"Angst haben alle!"
Harun Farocki: Die Bewerbung, arte, 18. Februar, 20:45 Uhr
(Hallo Red., Termin bitte nochmal prfen, da ich von den nur durch mndliche šberlieferung weiá...)
Immer wieder gehen Tren auf. Verlegen l„chelnde KandidatInnen treten in den Raum. H„ndeschtteln. Hinsetzen. Luftholen. Und dann geht es los: "Was sind Ihre gr”áten St„rken?" - "Warum wollen Sie diesen Beruf ergreifen?" - "Weshalb glauben Sie, daá ausgerechnet Sie fr diese Stelle geeignet sind?" - "Was sind Ihre Gehaltsvorstellungen?" Und bei Frauen auch schon mal: "Sind Sie schwanger?"
In Harun Farockis neuen Dokumentarfilm geht es um das Bewerbungsgespr„ch. Das ist in einer Zeit, in der die Arbeitslosenzahlen im Osten Weimarer Dimensionen angenommen haben, ein aktuelles Thema. Und es ist von ziemlich abgrndiger Ironie, daá die Bewerbungsgespr„che in diesem Film alle bloá šbungen sind. Denn Farocki hat in Kursen und Ausbildungszentren gefilmt, in denen Arbeitslosen und Schlern beigebracht wird, wie man sich professionell bewirbt. Drauáen in der wirklichen Welt verschwindet die Arbeit, aber im Seminarraum proben lernwillige Langzeitarbeitslose und "Berufseinsteiger" ihren ersten Auftritt beim Arbeitgeber, als w„re es ein Theaterstck. Bezahlt wird das Ganze wahrscheinlich vom Arbeitsamt. Und die einzigen, die noch Arbeit haben, sind die Bewerbungslehrer...
Seit fast zwanzig Jahren dreht der deutsche Autorenfilmer Farocki Dokumentarfilme, in denen "Leben gespielt" wird. Statt um Authentizit„t - wie den traditionellen Filmdokumentaristen - geht es ihm gerade im Gegenteil um die Inszenierungen von Realit„t, um Situationen, in denen der Ernstfall bloá gebt wird. Farocki: "Als ich bei einer Managerschulung sah, wie die Manager Arbeiter spielten, da dachte ich: ïMensch, das ist endlich Brecht!ï In seiner extremsten Zeit hat Brecht ja gefordert, daá das epische Theater nur fr den Schauspieler wirken soll, der es ausfhrt. Bei diesen Rollenspielen geht es um dasselbe: Das Rollenspiel ist weniger fr die Anschauung eines Publikums da, sondern als Lehre fr den Spieler."
In Filmen wie "Leben BRD" (1990) oder in dem mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten "Die Umschulung" (1995) hat Farocki seine Kamera ausschlieálich auf Unterrichtssituationen und Trainings gerichtet: Vom Erste-Hilfe-Kurs des Roten Kreuz bis zum Managertraining, von den Weight Watchers bis zur Psycho-Selbsthilfegruppe. Diese oft absurden Kurse sind auch Karikaturen einer post-fordistischen Dienstleistungsgesellschaft, in der die Repr„sentation mehr gilt als die Qualifikation.
In "Die Bewerbung" zeigt Farocki eine Gesellschaft, die vollst„ndig auf ihr Abbild hin operiert. Immer wieder rckt die Kamera (Ingo Kratisch) Camcorder und TV-Monitore in den Klassenr„umen in den Bildmittelpunkt und betont so, daá die Prflinge ihr Agieren wie einen Fernsehauftritt inszenieren. Als ein Bewerbungssimulant sich im Vorstellungsgespr„ch verspricht, sagt er: "Das streichen wir aus dem Gespr„ch", und dann mit Grinsen in die Kamera: "Und aus dem Film auch."
Die "Video-šberwachung" der Bewerber bernimmt Farocki auch als filmische Methode und spult einzelne Szenen vor und zurck wie mit dem Videorekoder. Das und die musikalische Untermalung (aus Neil Youngs "Dead Man"-Soundtrack!) unterscheidet "Die Bewerbung" von den vorangegangenen Beobachtungsfilmen Farockis, die der Methode kommentarlosen Abbildens des Cin‚ma V‚rit‚ verpflichtet waren.
"Angst haben alle", sagt einer der Ausbilder in dem Film; die Trainings sind auch therapeutische Strategien gegen diese Lebensangst. Und dann glotzen alle pl”tzlich fnf Minuten lang ins Leere, die Ausbilderin zupft sich an den Lippen, die Schler reiben sich die Nase oder die Augen, oder fummeln mit ihrem Kuli rum. Solche Bilder bekommt man im Fernsehen sonst wirklich nie zu sehen.
Tilman Baumg„rtel
ei Frauen auch schon mal: "Sind Sie schwanger?"
In Harun Farockis neuen Dokumentarfilm geht es um das Be xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx