will ich nicht zerstören", sagt er. Darum benutzt er für seine Kunst Kalkfarbe, die leicht zu entfernen ist, und bemalt nur Gegenstände, die bald von der Straße verschwinden werden: "Nur wenn ich so eine ganz abgefuckte Wand sehe, male ich da drauf." Oder bringt seine Motive mit Laub und Tapetenkleister auf.
Von den schätzungsweise 600 Anzeigen, die die Berliner Polizei im Lauf der Jahre gegen ihn gestellt hat, haben nur zwei zu Verfahren geführt, die übrigen wurden von der Staatsanwaltschaft eingestellt. "Einen Polizisten habe ich sogar von meiner Kunst überzeugt", erzählt Brendel. "Der war erst ganz kritisch, später hat er sich über meine Arbeit gefreut."
Auch eine Veränderung des gesetzlichen Verbots von Sachbeschädigung scheint geradezu für ihn gemacht worden zu sein: „Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert“, wurde 2005 der Paragraph 303 des Strafgesetzbuches zum Tatbestand der Sachbeschädigung ergänzt. Für Nichtjuristen übersetzt bedeutet das, dass unerhebliche und vorübergehende Veränderungen erlaubt sind – und etwas anderes will Brendel mit seiner Kalkfarbenmalerei ja gar nicht erreichen: Seine Kunst fügt der Stadt auf Zeit etwas hinzu; verewigen will er sich nicht.
Wie viele Kunstwerke auf Zeit er in den letzten beiden Jahrzehnten geschaffen hat, will er nicht einmal schätzen - "aber möglicherweise käme ich damit in das Guinness Buch der Rekorde." Bis heute haben sich sogar trotz der verwendeten Kalkfarbe einige seiner frühen Werke aus der Mitte der 90er Jahre erhalten, etwa auf einem Mauerrest an der Wilhelmstraße und am Tacheles.
Zu einer Karriere im Kunstbetrieb hat all das nicht geführt. Brendel kommt zwar in jeder Publikation über Berliner Street Art vor. Aber keine Galerie und kein Museum hat sich je für seine Arbeit interessiert. Brendel hat dafür sogar Verständnis: "Wer ein Kunstwerk von mir haben will, kann es ja auf der Straße mitnehmen. Warum soll er dafür Geld an eine Galerie bezahlen?" Noch heute erinnert er sich mit Verwunderung daran, dass ihm mal ein Passant 100 Mark für eine Arbeit gezahlt habe. "Sonst bekomme ich vielleicht mal fünf oder zehn Euro von jemandem."
Dabei stellt sich durchaus die Frage, was jetzt eigentlich genau der Unterschied ist zwischen ihm und etablierten Künstlern wie A. R. Penck oder Jean-Michel Basquiat ist, die mit Strichmännchen oder Krakeleien im öffentlichen Raum Karrieren begonnen haben, die sie zu Stars der zeitgenössischen Kunst werden ließen. Möglicherweise war das weniger die Qualität ihrer Arbeit, sondern eher ihre Fähigkeit oder ihr Willen, sich auf die Umgangsformen und unausgesprochenen Regeln der Kunstwelt einzulassen. Wer - wie der künstlerische Autodidakt Brendel - dagegen noch nicht einmal einen dauerhaften Künstlernamen vorzuweisen hat und sich mal Artist 6, mal Rex Dildo, mal einfach nur Martin nennt, kann an diesem Spiel nicht teilnehmen.
So funktioniert Brendels Kunst auch als Institutionskritik am Kunstbetrieb, die für einen Künstler wie ihn schlicht keinen Platz hat, selbst wenn die Methoden und die Ästhetik seiner Arbeit eigentlich hervorragend in die Gegenwartskunst passen würden. Und selbst wenn er so vollkommen in seiner Arbeit aufgeht wie Brendel. Der hat statt mit seiner Kunst Geld zu verdienen sogar noch seine Erbschaft investiert: die bis zu 15 Liter Kalkfarbe, die er in seinen produktivsten Zeiten pro Tag vermalte, mussten schließlich bezahlt werden - wenn er nicht Glück hatte und übriggebliebene Farbe auf dem Müll fand. (Besonders ein Malerbetrieb in der Köpenicker Straße ist immer wieder Quelle für Nachschub.)
Inzwischen sieht man weniger neue Arbeiten von Brendel auf dem Bürgersteigen Berlins. Das liegt zum einen daran, dass er nach mehr als zwanzig Jahren auf der Straße öfter krank ist. Das liegt aber auch daran, dass er sich derzeit lieber "um das Internet kümmert". Schon seit den 90er Jahren hatte er eigenen Websites, zwischenzeitlich mehrere Hundert, mit deren Adressen er Geld verdienen wollte. Seit 2006 ist er bei Twitter aktiv, wo er sich als früher Nutzer den Namen "@sex" sichern konnte und inzwischen über zwei Millionen Follower hat.
Außerdem hat er entdeckt, dass man mit den neuen Internationalen Domainnames ebenso künstlerischen Schabernack treiben kann wie mit Sperrmüll in Kreuzberg. Diese vor einigen Jahren eingeführten Internetadressen erlauben nämlich den Einsatz von Sonderzeichen - von den deutschen Umlauten wie ä und ü über Lettern aus den arabischen und mongolischen Alphabeten oder dem Sanskrit bis hin zu graphischen Symbolen. So hat Brendel mit Internetadressen eine Art konkrete Poesie für den Webbrowser entwickelt.
So erklärt sich auch sein neuester Künstlername: !@SeX#─────██████████════█. Aus Open-Source-Programmen hat er außerdem eine App entwickelt, die durch Tastenkombinationen das Arbeiten auf dem PC beschleunigen soll und so "mehrere Jahre Lebenszeit" einspart, wie Brendel verspricht.
Dieser an Hacker erinnernden Geisteshaltung passt hervorragend zu dem Werk des holländischen Künstlerduos Jodi. Dessen beide Mitglieder Joan Heemskerk und Dirk Paesmans sind ebenfalls seit über 20 Jahren im Geiste des konstruktiven Vandalismus tätig - anders als Brendel allerdings von Anfang an im Internet. Als Pioniere der Netzkunst schufen sie seit 1995 kryptische Websites, disfunktionale Betriebssysteme, gestörte Computerspiele und lästige Apps für das iPhone. Bei einer gemeinsamen Ausstellung in der panke.gallery im Wedding kann man seit dem Wochenende sehen, wie diese beiden künstlerischen Œuvres kollidieren - und dabei auch eine der ganzen selten institutionellen Ausstellungen von Rainer Brendel erleben.
Dabei haben die Künstler für die Ausstellung die Medien gewechselt: Jodi, die sonst ausschließlich mit digitalen Medien arbeiten und deren Werke man normalerweise nur auf Monitoren zu sehen bekommt, haben eine Auswahl ihrer Lieblingssonderzeichen im Großformat ausgedruckt, was sie wie Höhlenmalerei des Informationszeitalters aussehen lässt. Und Street Artist Brendel präsentiert seine Internet-Arbeiten – neben einigen Wandzeichnungen – auf meinem Computerbildschirm.
#idnSTREETart. StreetArt meets net.art. Eine Ausstellung mitJODI und ! @SeX#─────██████████════█ bis zum 25. Oktober 2017 in der panke.gallery, Gerichtsstrasse 23, Hof 5, in Berlin-Wedding. Am Mittwoch, dem 18. 10. um 18 Uhr spricht Rainer Brendel bei der Ausstellung über seine Arbeit.