Wer "Schulen ans Netz" fordert, liegt im Moment in Deutschland auf der sicheren Seite. Einigkeit bei Lehrern, Politikern, Unternehmen. Seit kurzem verkabelt die deutsche Telekom und ihr Online-Dienst T-Online die 40 000 Schulen in Deutschland. Ihnen allen will das Internetunternehmen in Zukunft Computer, Vernetzung und Internetzugang spendieren - und zwar "für immer und ewig", wie Telekom-Chef Ron Sommer versprach, als er in Berlin den ersten "T-Cl@ssroom" einweihte. Sein Unternehmen sicherte sich damit exklusiven Zugriff auf Generationen von zukünftigen Kunden, die nun schon in der Unterstufe in die Software der Firmen Microsoft und T-Online eingewiesen werden.
Auch der Verein "Schulen ans Netz", das Berliner Landesprogramm "Computer in die Schulen" oder die "Initiative D-21" drängen auf die Computerisierung der Ausbildung in Deutschland. Die "Initiative D-21" fordert auf ihrer Website: "PC und Internet müssen ganz alltägliche Instrumente des Lehrens und Lernens werden."
Angst vor der Hightech-Welt
Der deutschen Einmütigkeit fährt nun der amerikanische Autor Clifford Stoll in die Parade. Sein Buch "LogOut" ist eine präzise und sachkundige Kritik an dem unreflektierten Internetkult, der in den letzten Monaten auch das deutsche Bildungswesen infiziert hat. Doch Stoll ist kein Technikfeind, und gerade das macht sein Buch glaubwürdig. Er hat selbst als Programmierer an der Universität in Berkeley gearbeitet, und die in dieser Zeit erworbene Erfahrungen zeichnet "LogOut" aus.
Wer sich schon länger fragt, ob es genügt, Rechner in Schulen zu stellen, ohne zu überlegen, wie man sie in den Lehrplan einbezieht, findet seine Zweifel hier bestätigt. "In Zeiten, in denen man die Mittel für Erziehung und Ausbildung kürzt und Bibliothekare entlassen werden, ist es empörend, das wenige Geld in schnell veraltende Computer zu stecken", schreibt Stoll. "Wer profitiert vom Trend zum Computer? Natürlich die Firmen, die die Klassenzimmer verkabeln und vernetzen, dann die Telefongesellschaften, die Internet-Provider und die Medienproduzenten. Was wissen diese Firmen schon über Kindererziehung - und was kümmert sie das?"
Er listet einen ganzen Katalog von Einwänden gegen den Computergebrauch in der Schule auf: Computer können Lehrer und schlüssige pädagogische Konzepte nicht ersetzen. Viele Erwachsene seien von der neuen Hightech-Welt eingeschüchtert und versuchten, ihre Hilflosigkeit dadurch zu kompensieren, dass sie ihren Nachwuchs vor teure Rechner setzten - an denen diese dann "Resident Evil" und "Mortal Combat" spielen.
Ein Computerraum kann für Stoll keinen Physiksaal und kein Chemielabor ersetzten. "Ich lernte eine Lehrerin für die zweite Klasse kennen", beschreibt er ein abschreckendes Beispiel, "die alle Magnete aus dem Klassenzimmer entfernte, weil sie befürchtete, die Disketten könnten damit gelöscht werden. Die Schüler untersuchen den Magnetismus nun mit einem Multimedia-Programm."
Zweifelhafte Lernprogramme
Besonders kritisch steht Stoll den Informationen aus dem Internet gegenüber, die über die Computer in das Klassenzimmer strömen. Denn die werden im Gegensatz zu denen in Schulbüchern nicht redaktionell überprüft - gegen die "Wüste Internet" hat Stoll schon in seinem letzten Buch polemisiert.
Zu Recht schlägt Stoll immer wieder auf "Lern-Software" und so genanntes Multimedia-Edutainment ein, also auf Programme, die zum Beispiel Kinder für richtig gelöste Rechenaufgaben mit einem Kurzfilm belohnen. Auch die in den USA an einigen Schulen praktizierte Idee, alle Schüler mit Laptops auszustatten, ruft nur Stolls Spott hervor: "Vergleichen Sie mal ein zehn Jahre altes Lehrbuch mit einem zehn Jahre alten Computer!"
Wortreiche Wiederholungen
Stolls Buch hat aber auch Schwächen. Nach 100 Seiten hat er alles gesagt, was er zu dem Thema zu sagen hat, walzt seine Erkenntnisse aber dennoch auf 250 Seiten aus. Die füllt er zum Teil mit wortreichen Wiederholungen, zum Teil mit allgemeinen Plattitüden über die Hässlichkeit des Computerdesigns, über Power-Point-Präsentationen und die angebliche Isolationen von Internet-Nutzern. Dabei verfällt er gelegentlich in den fanatischen Ton des Eiferers, und man ist nicht erstaunt, als man in einem Nebensatz erfährt, dass Stoll auch Fernsehen, Alkohol und Rauchen für verwerflich hält.
Wenn es nach Stoll ginge, würde der Rechner wahrscheinlich vollständig aus dem Unterricht verschwinden. In der Schule, wie er sie sich vorstellt, wird nach alter Väter Sitte mit Kompass, Mikroskop und Fernglas gearbeitet. Ob das die richtige Antwort auf die zunehmende Computerisierung unserer Lebenswelt ist? Wenn der Rechner ganz aus der Schule verbannt ist, werden die Kinder erst recht nicht den kritischen Umgang mit ihnen lernen - obwohl Stoll genau das fordert.
Trotzdem: bevor eine Schule flächendeckend mit Computern ausgestattet wird, sollten Eltern und Lehrer erst mal dieses Buch lesen. Vielleicht entscheiden sie danach, dass ein Schulteich eine wichtigere Einrichtung ist.