Allgemeinplätze und Verschwörungstheorien

Europa als Beute

Nun hat auch Deutschland seinen ersten „Alt-Right“-Film: „Europa als Beute“ von Christoph Schuch und Reiner Krausz. Der Film rührt – möglicherweise berechtigte – Kritik an der Europäischen Union und sozialer Spaltung wahllos zusammen mit politischen Allgemeinplätzen und Verschwörungstheorien, verantwortungslosem Gelaber und barem Unsinn. Diese Formel erinnert stark an die filmischen Machwerke, die Steve Bannon produzierte, bevor er Einflüsterer und Aushilfs-Darth-Vader im Hofstaat von Donald Trump wurde. Ob die Filmemacher bewusst in diese Kerbe schlagen, oder ob sie ein Thema gewählt haben, dem sie geistig schlicht nicht gewachsen sind, sei einmal dahin gestellt. Aber wer Leute wie Dirk Müller oder Daniele Ganser vor die Kamera setzt, müsste eigentlich schon wissen, was er da tut.

Die simple politische Botschaft des Films lautet ungefähr so: Die USA haben ein willfähriges Europa unter ihrer politischen Knute. Der Hauptzweck der Europäische Union ist es, die südeuropäischen Länder durch aufoktroyierte Sparmaßnahmen platt zu machen. Durch deren Politik im Allgemeinen und ihre Maßnahmen zur Bewältigung der Finanzkrise im Besonderen werden die Armen ärmer und die Reichen reicher.

Auch wer diesen plakativen Aussagen zunächst zustimmt, dürfte dieser Film bald befremden. Denn filmisch illustriert werden diese Plattitüden zunächst einmal durch Aufnahmen von Investitionsruinen in Spanien. Die sehen zwar tatsächlich megaloman und überkandidelt aus. Aber bei näherer Betrachtung erweisen sie sich als Produkt der Geltungssucht von Lokalpolitikern, nicht von finsteren EU-Umtrieben. Da der Film seine Argumente visuell nicht untermauern kann, müssen Talking Heads ran, die dann unkontrolliert reden dürfen.

Und reden und reden und reden. Gefühlt die Hälfte des Films dürfen Daniele Ganser und Dirk Müller ihr ganz spezielles Weltbild verbreiten. Kompetente, integre Kritiker des Neo-Liberalismus oder der Europäischen Union gibt es ja nun wahrlich genug. Warum muss man da ausgerechnet diese Figuren vor die Kamera setzen?

Der Schweizer Daniele Ganser, der unter anderem Bücher über die Geheimoperationen der CIA geschrieben hat, ist als Wissenschaftler diskreditiert, seit er 9/11-Verschwörungstheorien verbreitet. Und Dirk Müller ist dieser volkstümliche Börsen-Quatschkopf mit den silbernen Anzügen und dem hessischem Zungenschlag. Der saß vor Jahren unter der DAX-Kurstafel an der Frankfurter Börse und wurde so lange zusammen mit der Tafel fotografiert, bis die Öffentlichkeit und er selbst sich für „Mr. Dax“ hielten. Müller nutze seine mediale Bekanntheit, wurde Anlageberater und Buchautor und hat sich einen treuen Fankreis von Leuten gesichert, die es bei der Erklärung von Wirtschaft nicht allzu kompliziert haben wollen. Und die sich auch nicht von abstrusen, unbewiesenen Theorien abschrecken lassen wie die, die er in seinem Buch „Showdown“ verbreitet. Da erklärt er den stauenden Lesern nämlich die Griechenlandkrise als US-Verschwörung, die von Geheimagenten ausgelöst wurde, um sich griechische Energiereserven im Mittelmeer zu sichern und den Euro zu destabilisieren.

In dieses Horn stößt Müller auch im Film und erklärt anschließend die gegenwärtige Krise Europas mit einem 1997 (!) erschienenen Buch von Zbigniew Brzezinski, einst Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter. Der beschrieb in „Die einzige Weltmacht“, wie die USA den „eurasischen Kontinent“ in Zukunft unter Kontrolle halten sollten. Die Resultate dieser Methoden erleben wir laut Müller heute, zwanzig Jahre später und trotz einer schon unter Obama eingeleiteten Rückzugsstrategie aus der internationalen Politik. Daniele Ganser wartet unter anderem mit einem unbestätigten Zitate von Lyndon B. Johnson von 1964 auf, um die anti-europäische Richtung der heutigen USA zu belegen.

Die USA sind an allem schuld? Möglicherweise ist es mit diesem Weltbild aus der Zeit des Kalten Krieges zu erklären, dass hier zwei altlinke Filmemacher in derart trübe ideologische Gefilde abgeglitten sind. (Christoph Schuch hat immerhin mal einen Film über Ton Steine Scherben gemacht...) Ihr Film wirkt jedenfalls, als sei er aus den Trollkommentaren in den Leserforen der deutschen Presse zusammengebastelt.

suggestiv, sprunghaft, oberflächlich und pauschal,

Angereichert mit Gerede von „korrupten Eliten“ und aufgepeppt mit Bildern von wütenden Demonstranten und Polizeigewalt erzeugt das genau den apokalyptische Sound vom Untergang des Abendlandes, den man von populistischen Pöbelmedien von „Tichys Einblick“ bis Russia Today (RT) kennt.

Dass dieser Film überhaupt ins Kino kommt, ist eigentlich erschreckend genug. Dass viele der Kinos, die den Film zeigen, aus dem Alternativmilieu stammen, macht die ganze Sache noch gruseliger. Komplett verstörend ist, dass dieses Machwerk von der Hessischen Filmförderung subventioniert wurde. Und dass es von der Edition Salzgeber vertrieben wird, die bisher eher als Heim des schwul-lesbischen Films von Monika Treut bis Axel Ranisch bekannt war.

Irgendwie scheint auch nach Brexit und Anti-EU-Gestänker von AfD bis Orban nicht jedem klar zu sein, dass Kritik an der Europäischen Union nicht automatisch links oder sonstwie progressiv ist. Offenbar fehlt noch immer ein Gespür dafür, auf welchen Ton man achten muss, wenn sich rechte Populisten als Kapitalismuskritiker aufspielen. Die Internet-Wutbürger haben da ein feineres Ohr. Auf der Facebook-Seite des Films finden sich schon Kommentare im bekannten Stil: Der Film würde Leute zu Wort kommen lassen, die dem „Mainstream ein Dorn im Auge (sind)... weil sie die Dinge offen beim Namen benennen.“ Nimm das, Lügenpresse...

Tilman Baumgärtel