VON TILMAN BAUMGÄRTEL
Am liebsten würde sie heute Abend Stand-up-Comedy machen, sagt Laurie Anderson zu Beginn ihres Auftritts im Haus der Kulturen der Welt am Sonnabend. Stand-up-Comedy sei toll, denn da bräuchte man nicht mehr als ein Mikrofon, und könne ansonsten auf der Bühne herumgehen, was ja auch ganz gut aussehe. Bei ihren Konzerten dagegen - die ganze Technik. Irgendwas funktioniere immer nicht. Und dann hänge sie wieder bei der Probe am Handy, um sich von einem Techniker in New York erklären zu lassen, wie sie das Problem beheben soll.
Das seien Herausforderungen, die der Stand-Up Comedien nicht kennen würde. Es gäbe da nur ein Problem: Sie kennt nur zwei Witze. Einen davon erzählt sie auch gleich. Der ist zwar nicht schlecht, aber auch nicht richtig neu. Trotzdem wird höflich gelacht. Aber um zwei Witze zu hören, ist heute Abend natürlich niemand hier.
Markenzeichen braucht sie nicht
Denn alle wissen, dass punktgenaue Pointen nicht die Sache von Laurie Anderson sind. Ihr ganzer Auftritt ist zwar im Grunde ein einziger langer Monolog mit musikalischer Untermalung, also strukturell tatsächlich so ähnlich wie ein Abend mit einem Kabarettisten. Aber was sie da erzählt, führt nie auf eine Pointe, eine Botschaft oder eine Einsicht hin, die man mit nach Hause nehmen kann. Denn darum ging es bei ihrer Version des postmodernen Pokerfacetums von Anfang an: Den Sinn aus der Darbietung zu nehmen, große Worte und Statements zum Soundbite zu reduzieren, aus Lakonie und betonter Indifferenz eine Waffe zu schmieden.
Dass sie trotzdem an zwei Abenden in Berlin das Haus der Kulturen der Welt ausverkauft und am Sonnabend von einem mehrheitlich jugendlichen und weiblichen Publikum mit stehenden Ovationen gefeiert wird, zeigt, dass man auch zum Avantgarde-Pop-Klassiker werden kann, wenn man nichts von all dem tut, was man gemeinhin von einer Künstlerin erwartet, die seit fast einem halben Jahrhundert im Einsatz ist: Wenn Laurie Anderson ein Markenzeichen hat, dann ist es dessen Abwesenheit. Aber merkwürdigerweise klingt alles, was Laurie Anderson macht, immer genau wie Laurie Anderson.
Die 69-Jährige ist eine Performance- und Multimedia-Künstlerin, deren Werk sich der Musealisierung hartnäckig entzieht. Sie gehört zu den Erneuerern der elektronischen Musik und hat eine Reihe von eigenen Instrumenten entwickelt, ist aber bis heute nicht wirklich in den Kanon der Avantgarde aufgenommen worden.
Obwohl sie Mitte der 80er-Jahre mit "Home of the Brave" und "United States" zwei opernartige Werke komponiert und rund um den Globus aufgeführt hat, musste sie 1989 Gesangsstunden für ihr Album "Strange Angles" nehmen. Eine beeindruckende Sängerin ist sie bis heute ebenso wenig wie eine große Instrumentalistin - bei ihrem Berliner Konzert beschränkt sie sich weitgehend auf vom Blatt abgelesene Texte über musikalische Skizzen, die sie von einem Keyboard abruft und mit betont nachlässig heruntergespielten, minimalistischen Figuren von ihrer digitalen Violine verziert. Und warum da dieser Ledersessel auf der Bühne steht, der manchmal von Kunstnebel umwölkt wird - wer weiß?
Ein Konzert ist ihr Auftritt in Berlin jedenfalls nicht. Er ist auch keine Dichterlesung und keine Multimedia-Performance mit Filmprojektionen, sondern etwas, das von all dem weiß, aber jenseits solcher Konventionen einen eigenen Raum gesucht und gefunden hat. Und dadurch eine konsequente Klarstellung, dass diese "Formate" nur lässliche Beschränkungen sind, denen man sich genauso gut verweigern kann. Wie auch dem Zwang, als Künstler etwas sagen zu müssen, was über das Erzählen von komischen Geschichten hinausgeht.
Der Großvater aus Schweden
Es sind Geschichten über ein Treffen ihres New Yorker Leseclubs, bei dem der diskutierte Autor mit einer Google-Brille auftaucht und einen schlechten Eindruck macht. Geschichten über das, was ihr Pfarrer in ihrer Jugend predigte. Geschichten, die ihr Großvater zu erzählen pflegte, der als Kind aus Schweden in die USA kam, im Alter von neun Jahren Pferde verkauft und mit zehn ihre Großmutter geheiratet hat. Die Wahrheit dürfte um einiges düsterer sein. Um kohärente Geschichten geht es bei Laurie Anderson nie, sondern nur um gute, wenngleich auch möglicherweise seltsame Geschichten. Und darum, dass man mit sich selbst identisch sein kann, auch und gerade, wenn man sich aller Identität verweigert.
--- BILDUNTERSCHRIFTEN / ZUSATZANGABEN ---
Bildunterschrift: IMAGO Fotografen waren nicht erwünscht. Laurie Anderson bei einem früheren Auftritt.